Vom Morgen an war nun ein neuer Geist über mich gekommen. Die Zeit zur Abreise war kurz. Ich verzeichnete mir alle Geschäfte, ich theilte sie in die Tage ein. Durch meinen Entschluß zu reisen war mir die Heimath zur Fremde geworden, das Volk selbst zu Gästen im Lande. Ich war wie ernstlich krank geworden. Ich war mir und Andern unnütz, zu jeder Arbeit unwillig, ungeschickt, verdrossen. Daß die Sonne zum Frühling höher und wärmer schien, kam mir überflüßig vor. Aus jährlicher Gewohnheit deckte ich die Weinlaube ab; aber ob die Reben Augen hatten — die Kirschbäume Knospen — ich sah nicht darnach! Daß die Primeln in reichem Flor standen, erregte mir nur Bedauern; daß ich Kinder taufte, junge Paare traute, schien mir ganz überflüßig. Jemanden zu begraben, that mir recht leid. Hier war es ja nicht werth zu leben, nicht werth zu sterben, oder recht werth, und ich segnete die Todten mit gewaltigen Worten ein — mit Zornworten von der Erde, nicht mit Vorbereitungsworten für ihre neue Welt, ihre beßre Welt. Dem Kaiser Karl V. kann nicht so zu Muth gewesen seyn, als er sich lebendig begraben ließ. Denn um mich sangen ganz andere Stimmen! Prophetenworte riefen mich. Den kommenden Vögeln sagte ich: bleibt dort, liebe Kinder! Alle Papiere suchte ich durch, um Jedem jeden Heller zu bezahlen. Ein langes Geschäft. Ich hatte Geld einzufordern. Ein längeres, undankbareres Geschäft. Von nahen und fernen Freunden hatte ich Abschied zu nehmen, und einen lithographirten Brief schämte ich mich an Alle zu schicken. Da mußte Sohn und Tochter schreiben, ich unterschrieb nur. Von den Andern hatte ich in den Zeitungen Abschied genommen. Aber darauf erhielt ich nun Briefe, dringende Bitten: Zehn, Zwanzig, Hundert, Tausend, Zweitausend Menschen mitzunehmen oder nur zu führen! Diese Briefe voll Noth und Klage, schwerer als sie zu ertragen schien, so lange zu ertragen unmöglich schien, ließ ich in Quartbände heften, binden: die Briefe unglückseliger armer Geistlichen, die auf Korn gesetzt, bei Korn fast verhungerten, weil es nicht galt; die Briefe von — bei ihren Gemeinden verhaßten Geistlichen, weil sie in ein gewisses Horn geblasen; Briefe von examinirten oder gleichsam im Examen entseelten — durchgefallenen Candidaten; die Briefe von Rechtsconsulenten, die nächstens zu verhungern versprachen, weil Bauer und Bürger aus Mangel an Geld zu Prozessen lieber gleich alles Unrecht über sich ergehen ließen; Briefe von Hammerwerksbesitzern, die nur noch den großen Hammer besaßen, aber keine eisernen Gänse; Briefe von Gelehrten, Philologen, Schriftstellern, Professoren, Juris-Doctoren, ja sogar die trübseligsten Briefe von Censoren, Waschweibern, Kammerjungfern, von Studenten, Gymnasiasten und Schuljungen sogar! Briefe von armen Bergleuten, die Tagelöhner, Klafterschläger und Stöckeroder geworden, von ihren Frau-Spitzenklöpplerinnen, den Nachkommen der Frau Barbara Uttmann, die für sie nach Brabant gereiset, und für welche ich nach Amerika reisen sollte, als ein Barbarus Uttmann; denn die armen Weiber versicherten, daß sie ihre Männer und Kinder von dem Kleinhandel nicht ernähren könnten, sondern aus Noth das Körbchen Obst, Gemüse, ja Nägel, Blechgeräthe, Schwefel und Zündhölzchen angreifen und veressen müßten. Der Amerikaner, Master Erwin, besuchte mich täglich, oder ich ihn; er war mein neuer Freund, denn die Noth macht Freunde, oder zum Glück, sie hat auch noch Freunde. —Ich sollte nun aller Welt Freund und Erlöser seyn, wie die Briefe sagten; ein abgesetzter Professor der Geschichte titulirte mich den neuen Cadmus oder Pelops; denn die Noth und der Druck in Ägypten möge wohl auch entsetzlich gewesen seyn bis zum Aus-der-Haut-fahren; denn das Vaterland sei die weite Haut des Menschen oder der Leib des Leibes. Das war auch Erwins Meinung; er war nicht recht einverstanden mit meiner Reise, und sprach eines Tages: »Denken Sie sich nur, wenn wir Amerikaner auswandern wollten; wenn wir freien Amerikaner in Deutschland eine Niederlassung gründen wollten, als saurer Sauerteig in das alte Backfaß . . . .«
Ich erschrak billig, wie Tausende oder Hundert doch, vor diesem furchtbaren Gedanken. Aber es schien Ernst dahinter, er verzog keine Miene, gab mir Plan und Ausführung an, und als sie ihm immer schöner und heilsamer, mir immer grausenvoller erschien, frug er mich: Was Wir denn bei Ihnen zu Lande wollten — als abgebackenes Obst oder Mehl, nicht Korn!
Da brachte mir meine Frau zwei Briefe zusammen herein. Ich überflog sie. Ich ließ sie ihn lesen. Und so laut vorgetragen rauschten und zündeten sie ordentlich in der gemeinen Luft, und es kam fast Entsetzen über mich, daß der heilige Äther auch dazu da seyn solle, solch Geistergift und Elend zu tragen — wie das heilige Meer Sclavenschiffe mit dumpfem Gestöhn. Und so zitterte in der Luft der
Brief des Executors.
»Sie gar lieber Herr Pastor, Sie wissen, daß ich im Nachbarland Justizamtmann gewesen, aber untergehen mußte, weil ich keine Arbeit mehr hatte. So habe ich nunmehr hier die allerhöchste, wichtigste Stelle der Justiz erstiegen, als Executor. Nur ein Executor kennt Recht und Unrecht, von Gerechtigkeit will ich nicht reden. Er kennt Milde und Elend, Milde derer, die auf alte Gerechtsame halten, wie mit Händen von Eisen, um nicht um Schloß und — Thür zu kommen, und das Elend derer, die alte Schuld der Zeit und der Menschen, die sie sich im Schlafe der Dummheit und Feigheit haben aufladen lassen, nun mit erwachten Herzen abzahlen sollen. Kurz, ich bin müde, den Leuten die letzte Kuh aus dem Stalle zu nehmen, und die dürren Thiere meilenweit an miserablen Stricken fortzuschleppen und für ein Hundegeld, kein Kuhgeld, erstehen zu sehen von den abscheulichsten, hartherzigsten Stöcken von armen Teufeln, welche aus Noth ein Auge zudrücken müssen, und das Herz im Leibe todt. Ich heiße zwar kein Sclave, aber ich bin ein Seelensclave, ich lebe in der Seelen- und Herzens-Sclaverei, und ich bitte mit dem letzten Tropfen guten Blutes im Herzen, daß Sie mich mitnehmen, und mich für die Kosten der Überfahrt vermiethen, auf tausend Jahre meinetwegen, oder gradezu als leiblichen Sclaven verkaufen, und mir soll wohl seyn. Die alten Deutschen verspielten sich auch und verkauften sich selbst. Meine Seele verkauft meinen Leib. Brot habe ich so nicht. Nehmen Sie mich mit, oder, ich versichre Sie, lieber Herr Pastor, ich habe noch mehr als einen alten Strick, und so morsch er ist — schwer bin ich nicht. Ich stehe draußen vor Ihrer Thür und warte auf Antwort.«
Ich sprang gleich hinaus, sahe den Mann mit seinem verwilderten Barte, Thuiskon und alle alten Götter standen vor mir; ich führte ihn herein. Er mußte sich setzen, und schwieg. Denn der Amerikaner war ins Feuer gekommen und las nun laut den zweiten:
Brief des Schulmeisters.
»Ew. Hochwürden verzeihen, Sie als Christ von Ihrem großgünstigsten Vorhaben abreden zu wollen. Ist gegen allen herkömmlichen Respekt. Aber wo der Respekt in solcher Zeit hingekommen, weiß ich sub fide quasi pastorali nicht anzugeben. Jetzt speculirt man gradezu auf Alles, die Menschheit sogar zu vermindern, was doch stracks gegen das Einzige Gebot läuft, welches der alte Vater im Paradiese gegeben hat: »Seid fruchtbar und mehret euch!« Ein wahrhaft göttliches, ja paradiesisches Gebot! Wie ich denn selber 9 Kinder habe, zwei Mädchen und sieben Söhne, welche für die Prämie von 50 Rthlr. — also 9 Rthlr. 3 Gr. 5 1/7 Pf. pro Sohn — nun, Gott sei Dank! alle bei den Soldaten auf Lebenszeit versorgt sein werden und müssen. So habe ich als Speculant nun gelesen, daß in China Hungerschulen in Flor sind. Erschrecken Sie nicht, Hungerschulen, worin und wodurch man nicht verdächtig und strafbar die Noth sucht abzuwehren, sondern menschlich und hochpreislich zu ertragen. Wer hungern kann, kann gradezu Alles auf Erden. Und Wer hungern will, der will Alles, der ist zufrieden mit Allem, es heiße wie es wolle, ja es sei, was man will. Ich lege Ew. Hochwürden, sub signo solis, einen ausführlichen Plan bei, worin Alles landesmäßig ausgearbeitet ist, aus dem chinesischen Reiche und Clima in unser deutsches Reich oder Clima übersetzt. In China heißen diese respectablen Schulen gradezu Hungerschulen oder Tsing-Long. Ich schlage für uns und die lieben Unsern lieber den Titel vor: Friedensschulen, Geduldschulen, oder höchstens: Magenschulen. Dort existiren sie zu tausenden. Die Studenten darin tragen eine Ehrenkleidung, die nur sie und auch der Kaiser trägt. Sehr gut und exemplarisch. Denn daß bei uns die Armen wissen, daß Fürsten und Fürstinnen, nebst Prinzen und Prinzeßchen, doch zu Zeiten auch Kartoffeln essen und alle Tage Salz, das giebt den Armen einen gewissen Adelstolz, auch wenn sie selber nichts andres haben. Über die Kleidung wollten wir uns nicht streiten, denn das dort Wohlfeile ist hier theuer, und so habe ich Nanking etwas frei mit »roher Leinwand« übersetzt. Climatisch! Oder Schaafpelz? (Der Kälte wegen. Denn hungern und frieren ruinirte alle unsere Schüler, Studenten oder Akademiker; denn dieser Ehrentitel »Akademiker« würde die deutschen armen Schlucker sehr anlocken.) Beispiele von Vornehmen, Adligen u. s. w. würden Wunder wirken, wie der Hof den Dänen das Pferdefleisch zur Probe gegessen hat. Beilage sub signo lunae aber enthält ein vorläufiges Verzeichniß der Studenten und — hier fehlt mir das Wort — etwa der geistlichen Schwestern unserer Gegend. Die ganze Kunst der Chinesen beruht nun auf dem (sonderbar!) deutschen Sprichwort: »Der Hunger ist der beste Koch!« Die Chinesen in sothanen Schulen, Gymnasien oder Akademieen fasten also, geistlich gesprochen, blos so lange, als es nur ein Araber oder Wilder aushalten kann. Der Schmachtriemen hilft nach; Wasser thut Wunder und nährt lange allein, wie man an Pflanzen sieht. Wenn aber keine Kunst, keine Geduld, kein Zureden der angestellten geistlichen und weltlichen Beamten mehr hilft, und auf lange Schwäche endlich Ohnmacht schon eingetreten, dann wird das Zimmer mit Gänsebraten geräuchert, nämlich mit ungebratenem, mit den Federn, die ein prächtiges Gastmahl vermuthen lassen; oder Kinder schreien im Hofe der Anstalt wie ein Kalb und bellen dazu wie ein Hund, als führe ein Fleischer eins heim, oder schlachte es schon; oder es ertönt quickendes und erquickendes Schweinegeschrei, als werde sogar schon ein Schwein geschlachtet. Andere Knaben klopfen mit zwei stumpfen Beilen auf ein Bret, als mache man Wurst. Kurz nach allen Kunststücken der Politik und der Seelenlehre, wenn der Studiosus wirklich zu sterben drohte vor Appetit — dann wird ihm ein wenig — aber was? — Pferdefleisch gebracht, und die gute ehrliche Seele bleibt wieder in ihrem Leibe oder in ihrem irdischen Vaterlande, und läßt sich wieder täuschen. So lernt er, so kann er, wird sanft, mildthätig, lehrfähig, und stiftet dann selbst wieder eine Magenschule in andern eßbegierigen Gegenden, und alle Unzufriedenen, durch Steuern oder Prozesse, oder gar Arbeitslosigkeit zu Grunde Gerichteten gehen in diese dem Lande räthlichen Schulen. Aber erst in unsern Kleinkinderschulen diese wahre Koch- und Eßkunst einzuführen, wäre eine Verbesserung, welche die Sache an der Wurzel angriffe, und bleibt wie die Erfindung derselben uns Abendländern vorbehalten . . . . Ihnen, ich erspare Ihnen und der seelensguten Frau Pastorin Ihre Auswanderung, und 30,000 unwissenden, armen, deutschen, jährlich blos darum Auswandernden, weit sie eine Erfindung der Chinesen nicht ahnen, die ihnen doch Allen so nahe liegt, sich so aufdrängt Tag für Tag. Aber vergebens. Denn die Welt ist blind. . . . .«
So weit hatte der Amerikaner gelesen, laut, und wir sahen uns billig an, und zuckten die Achseln, als der Verfasser, mein braver Schulmeister in Hammersdorf, hereintrat, weil ihn das Vorlesen wie ein Strom in seine eigenen Worte gezogen. Er hatte seinen besten Staat an, ein abgeschabtes, gewandtes, schwarzes Kleid, aber das blasse, redliche, wohlmeinende, kummervolle lange Gesicht, die mild und treu uns anblickenden Augen benahmen uns jeden Gedanken, als den des redlichen frommen Willens in diesem Manne.
»Daß die Natur so weit herabsinken kann bis in eine solche Gestalt, bis in solche Gedanken!« sprach der Amerikaner leise zu mir. »Er scheint seinen — Schulplan schon selbst erprobt, ja probat gefunden zu haben; so himmlisch-chinesisch sieht er aus. Aber das nennen wir in Amerika: Phantasmen! Schlimme Zeichen schlimmer Krankheit! Sogar in unsern Irrenhäusern spuken doch andere Pläne. Solche nicht. Der redliche Mann ist mir wie ein Verwesungszeichen an einem noch Unbegrabenen — den man nun begraben kann! Man begräbt sicher nur einen Todten. Jetzt rathe ich Ihnen mit mir zu reisen! Noch ein anderes Zeichen habe ich unterweges bemerkt. Die Leute, besonders die Männer bei Ihnen und weithin, scheinen nämlich taub. Man muß schreien, ehe sie hören, zweimal es sagen, ehe sie antworten. Das bedeutet Geistesabwesenheit, Versunkenheit. Kurz, wir reisen! —«