Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den Namen Mosburg, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes Namen, wie der Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.
Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war Perkins! —
Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem Tuche.
Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.
»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er.
Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos aus Neugier.
Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk werden sollen, so müssen Alle für Alles solidarisch einstehen, so weit es Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen, der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.«
Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst. Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« —
Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen, auf Reisen eine Commission anzunehmen — denn wie bitter war mir die meine! Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht, daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können. Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt. Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier — für meine alte blinde Großmutter — es war der Koffer des jungen Mannes, auf dessen vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so, daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen — und kam nie wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn. Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen versuchte — er wußte nicht mehr.
Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt. Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen — und wie aufrichtig! Wie der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule — aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in ihrem Fach — besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen sind kein Volk.«