Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos, oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken — aber die Edle küßte mich nicht! Doch — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie der Bräutigam — meine Wenigkeit — zu Tische.

Wie wenig essen Glückliche!

Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen — und jeder Eingang mit dem Worte »gestehen« taugt gewöhnlich nicht viel — ich schämte mich vor meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges, und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen — daß sie so liebte bis zum Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus. Aber dabei mußt’ ich nun bleiben.

So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen — hier zu Lande war kein langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede, wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen — so gerührt war er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste.

Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte — ihrer schimmernden Farbe wegen.

Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun wieder — versteht sich ohne den rechten Namen — von ihrer guten Mutter reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein — als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio nach Philadelphia, ja nach Europa.

Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.« Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem 19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für Entschlüsse gefaßt, als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen? Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung, daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber — in meiner Weise, der mitleidigen, hülfreichen — mein Heimweh bis zur Angst. Und ich wand die Hände.

Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute, unvergleichliche Ohio — worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten Niederlassungen der Einwanderer harret — waren wir im November endlich in Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeßliches Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr wiederum meiner Frau.

Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph, welchen, wie ich jetzt erfuhr, sie in eine vortreffliche Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein. Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam — bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes Wort: »Ist die Mutter drunten?«

Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.