Auf solche unbestimmte Antwort drängte mich meine arme Tochter, die mir herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher — ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über das ganze Land gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer — aber meine Tochter hatte alle Amerikaner satt, durch Einen, und Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding, oder höchst anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben — auch an mich; ich empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem Briefe fort.

Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen, die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde.

So geh’ ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel. Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase. Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch schöne, aber blasse Wangen — das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.

Josephine! ruf’ ich.

Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß, wär’ ich ihr zu Füßen gefallen.

In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu. Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut. Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin’s, die hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« —

Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet und hin ist.

Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst zu, den Engel zum Weibe zu bitten. — Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth.

Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir.

Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen.