Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prächtigen Wagen — wenigstens um nicht ausgelacht zu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen Müller gesehen, der bei schönen Müllerkenntnissen eine künstliche Mühle dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll Amerikanisches Mehl in die Hand genommen — wie Schnee und fein — wie Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset.
In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd über die Schloßbrücke, in nun mein Schloß. Ich saß kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hörte ihn krähen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war verheirathet, und ließ ihm nur sagen, seine sechs Muhmen hätten sechs reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. — »Schon gut, schon gut,« hörte ich ihn sagen.
Eine Freude aber, mußte ich sogleich noch machen: Meiner guten, theuren Großmutter! Ich ging zu ihr selbst hinüber auf die Pfarre; denn sie hatte nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. »Also Du hast ihn gefunden?« sprach sie. Nach einer langen Erzählung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie freute sich so — daß sie einschlief! — Seliges Alter! Wer nicht alt wird, ist kein Mensch gewesen. Es ist fast übermenschlich und hautschauernd, so übermenschlich gefühllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies — jetzt noch in der Kinderstube! Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer — sein Tag, seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so ähnlich sah, hatte auch sogar heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in altväterscher Tracht, aber jung und wirklich voll Schaam hier hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenüber zu setzen, weil sie schläft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich lange angesehen, schläft er selber noch müde ein. Ich gehe indeß auf den Thurm; ich füttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder in das Zimmer. Der junge Volkmar schläft noch. Die Großmutter scheint zu schlafen. Aber ich sehe deutlich, — sie ist munter gewesen! Sie hat sich vorgeneigt — sie hat ihn erblickt — sie hat ihn erkannt: den Sohn! den treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn für denselben gehalten — so ist sie sitzen geblieben — — aber gestorben, und ruhig und selig todt! Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Händen: »Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube — jetzt schon im Paradies! O, es können nicht Alle wiederkehren, die hinüber wandern! Schon Ein verlorener Sohn zerreißt der Mutter das Herz, daß sie nicht sterben kann. — — Und Ihr, Ihr tausend Söhne des Vaterlandes! Wie könnt’ es selbst sterben ohne Euch? — O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine Söhne!«
Ich würde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen, und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still, so schön, so lieb, und lächelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein fröhliches Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: — Was kein Mensch erklären kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht menschlicher Sinn; das ist göttliche Macht! So mußte ich sagen, um ein aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen Schatz hatte ich da drüben gefunden! Ist nicht die Schönheit der Welt da drüben? Und die Welt der Liebe? —
Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme läutete ihr zu Grabe. Der verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet. Und selber die Kinder draußen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr Hütchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser.
Breslau, gedruckt bei Leopold Freund.
Anmerkungen zur Transkription
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- ... geblasen; Briefe von exanimirten oder gleichsam ...
... geblasen; Briefe von [examinirten] oder gleichsam ... - ... verboten! Ach, wenn der Congeeß uns sähe am ...
... verboten! Ach, wenn der [Congreß] uns sähe am ... - ... gehe hin nud küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! ...
... gehe hin [und] küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! ... - ... Kartoffeln beflanzt, nur Adam und Eva ...
... Kartoffeln [bepflanzt], nur Adam und Eva ... - ... dem Amerikamer um den Hals und verbirgt ihr ...
... dem [Amerikaner] um den Hals und verbirgt ihr ...