»Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, Überfluß und Reichthum keine Kunst? Wo wird sie also eher aufblühen oder eher auslöschen, hüben oder drüben? — So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie, gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begründete Armuth sind Fleiß, Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewährt! Und wenn Viele im Lande 100,000 Dollar haben, was hindert das, daß nicht Alle so viel erwerben und haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nicht vorreich seyn will, sondern nur reich, mitreich! Denn das ist der erbärmliche Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet, durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer großen Stadt, voll siebenstöckiger Häuser, wäre auch ganz ohne Adam’s und Eva’s Sündenfall dennoch zur Hölle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man mit einem geschwärzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas? Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer, die da eben heraufsteigen — o es giebt auch Augen für uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch hier, die unaufhörlich aufmerksam und unermüdlich thätig das Volk das Gute finden lassen!«
Dabei lächelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: »Das ist die Magna Charta für Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Fürsten achten — unsern Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben; gern Soldat werden; nach keiner Preßfreiheit fragen und so weiter; kurz, folgsame, glückliche Deutsche seyn. Ich dächte aber, Sie tauften sie dieser Morgen einen im noch einsamen Dämmer, gäben ihnen Namen, trauten die lange Verheiratheten und thäten dergleichen Europäisch Erforderlichen Alles. Bis zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas — das müssen sie wissen. Aber meine Schwägerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, müssen Sie wissen. Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .«
Ich aber hatte mit Erschrecken meinen Sohn Marbod mit der Baronesse Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Höllenangst und versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin an der linken Hand geführt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten, wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen nickten mir unter dem schattigen Hute so glücklich zu! O es ist wohl werth, edel zu denken und edel zu bleiben — und dann erst recht werth, wenn man dadurch nicht glücklich wird — wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie gewiß Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier!
Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthümliches Geschlecht, ohne Heimath wie die Fische, ohne König und Herrn wie die Vögel gleichsam als Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch für sie war gesorgt. Nach den ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so täuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben konnte, als Wahrheit für sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und später, besprachen, daß die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey — in unsrer Abwesenheit — weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und konnte nun auch Maria wissen.
»So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter!« sprachen sie bedauernd. »Aber, Väterchen, Du gehst ja heim.« Und nun verschlang der Strom des Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die heiligen Alten, die alte Welt — Alles und Alle. Ich führte die Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen — und heut war Amerika ein herrliches, heiliges Land.
Meine Lage war nun für einen Pastor äußerst lobenswerth, besonders, wenn ich wieder in die vorgeschobene »angenehme Gesellschaft« ging. Ja, ich bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B. C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick gewordenen, fast majestätischen, langen, noblen, gutmüthigen Tolera — die Neger kamen eines Morgens sehr früh (am 14ten November) zur Taufe. Die katholischen Priester hatten ganze Schaaren Südamerikaner mit der Feuerspritze getauft, und dann mit Kartätschen erschossen — so viele Köpfe zu taufen, so viele Pathen zu stellen, war in der nöthigen Kürze unmöglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmächtige Hand alle Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glänzten da droben funkelnd, sprühend, Strahlen versendend, ausströmend, wie goldnen, brennenden, leuchtenden, langen Regen. Jetzt, jetzt rühren sich die Gestirne am Firmament — oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie geschah, und nie geschehen wird — das ganze Firmament voll Gestirne zieht rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz. Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glänzt, die Büsche brennen, die Nachtvögel stürzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich unterscheide die Blätter der Blumen zu meinen Füßen, denn ich erblicke mit Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reißt sich ein Stern los, er stürzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder. Zehn Sterne reißen sich los, wie reife Früchte! Hundert Sterne stürzen mit Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer größer, wie Feuerkugel-Lawinen, stürzen und zischen und strahlen, und tausendfältiges Donnergekrach stürzt drüber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war außer der Welt.
Es war geschehn. Es war ruhig, als wenn nichts geschehen. Es war todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf, beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch mit den weißen Zähnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. »Nun sind wir getauft!« riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete ihren Ausgang und Eingang — in Europa. Dann enteilten sie wie Geister.
Das war wieder einmal ein Wunder, stöhnte ich. Und nach langem Betrachten schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir träumte: Ich war in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht — dann sprang ich auf und lief fort. Der Traum war meine völlige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergötzte ich mich nun noch mit ihnen Allen.
Zum zeitigen heiteren Frühling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war neue Freude. Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise. Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem Abschied flüsterte er mir noch ein Wort in’s Ohr: »Wir bitten einander zu Pathen!« — Er wußte also, daß ich ein Weib hatte — und Wen! Ich legte als Antwort den Finger über die Lippen. Und er sagte leise: »O gern!« — Ich band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. — Was soll ich nun sagen, wie ich von Tochter und Söhnen schied? O es war schwer. Aber alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Väterchen, Du kommst wieder! Oder — droheten sie — wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied von meinem Hunde, dem Pudel »Menschenfreund« fast das Herz. Meine Tochter wollte ihn behalten. Sie mußte ihn fort-, zurückschleppen, den Strand hinauf; da blieb er geduckt liegen und winselte. Ich mußte noch von ihm Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rücken; ich sagte ihm: Menschenfreund, sey verständig! Ich ließ ihn mir eine Pfote geben, und er gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was, ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmüthig heraussah, herausdrang! O ich schämte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im ärmsten Hause — wenn er auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm, und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel.
Wir kamen ohne Gefährde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen. Josephine war wie neugeboren. Und — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so gewordner in jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf, jede Stadt hat einen eigenthümlichen Geist, eine Stimme wie ein Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verständniß all unsrer Worte, unsrer Wünsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande — der wäre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich? O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt, höchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drüben zur neuen Seele des Landes, der Berge, der Flüsse, der Haine. Aber wer je wo geweint hat, wie Männer weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thränen, und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm, und wünschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und werden sich freuen wie er.