— — Unterstehe Dich! und sag’ ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, — und näher mir wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!
Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten, könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen; und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan!
Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt!
Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese hier meine äußere, leibliche.
O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu führen.
Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand ergreifen — und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals.
Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit meinem Munde ausgestoßen — so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen flogen — daß Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen; aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter — denn Josephinen stand dereinst erst dies Glück bevor. — Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70 Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet allerhand Unheil.
So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte; Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die Früchte zu früh reift — daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk — dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und — was ich heimlich mit Thränen sah — sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter, die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr, recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend, unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich. Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria und unsern Wilhelm Mosburg bezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie — des Nachts — und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte wieder an’s Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder, denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun, weil sie nicht können.
Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren also alle Weiße adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen — Canaille, und fühlen sich nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter — gewesen. In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.«
Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi, nach und nach in immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen; und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft, und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten — in ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie rührend und schön ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst über alte Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit — rührten mich. Baton; Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber, kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr königliches Vaterland verlassen; ein griechischer Bischof führte sie. Das zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war, von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. — »Man hat mir meinen Vater erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit gebracht, daß sein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky, dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind. Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn, meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist, daß Einer auf unsern 7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen — mir hatte mein Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; — er ist nicht auf der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert! Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die Europäer — welche hier nur die Verwahrloseten heißen — noch das halbe Judenthum, und das ganze römische Heidenthum in ihrem italiänischen Glauben und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger. Aber sie sprachen den Mosburg nicht frei, weil sie grade glaubten, einem Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn. Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im Himmel, und ewig, ewig.« —