Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn — ich dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.

»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu. Sie war blaß, ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst, ohne mich anzusehen: — »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war seyn Sohn! Und wie erkannt’ ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum schickt’ ich in Zeiten ihn fort!«

Was sollte ich sagen? — Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie beleidigt? War ich zu heiter — war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel im Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so heiter! Und alle die Angst!«

Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, daß die Fremde hier gestorben sei, damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß bleibe . . . .

»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?«

Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben. Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs Schwestern, die auch vom Schiffe an’s Land gekommen; sie sahe mich fragend an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforce ging, und nachdem sie von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . . oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann, der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen.

Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön, so seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei — denn sie sei die Wittwe seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte er damit nur mein Weib gemeint.

Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu werden, und dann müsse er mit, oder nach mir — denn er habe noch Vieles und Schweres zuvor zu besorgen — nach Philadelphia, nach Washington. Dabei gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that. Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in’s Land, den Strom auf einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten, auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen Landsitz brachte.

In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien und Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann zu seyn — fiel folgendes Gespräch in mir vor:

— Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich lebe noch — auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte!