DAS HEILIGE NEIN LASST UNS BEKENNEN DENN NEIN UND JA SIND WIE DIE SCHENKEL DER NÄMLICHEN PARABEL, UND WO SICH DIESE SCHEITELT, DURCHDRINGEN BEIDE SICH IN EINEM PUNKT — DENN NEIN UND JA SIND WIE DER ABSTEIGENDE UND ANSTEIGENDE KNOTEN DER WELT, UND WO SICH BEIDE SCHÜRZEN, SCHWEBT GIPFELND DAS GESTIRN DER WELT DURCH SEINEN MITTAGSKREIS — DENN NEIN UND JA SIND WIE DAS AUSSENBLATT UND INNENBLATT DESSELBEN KEIMLINGS, IM SCHOSSE DER GEBÄRERIN WIE BETERHÄNDE STRENG GEFALTET — GEFALTET ZUM AUSSEN-INNEN-BLATT REIFT ERST DER KEIMLING DER GEBURT ENTGEGEN: GEFALTET ZUM NEIN-JA REIFT ERST DIE SEELE IHRER WELT ENTGEGEN — DAS NEIN ZERSPELLT DAS GOLDENE EI DER WELT, DAS MÜTTERLICH VOM PHÖNIX GEIST BEBRÜTETE — JEDOCH DES JUNGEN ADLERS SCHNABELSCHÄRFE IST ES, DIE SICH MIT FRÜHFLÜGGER WEISHEIT LICHTBEGIERDE DAS DUNKLE EI ZERSPELLT — O WELT, VON DEINER SONNE EMPFING ICH TRÄUMEND EINEN HIMMELSTRAHL IN MEINEM AUG, ALS ES NOCH SCHLIEF, ZUM PFAND, DASS ICH DEREINST MICH AN DIR SONNEN WÜRDE, WANN ICH DURCH DEINE BITTERSCHALE BRACH — O AUGE ICH DER WELT, O HIMMELSAUGE ICH, ZU DIR, O WELT, ERWACHEND — O ICH ERWACHTER DANN, VOLLKOMMEN ERWACHTER ICH ZU DIR, O WELT —

DIES IST DIE ZWEITE UNTERWEISUNG

Ein jeder von uns, ihr Christen, pflegt aus einer wüsten Menge gleichgültiger Begebenheiten seines Daseins das eine oder andere Ereignis herauszuheben, welches er vor sich selber gern als sein Erlebnis wahrzeichnet. Ein jeder von uns lebt vielleicht Jahre hindurch, lange und langweilige Jahre, nur so dahin, — bis ihn zu irgendeiner Stunde ein Blick aus einem Menschenauge trifft; bis ihn ein Wort, ein Ruf, ein Haß, eine Freundschaft, ein Todesfall, ein Lebensfall erreicht, der ihn im Innersten aus seiner Bahn wirft oder ihm umgekehrt seine Bahn erst weist. Zweierlei ist es also, was ein Begebnis zum Erlebnis stempelt. Einmal die scharfe Abgrenzung und Abhebung von allem andern, was bisher gemeinhin als Erfahrungstoff aufgenommen, verarbeitet und ausgewertet ward. Das andere Mal aber die Aneignung und Besitzergreifung eines Vorkommnisses als einer ausschließlich auf diese besondere Person und keine sonst zugeschnittenen Begebenheit. So daß in einem zwiefachen Wortverstand das Erlebnis als Ausnahmefall und Einmaligkeit angesprochen wird: im Vergleich nämlich mit allen sonstigen Erfahrungen einer Person, wie sie von der Gewohnheit gleichsam in der Handmühle der Alltäglichkeit klein und fein gemahlen werden oder wie sie gleichfalls von der Gewohnheit ohne die geringste Spur zu hinterlassen aufgebraucht und eingeschluckt werden; im Vergleich ferner mit den Erlebnissen aller übrigen Personen, welchen die Möglichkeit zu eben diesem Erlebnis der höchsteigenen Person schlankweg aberkannt wird, — und zwar mit gutem Fug aberkannt wird, wie wir uns bald überzeugen werden...

Was also heißt Erlebnis? Da ist etwa ein Mensch in langen Jahren jeden Morgen um dieselbe Stunde denselben Weg zu seinem Geschäft gegangen; entlang denselben Straßenzügen, vorbei an denselben Häusern, Gärten, Mauern. Er weiß genau die Zahl der Schritte, die er zurückzulegen hat. Er kennt die Straßen, Häuser, Gärten, Mauern längst auswendig, und ihr immer gleicher Anblick berührt ihn so wenig mehr wie das immer gleiche Gelärm der Straßenbahnen, Kraftwagen, Droschken und Lastfuhren, der Dampfpfeifen, Sirenen und Hupen, der Ausrufer und Gassenkinder. Bis er an einem Morgen unter den ungezählten Morgen etwa von ungefähr den Zweig eines blühenden Goldregens über eine Mauerecke im Winde schaukeln sieht, und von diesem Anblick, der möglicherweis oft schon auf seine gleichmütige Netzhaut gefallen war, ganz seltsam berührt, betroffen und beglückt sich fühlt. Diesen im Morgenwind wiegenden Goldregenzweig über der Mauerecke verleibt er sich als einen nie wieder zu verlierenden köstlichen Besitz in seiner Erinnerung ein, — und nicht nur wird er diesen Eindruck nie, nie wieder vergessen können, sondern auf unbegreifliche Art von ihm im Innersten durchsäuert und durchwühlt, durchpflügt und durchschüttert werden. Dieser Goldregen über der Mauerecke hat ihm plötzlich Beziehungen aufgeschlossen und Gesetze enthüllt, die ihm bis zu dieser Stunde schlechterdings verborgen geblieben waren. Wie ist die Welt so hell, wie ist die Welt so reich, wie ist die Welt so schön, fällt ihm jetzt vielleicht als unvermittelte Offenbarung in die Seele, die selbst für einen ewigen Augenblick hell, reich und schön wird... So dünkt den Erlebenden der Goldregenzweig über der Mauerecke an jenem Morgen der Seelen-Öffnung wie ein Schicksal, das sich früh auf die Beine gemacht hat, ihm an der richtigen Stelle zu begegnen. Aus der verstaubten Reihe von täglichen und ähnlichen Erfahrungen, die niemals Erlebnis geworden sind, hebt sich glänzend dieses eine Glied heraus, wie sich etwa aus einer Kette von Wachsperlen eine echte und wirkliche Perle herausheben würde. Was dieser Mensch, sonst vielleicht ein elender Spießbürger oder ein verhärteter Krämer, hier erlebt, das unterscheidet sich für ihn selber auf das bestimmteste von seinem gesamten sogenannten Leben: und mehr noch unterscheidet es sich für ihn vom Erleben aller anderen Lebendigen. Denn eben, indem er die Wahrnehmung ‚Goldregen über einem Mauerwinkel‘ zu dem Erlebnis steigerte: ‚Wie ist doch diese Welt hell, reich, schön‘, verhaftet und vereignet sich dieses Erlebnis auf eine kaum zu beschreibende Weise mit ihm selber. Sein Erlebnis ist nicht allein eine Begebenheit außer allem Vergleich mit den übrigen Begebenheiten seines persönlichen Lebensablaufs, — es ist außerdem auch noch eine Begebenheit, an welcher kein anderer Mensch Teil hat und Teil haben kann. Denn im Erlebnis fließt ein Stück Welt in ein Selbst über und fließt ein Selbst in ein Stück Welt über, so daß beide fortan untrennbar eins sind. Der Erlebende hat die Gewißheit, er darf sie haben, daß sein Erlebnis in einem unbedingten Wortsinn Sein ist, nur ganz allein von ihm und niemandem sonst erlebt: ein großes oder kleines Schicksal, welches sich nur in ihm erfüllen konnte, — sein eigenstes und urpersönliches Glück oder Verhängnis, welches seine einmalige und unvergleichbare innere Geschichte bildet. Das Erlebnis eines Menschen aber, sehen wir nun, ist ohne Einschränkung und Abzug auch das Geheimnis eines Menschen. Und um die Wahrheit zu gestehn, ihr Christen, so trennt uns Menschen gemeinhin nichts so unüberbrücklich wie dies, daß wir nicht einerlei sondern vielerlei Erlebnis haben, nicht einerlei sondern vielerlei Geschick, nicht einerlei sondern vielerlei Geschichte. Verschiedenes Erleben verwirrt die Zungen und noch mehr die Sinnesarten der vielen, — verschiedenes Erleben läßt gegenseitiges Verständnis und Ein-Verständnis nirgends auf kommen, oder wenn schon aufkommen, nicht Bestand und Dauer haben. Denn wer nicht seines Nächsten Erlebnis hat, wie soll der seinem Nächsten wirklich nah sein? Wenn aber so: ist dann das Erlebnis nicht schon von Haus aus ein Verhängnis, das wie ein Keil, das wie ein Beil in den Stamm der Gemeinschaft getrieben wird und die Gemeinschaft spaltet?...

Und in der Tat! Es ist schwer zu sagen, wie es infolge dieses Sachverhaltes mit unserer Gemeinschaft, ja mit der menschlichen Gattung überhaupt beschaffen wäre und ob sich diese Gattung nicht schon seit langem selber aufgerieben hätte, wenn nicht von Zeit zu Zeit in dieses stäte Auseinanderleben und Gegeneinanderleben aller wohltätig ein Einzelner und Auserlesener träte, der gewissermaßen gar nichts Besonderes, Eigenartiges, Unterscheidendes für sich erlebte, — vielmehr nur eben das, was ausnahmlos alle irgend einmal erfahren haben oder doch erfahren werden. Zum Heil nämlich dieser ganzen Gattung Mensch und zu ihrer zeitweiligen Errettung geschieht es nicht gar häufig zwar, aber doch immerhin hie und da, daß ein Einzelner in unerhört verstärktem Maß berührt und betroffen werde von dem Erlebnis aller Einzelnen, welches er kraft einer gleichsam stellvertretenden Erleberschaft zu seinem besondern Schicksal macht und dadurch dann zugleich ent-einzelt: derart vollzieht sich hier eine Individuation der Spezies, oder wenn man recht verstehen will, eine Spezifikation des Individuums, wie sie etwa der heilige Thomas von Aquino, ihr Christen, in seiner scharfen und strengen Bezeichnungweise einen ‚Engel‘ zu nennen einst beliebte, — einen Engel in einem tieferen als nur dogmatischen Sprachverstand, wie wir jetzt wohl bemerken können... Es gibt mithin, ihr Christen, Engel! Es gibt Einzelne, die stellvertretend das Erlebnis der Gattung zu dem ihrigen machen und in dieser Hinsicht zur Gattung sich erweitern! Es gibt Persönlichkeiten, hier in dieser Welt und mit der Vernunft dieser Welt zu umfassen und zu erraten, welche als Einzelwesen durch ihre Erlebnisart gleichsam gattungmäßige Bedeutsamkeit erreichen! Es gibt spezifisch geweitete, spezifisch verallgemeinerte Individuen und individuell verengerte, individuell besonderte Spezies! Es gibt, wie ein pater ecstaticus des hohen Mittelalters sagt, ‚Allgemeine Menschen‘, und diese Allgemeinen Menschen sind einzig und allein die Wort- und Seelenführer menschheitlicher Gruppen in den Angelegenheiten von menschheitlicher Erheblichkeit und Würde. Eine Persönlichkeit also wie der indische Buddho Gotamo, durch Wille und Vergunst der Sprache schon sprachlich als ‚Der‘ Buddho über das Bereich des Nur-Persönlichen deutlich herausgesteigert, — eine solche Persönlichkeit erlebt auf einzige Weise nicht sowohl ihr eigenes, einmaliges, persönliches Schicksal, als vielmehr das Schicksal des menschheitlichen genus überhaupt, welches man nicht ohne schmerzliche Ironie das genus des homo sapiens bezeichnet hat... Ein Mensch wie Gotamo erlebt somit generell; nicht eigentlich individuell, sondern generell zu erleben ist Sein Geheimnis und Seine Bestimmung, Sein Geschick und Seine Geschichte. Befragt um sein entscheidendes und schöpferisches Erlebnis, könnte der Buddho keine andere als diese Antwort geben: ich erlebte, was du und du und du erlebt hast, was du und du und du erlebst, was du und du und du erleben wirst. Ich erlebte das Menschliche, Ewig-Menschliche. Ich erlebte Alter, Krankheit, Tod, — Alter, Krankheit, Tod...

Darüber hat nun Gotamo seinen Jüngern berichtet, in Gestalt zwar einer Legende, die als die Ausfahrt Vipassî-Buddhos gefunden wird in der Vierzehnten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo. Dort lebt Prinz Vipassî, der erste der Buddhos in der Reihe der Sieben, in den drei Palästen seines königlichen Vaters und im Genuß jener vollkommenen Wunschbeglückung, wie sie bei den Fürsten und Königsöhnen des indischen Märchens herkömmlich ist, — und leicht kann man sich übrigens bei dieser Gelegenheit davon überzeugen, daß Gotamo als Dichter und Erzähler von Märchen mit jedem Kâlidâsa seiner Heimat zu wetteifern vermöchte: er, der unstreitig der erste Gleichnissprecher aller Zeiten und Völker gewesen ist... Jahrtausend also um Jahrtausend seiner mythischen Jugend verlebt Prinz Vipassî in diesen Palästen, bis es ihn eines Tags gelüstet, eine Ausfahrt in die Umgebung des Schloßgartens zu machen. Der Wagenlenker schirrt ein und der Prinz besteigt mit dem Hofstaat die kostbaren Gefährte. Den königlichen Gärten kaum enteilt, stoßen sie da auf eine befremdliche Gestalt, — gebeugt, kopfwackelnd, ausgemergelt, weißhaarig, zitterig, tapperig, zahnlos, triefäugig. ‚Was hat der Mann dort getan?‘ fragt der Prinz seinen Wagenlenker. ‚Er sieht doch nicht aus wie andere Leute?‘ ‚Das ist ein Greis,‘ antwortet der Wagenlenker, ‚ein Alter, der nicht mehr lang zu leben hat.‘ ‚Und werde auch ich dereinst diesem Alten gleichen?‘ frägt der Prinz entgegen. ‚Auch du,‘ versetzt der Wagenlenker, ‚auch du wirst dem Alter nicht entrinnen‘... Nun hat der Prinz für heute genug. Er befiehlt die Umkehr und zieht sich ins Innerste zurück des Palastes, ins Innerste seiner selbst zurück, wo er über diesen ungemeinen Vorfall grübelt, brütet. „O Schande sag’ ich da über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen mu߫...

Zweimal noch nach Ablauf so manchen vergessenden und beschwichtigenden Jahrtausends befiehlt Prinz Vipassî seinem Wagenlenker den Wagen anzuschirren und zweimal bricht der Jüngling vorzeitig die Ausfahrt ab. Beim zweitenmal stößt er auf einen Siechen, hilflos im eigenen Kot und Harn liegend und in jeder kleinsten Bewegung auf fremder Menschen Beistand angewiesen; beim drittenmal begegnet er einem Leichenzug, von vielerlei Volk geleitet in düsteren Gewändern. Und nach jeder Ausfahrt geschieht es, daß er eine lange lange Weile grübelnd und brütend in sich selbst versinkt: „O Schande sag’ ich über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen muß, die Krankheit zum Vorschein kommen muß, der Tod zum Vorschein kommen muß“... Dann aber ist’s von allem wieder still. Das Leben in den Wunschgenüssen nimmt seinen Fortgang, und kein Anzeichen verrät, wie jene Begegnungen im Gemüt des Prinzen weiterwirken, — kein Anzeichen verrät, ob sie weiterwirken. Und einmal noch nach tausend und tausend Jahren heißt Prinz Vipassî die herrlichen Gespanne einschirren, um dieses vierte und letztemal dann einen Pilger, einen Mönch, einen Bettler zu gewahren, mit kahlgeschorenem Schädel und in fahler Gewandung. Einmal noch eine Frage an den treuen Wagenlenker, und nach der Antwort ist die Entscheidung endlich gefallen. Das dreifache Erlebnis hat die Tat reifen lassen und die letzte Ausfahrt läßt sie zur Ausführung gedeihen. Daheim scheert sich Vipassî seinen Schädel kahl, hüllt sich in ein fahl Gewand und verläßt die königlichen Paläste der Jahreszeiten, um sich auf Pilgerfahrt, Bettlerfahrt, Büßerfahrt zu begeben, — will heißen, um sich selbst zu finden, selbst zu retten, selbst zu lösen. Als ob ein einzelner und einziger Mensch von Alter, Krankheit, Tod ein erstesmal erfahren könne und erfahren habe, stellt die Legende von Vipassîs Ausfahrten das Erlebnis des Buddho mit einer großartigen Einsilbigkeit heraus, die das Gemüt betäubt wie das gleichmäßige Getrommel des Regens in einer Herbstnacht auf ein Blechdach... Und in der Tat! Irgendwie hat Gotamo die drei Kernübel des Menschseins mit der Gewalt der Erstmaligkeit erfahren, mit der Heftigkeit der Erstmaligkeit erlitten: gleichsam er der erste Mensch, der die sonnige Schwelle göttlicher Wunschwelten mit Bewußtsein überschreitet und mit Bewußtsein das Ödland der Wirklichkeit betritt...

Vergänglichkeit, Leidbeschaffenheit, Wesenlosigkeit heißt mithin das Urerlebnis Gotamos, das Urerlebnis des ‚Allgemeinen Menschen‘, — und wer wollte leugnen, daß dies in vielerlei Bezugnahme das Urerlebnis unserer Gattung ist und bleibt. Dieses Urerlebnis stets sich von neuem zu vergegenwärtigen fordert er denn auch in erster Linie von jedem, der ihm nachzufolgen oder anzuhängen willens ist. In zahllosen Variationen und Varianten kehrt an zahlreichen Stellen wieder, was dieser Bericht von den vier Ausfahrten Vipassîs in einer mächtig vereinfachenden Sinnbildlichkeit so einprägsam veranschaulicht denn für kaum eine zweite geschichtliche Gestalt gilt ja des jüngeren Nietzsche Wort vom Welt-Vereinfacher wie für den Buddho. Eine der eindrucksvollsten dieser Stellen findet sich in der Sammlung der Bruchstücke Suttanipâto, die zu den ältesten Schriften des Heiligen Kanons gehört. Aus bestimmten Gründen führe ich sie in zwei Übertragungen, einer prosaischen und einer metrischen an: „Unbemerkt und unerkannt ist das Leben der Menschen hienieden, kummervoll, vergänglich und mit Leid verbunden. Es gibt keinen Ausweg, auf dem die Geborenen dem Tod entrinnen könnten; ist das Alter erreicht, da naht der Tod: so ist das Gesetz aller Lebewesen. Wie für unreife Früchte schon früh die Gefahr des Abfallens besteht, so besteht für die Menschen ständig die Gefahr des Sterbens. Wie allen vom Töpfer angefertigten Tongefäßen das Ende des Zerbrechens bestimmt ist, so auch dem Leben der Sterblichen. Die Jungen und die Großen, die Toren und die Weisen, alle gelangen in die Gewalt des Todes, aller Ende ist der Tod. Von denen, die vom Tod überwältigt in das Jenseit gegangen sind, — nicht rettet der Vater den Sohn, noch auch die Verwandte die Angehörigen. Sieh! Während die Verwandten zusehen und laut wehklagen, wird einer der Sterblichen nach dem anderen hinweggeführt wie das zum Tod bestimmte Rind“...

Und nun die nämliche Stelle, die wohl echt gotamidisch zu sein scheint, denn die Worte von des Hafners Töpferware finden sich (in etwas erweiterter Fassung) auch am Ende des Dritten Berichtes aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam, wo sie der Buddho in seinen letzten Tagen zu seinen Jüngern spricht, — nun diese nämliche und ‚echte‘ Stelle in der vollkommen würdigen, ja erhabenen Eindeutschung Neumanns. Hier ist sie angeschwollen zu einem Klagegesang, zu einem Schicksallied von hymnischer Gewalt und Schönheit, seltsam überdies gemahnend an jenes letzte Gedicht-Bruchstück des Florentiners Buonarotti, dessen zermalmende Schwermut als ‚Canto de’ Morti, Was geboren ist, muß sterben‘ in Hugo Wolfs Vertonung etwa manchen deutschen Ohren widertönen mag:

„Unbestimmbar, unerkennbar