Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen — denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im Schiff — aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem jungen Weibe ganz Verworrenen ein — da sprang sie plötzlich auf und stieß einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen, hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu — ich blickte im Zimmer umher — es war hell! ich blickte nach dem Fenster — ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. —
Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor Schrecken, und Furcht. — »Sehen Sie dort! Dort auch!« — sprach sie auf französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« —
Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen bis auf den Teppich. — »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind verloren!«
— Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt. Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.
»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend, irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen. Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier, hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied! Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? — Ach, wie entflieh’ ich? Retten Sie mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt’ ich erst leben, und soll nun sterben!«
Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde, glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen, reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen — — Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses, menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.
»— Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht —
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«
So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange, mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt’ ich sie, retten . . . .
— und ich war bereit.