»Zufällig eingeschlossen, — von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett. Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig. Ich sah Sie forteilen ohne mich — ich eile nach; da entdeck’ ich, es ist Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth’ ich mit Recht, daß Sie noch im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewiß hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre, und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne das andere was werth — wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist mir nun nichts! Doch nein — die Freiheit ist mir die Erlaubniß im Vaterlande zu wohnen!«

So verließ er mich weinend.

Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum? Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Großmutter Sohn war gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind — ohne ihren liebsten Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme, ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat . . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . . und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten . . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .

Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste — aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ich beschloß neu zu seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich — 40 Jahr! In meinen schönsten Jahren!

Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für viele Menschen — für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich — im Traume!

Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind: Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten. Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war barbarisch hungrig — in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen, war ich barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! — Ich goß Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war! Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu wandern. Wollt Ihr faul werden? — faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen, unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? — Selber Bienen, die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung im Überfluß finden, werden faul, das heißt: sie nähren sich blos. Oder, liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden, Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig, macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind unglücklich? — Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder, vermeidet die Küste von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein Wein wächst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut — und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl gethan! — Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes — und schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen Reiseplan vorgezeichnet — und ich war nur auf einige Staaten gewiesen, freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen, das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde — ich kannte das Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock — ja, um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.

»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen — »nun, wie schlief es sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen! Das vergeben Sie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus ihrem Dintenfaß — schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt’ ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, — — Ich mußte lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte, lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.

Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht.

Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie, besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt, die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebäuden die Sclaven standen, die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde, noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen: »Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle freuen sich mit Euch!«

Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« — Nun umkniete mich der Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ — quand viendrat — il en Amerique?«