Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er war nicht da — in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand, als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn mit so guten Bissen füttere!
In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß, den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm seinen Sohn Wilhelm bringe!
Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben seyen.
O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! — Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter und Bruder — ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben — weil sie beide zu ihm gewollt — weil ja die Mutter gestorben sey — — — da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten: »Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen.
Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn — und als die Thür schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall! — Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen Knaben, der nun mein war.
Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz, worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings, zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von meinem Fach — aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich sah — Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. — Auch will ich nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre, daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid. Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten, daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen! Jedes ganz verschieden.
Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse Freysingen bankrot sey! Daß Erwin sie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.
Das war Ein Brief.
Dann schrieb mir meine liebe Clöta aus Neu-Orleans nach manchen andern und vielen Eingängen, daß ihre »schöne,« ihre »seelengute,« ihre »reiche,« ihre »junge,« ihre »geliebte und liebenswürdige« Herrin Josephine — seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht bedauernswürdig krank. Ihre großen Augen seyen noch größer, noch schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe — und von mir! Sie rufe mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich Clöta), daß ihre Herrin seit meiner Abreise krank geworden, und wohl nicht besser werden möchte, wahrlich nicht möchte — so gleichgültig sey ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken. Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten — das schickt Clöta mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.«
Das war der zweite Brief.