Begräbt mich bei dem Weinstock —
Der sagt ihr: daß Ich’s wär’! —
Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida, dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche Zaubergärten! Gesträuche und Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen, wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin! Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder Schnee — aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen, wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit funkelndem, strahlendem Thau! — Da hinab — in dies Paradies, das, hierher in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht — da hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün, wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten, und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen: »Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein Lüftchen, kräuselte das Meer — und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache vom Mastkorb: Land! Land! Licht! — Denn es war Nacht. Und in der Nacht fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen Welt, dessen Sicilien Cuba heißt.
Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen! Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich glaube, schweres Geld!«
Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk’ Er doch! — Am Morgen war uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloßen Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen.
Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll Früchte, ja mit Palmen!
Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land. Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog segenverstreuend in’s Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische Überschrift mit Gold geschrieben zu sehen:
FRIEDE. BROT. FREIHEIT.
Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder. So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das Schiff stand, — als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das »Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas, daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich weinte. Auswandern — sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu mir. Steh’ also auf aus dem Grabe! Steh’ auf in der neuen Welt, mit neuem Leibe und neuer Kinderseele!
Ein Gesundheitsbeamter kam — er fand uns Alle gesund, und wir durften an’s Land! — Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an’s Land zu steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!« Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das Delta, durch die vielen Bayous in’s Meer, und nur weil er in Empörung war! Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen! Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide — durch unzählige Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem. Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer, wie sie wünschte, mich sahe — da stand sie ganz auf, und leise, leise bog sie ihr Köpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets zu vernehmen — und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt sie die Augen niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen.