Gott’s Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen 27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.
. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach Deutschland.« —
Ich erschrak billig und unbillig.
»Ich meine in die Schule,« fuhr er fort, »in die mein gewesenen zwanzig Dörfer der Freysingen; denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur Ausstattung mitgegeben. Die Güter der Einzelnen habe ich gekauft. Die Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Künftig folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, daß Sie dagegen 5000 Männer hersenden; denn so viele können gleich einen eigenen Staat gründen und sich eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das Schloß der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!«
»Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;« sagte mir der gegenwärtige Vater des Volks, »Jeder, wie er will. Nur recht für sich und nicht unrecht für Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und bemerkt?«
Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali: keinen Majestätsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung stürzen will, keinen Bettler, keinen Krüppel, keinen Executor, keinen sogenannten Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schloß ich.
Es sollte aber noch ärger kommen, denn er wiederholte: »Nein, ich meine, Was Sie hier bemerkt haben?« — Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine Cultur, keine Religion, — oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit — aber mich überkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . »um ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh’ ich, Gott helfe mir, Amen!«
Der Volksvater legte die Hand an’s Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein lächelnd: »Sehn Sie umher, lieber Vater! Es giebt ein großes Thier, dem der Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem großen Thiere Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen! das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin, wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So muß die Sittlichkeit auch der Menschenschöpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet, wie ein unsichtbares, aber festes Netz — das Niemand fängt, der es nicht sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.«
Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hören, was ich hörte; und hörte nun weiter: »Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die Staatsgewalt die ächte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle ebenbürtigen Gewalten neben sich grade befördert; alle Gewalten nämlich, die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die Gewalt der Seele: die sittliche oder religiöse Gewalt, und die patriarchalische, die väterliche, die hausväterliche Gewalt. Diese zwei Gewalten müssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf nicht einmal ein Scherge klopfen — also auch kein Priester. Es giebt also Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre Recht, die wahre Freiheit zu Hause, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu Herzen! — und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit aber ausfüllen muß und darf und kann! meine ich.«
Jetzt fielen Kanonenschüsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte wurden mir ordentlich eingedonnert.