Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph, mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben, denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf, und die Geschwister weinten reine Freudenthränen.

Eines Abends darauf — es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht — kam meine heimliche Frau zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.

Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. — »Ach, dort!« sprach sie und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln stehende Männer, deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt — es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu. Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben. Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen. Sie grüßten leicht und zuversichtlich — und ich hatte die Ehre und das Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen — als im Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ:

»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ich will auch nicht leugnen, daß ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht — aber mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . .

Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich herum schlüpfen wollte — ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte.

Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe ich nicht frei war — denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven hat, der ist selber ein Sclave — eher schämte ich mich Dir mit einem Worte zu nahen — und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht wahr — ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht — und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab’ ich verstanden! Das hab’ ich geehrt.«

»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General.

Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen — wenn Alles vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So haben die guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. — Das war mein innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater! Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in allen Dingen. So meine ich.

»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und ich danke Ihnen für Viele, Senator.«

»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England, woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand Liebe und Ehrfurcht. — Also mir keinen Dank, Präsident!«