Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und Europäischen Dingen: das waren große Schulden — das waren schwere Zeiten — das waren schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem Meere ist Freiheit!« — Uns war es die Freiheitsschule.
Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle, daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: Land! Da rief sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! — Es konnten diesmal, da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf — sahe Land, sah in seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika — er dachte gewiß an seinen Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären. Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«
Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich erblicke ich, ein Gesicht — Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber — sie hatte eben das Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an. Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!
Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:
Da laß ich mich ihn fangen;
Die Mutter küßt mich sehr!
Drauf soll ich wieder fliegen —
Da bin ich schon nicht mehr!
Da steht sie tief betroffen,
Denkt bang an mich und schwer;