Ich sagte ihm, daß der Schulmeister Tolera, als Repräsentant aller möglichen Toleranz, von den armen Schulkindern kein Schulgeld nehme — und der Executor bestätigte, daß er nie Leute für ihn habe auspfänden sollen — daß derselbe mit Kühen handle, Capitale von 3 bis 20 Thalern den Armen negozire, und der Amerikaner rieth mir, diesen Speculanten mitzunehmen; Fracht und Spesen wolle er für ihn tragen. Ich sagte das laut. Tolera nahm es an, und versprach in seinem Eifer die Magenschule in der vereinigten Republik anzulegen, worauf ihm bemerkt ward, daß dort nur die Faulen hungerten, nicht die Fleißigen »und Fleiß ist die Tugend der freien Amerikaner.« Der Schneider brachte mir eben meine Reisesachen, und so konnte ich dem armen Tolera sogleich meinen respectablen Rock schenken, welchen er draußen anzog und sich dann uns präsentirte. Er ging ihm bis auf die Knöchel, aber das gab ihm Würde. Der Executor hätte den Rock gern gehabt, aber er schlug die Augen nieder und weinte fast, denn für ihn schien der Amerikaner nicht Fracht und Spesen tragen zu wollen. — »Das Glück ist selten doppelt,« sprach er, »das Unglück aber oft. Ich mußte oft wegen zwei Schuldposten auspfänden — und ich will es ferner mit Gottes Hülfe.«
Mit Gottes Hülfe! Das verzweifelte Wort entsetzte und rührte mich. Soll Gott zu Druck und Rache helfen? Ich getraute mich, beim General-Vormund ihm die vacante Stelle des glücklichen Meisters Tolera zu verschaffen, damit er lieber ein Executor des göttlichen Willens werde. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich. Master Erwin nahm dagegen mit feinem Lächeln den Schulmeister in Pflicht, zum Heil Amerika’s dort die Hungerschulen einzuführen. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich.
Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich — wenn ich blieb — etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab. Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich ist — darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor dem jüngsten Tage ging es auch hier zu — und wer weiß, wie nahe er ist — nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere, Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht: »Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil nur ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung, gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es nicht selbst mit dem Teufel gut — wie Klopstock mit dem bösen Engel — geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme’s Reise durch die vereinigten Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für Einwanderer; (schön gesagt: ein statt aus, denn wer auswandert, thut es eben blos um einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; — »Missouri, ein Wegweiser für Einwanderer«; — »Doctor August Neanders Richard Boxter«; — »Kurze Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; — »Der Nordamerikanische Rathgeber von Gerke«; — »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten — als wenn sie wegen einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht. Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir — denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend, glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .«
Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie, mitzukommen.
»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt — auf Geld sitzt Ihr nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen — und Korn und Hafer gilt nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht — und so haben wir schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! — Sprich nicht, ich bin kein gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch nicht von mir — das weiß ich — Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke mein! Ich habe es gut gemeint.«
Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern — Wen wir jedes denn für die Unsern hielten! Wie wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten. Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein vom Herzen, aber ein anderer darauf gewälzt — mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war dazu vor mir niedergeknieet — und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, — weil er wollte, war mir nun lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin’s. Bis sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! —
Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die ihm Ja sagte — wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab — und da man sich auspredigt, und alle Jahre schlechter — schlecht will ich nicht sagen — so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben — so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht, denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!«
Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite, mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte — sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt drüben vermiethen — hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen — und wünschte uns: glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus, indem ich in der Stube auf und abging, bald meine — ach was denn! meine Kupferstiche ja nicht mehr — an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die, auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum Auswandern: Nehme Jeder alle die Seinen mit! Sonst scheidet er nicht, nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo alle die Unsern sind, da ist es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind Etwas, sind Viel — und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige. Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12 mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch Abschied, nehmen — zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da! Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. —
»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien, Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt — zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt — und vollständig in den schwer verkannten Wanderjahren gelehrt — als die Auswanderung! Die Auswanderung! Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann, der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht, nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht sicher in der Fürstengruft ruhte. — Sicher? — Hat man nicht schon gesagt, er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia: