Eine zweite Gruppe von Einwürfen gegen die Brahman-Âtman-Zone, nicht ohne einen gewissen inneren Zusammenhang mit dieser, erörtert der Buddho vielleicht am durchsichtigsten in der Hundertundneunten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo, die den Titel ‚Vollmond‘ führt. In dieser Rede rechtfertigt und begründet Gotamo eine der umstürzlerischsten Überzeugungen des Buddhismus überhaupt, und zwar überraschenderweise, obwohl es sich unstreitig um einen rein religiösen Sachverhalt handelt, in enger Bezugnahme auf Kants Kritik des ersten Paralogismus in der transzendentalen Dialektik seines ersten Hauptwerkes: die Überzeugung nämlich, daß alles, was wir unser Ich, unsere Persönlichkeit, unser Selbst nennen und was der Brahmanismus als Âtman, Brahman, Lebensurgrund, Weltwesen verehrt, in Wahrheit gar kein ontologisch zu verstehendes substratum, subjectum, ὐποκείμενον unserer Bewußtseins-Welt sei, sondern im besten Fall ein bloßer Bestandteil, bloßer Inhalt dieser nämlichen Welt, der genau wie jeder andere Bestandteil und jeder andere Inhalt des Bewußtseins über die rein vorstellungmäßige Gegebenheit hinaus immer für fragwürdig gelten müsse. Es gibt kein Ich, es gibt kein Selbst als Träger der Bewußtheit-Mannigfaltigkeit, und vollends gibt es kein Urselbst als Träger der gesamten Weltwirklichkeit und als ihr Urheber und Erhalter, wie es der Brahmanismus unter dem Namen Âtman anruft, bekennt, voraussetzt. Wenn der Brahmanismus das ‚Eso ’ham asmi: Das bin Ich‘ und vielleicht mehr noch das gleichsinnige ‚Tat tvam asi: Das bist Du‘ zur Weltformel erhoben hat, und wenn er mit dieser Weltformel zuletzt nur das schlechthin unwiderlegliche religiöse Urerlebnis auf eine mitteilbare Aussage bringen will: die Wahrnehmungen bin Ich-Selbst, die Gegenstände bin Ich-Selbst, die Zustände bin Ich-Selbst, die Widerstände bin Ich-Selbst, die Wirklichkeiten bin Ich-Selbst, die Unwirklichkeiten bin Ich-Selbst, die Überwirklichkeiten bin Ich-Selbst, das Ich und das Du und das Nichtich bin Ich-Selbst! — nun wohl, dann weiß Gotamo dieser aus unwiderleglichem Erleben geschöpften Formel die aus nicht minder unwiderleglichem Erleben geschöpfte Gegenformel mit einer steinernen Wucht entgegenzustemmen, ‚N’etam mama: Das gehört Mir nicht‘, die Wahrnehmungen bin Ich nicht, die Gegenstände bin ich nicht, die Zustände bin Ich nicht, die Widerstände bin ich nicht, die Wirklichkeiten bin Ich nicht, die Unwirklichkeiten bin Ich nicht, die Überwirklichkeiten bin Ich nicht, das Ich und das Du und das Nicht-ich bin Ich nicht!... Dem nicht zu entkräftenden Erfahren des Brahmanismus, wonach Alles das Selbst ist, antwortet der Buddho mit dem nicht zu entkräftenden eigenen Erfahren, wonach Nichts das Selbst ist. Dem Abendländer aber, der hier mit seiner Schere Ja-oder-Nein dazwischen fährt und die lediglich wissenschaftliche, nicht jedoch religiöse Frage aufwirft: wer von beiden recht habe? — ihm antworte ich selbst mit aller Entschiedenheit: Beide!... Wiederum gelangt nämlich hier im Buddhismus eine tief protestantische Auffassung zu ihrem weltgeschichtlichen Durchbruch, — eine Auffassung, der es gemäß ist zu denken und zu sprechen: Es gibt keine Grundlegung und keine Grundfestung, es gibt keine Trägerschaft und keine Verankerung, es gibt keine substantia und kein principium, es gibt kein ὐποκείμενον und keine ἀρχή. Sondern es gibt nur einen stätigen Vorstellungablauf, eine stätige Tätigkeitänderung, einen stätigen Erlebniswechsel. Es gibt kein Sein und weniger noch ein Wesen, sondern allein ein Tun und ein Werden, — es gibt kein esse, sondern nur ein fieri oder operari; ganz wie dies von den naturforschenden Wissenschaften des Westens und von ihrem kritisch-kritizistischen Protestantismus längst auf die Spitze getrieben und infolgedessen überspitzt ward. Nicht aber auf die Spitze getrieben und infolgedessen auch nicht überspitzt ward dieser Protestantismus vom Buddho, wie man in der erwähnten Rede ‚Vollmond‘ aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo leicht nachlesen kann. Denn kaum ist hier ein Mönch im Begriff, aus dem von Gotamo entwickelten Gedanken der Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit alles Geschehens und Tuns den etwas voreiligen, aber folgerichtigen Schluß zu ziehen: also gibt es auch keines Selbstes Täterschaft getaner Taten und keines Selbstes Verantwortlichkeit für diese! — da muß sich auch schon der scharfsinnige Fürwitz dieses Mönches, der gleichsam die Rolle unserer hemmunglosen Wissenschaftlichkeit vorwegnimmt, die derbste Zurechtweisung von Gotamo gefallen lassen. Denn dieser Mönch steht auf dem Sprung, den großartigen Protestantismus Gotamos von der Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit des Erlebens dadurch um seine religiöse Geltung zu bringen, daß er ihn allzu gradlinig weiterdenkt bis dahin, wo das Denken nicht mehr mit dem Leben und Erleben in Einklang zu bringen ist. Alles bin Ich nicht und Nichts gehört Mir, — das ist ganz einfach eine Erfahrung, die umso erschütternder erfahren wird, desto tiefer ein Mensch sich seiner selbst bewußt und inne wird; und völlig vergeblich suchen wir aus irgend einer Erscheinung oder aus irgend einer Gegebenheit das Sein des Selbstes, das Sein der Person, das Sein der Seele herauszuklauben. Aber über diese erschütternde Erfahrung heraus nun um Gottes willen keine weltzersetzenden und selbstzersetzenden Betrachtungen, um Gottes willen keine Angriffe und Eingriffe in solche unumstößlichen Gewißheiten wie die, daß jegliche Tat ihren Täter habe und jeder Täter seine persönliche Beschaffenheit, Eigenheit, Umschriebenheit. Es ist nicht die Sache der Weisheit und noch weniger die Sache der Frömmigkeit und Heiligkeit, die Widersprüche des Daseins fortzudenken, sondern ihre Sache ist es, diese Widersprüche lauter herauszustellen und an ihnen hinauf gütig über sie hinauszuwachsen ‚dvantvâtîta, nirdvandva‘...

Trotz aller Höflichkeit gegen die alten Götter bedeutet also Gotamos Verkündigung und Auftritt, wir können es jetzt ungefähr ermessen, eine religiöse Katastrophe, die in keinem Göttersturz östlicher oder westlicher Welten ihresgleichen findet. Dieser Gotamo, auf dem Gipfel des unendlich schichtigen Göttertempelberges des Brahmanismus thronend wie der höchste Stûpa auf der Kuppe des Boro-Budur, er behält sich im Unterschied zu allen Heiligen der Vorzeit alle ersten und letzten Entscheidungen der Tat selber vor. Mag immerhin ein Brahmâ oder sonst ein Mahâdeva diese und manche andere Welt geschaffen und geballt haben, — erlösen wird sie und vor allem erlösen wird sich nicht dieser Brahmâ und nicht ein Mahâdeva, sondern erlösen wird sie und erlösen wird sich Gotamo der Mensch allein. Fortan sind diese Götter zu einer Art von idealischer Zuhörerschaft, Zuschauerschaft bestimmt, uns Europäern vom Chor der attischen Tragödie her nicht ganz unbekannt. Diese Götter sind nunmehr Chor im Drama, dessen Held und Heldentäter der Ewige Mensch ist. Diese Götter schauen und hören nicht ohne Teilnahme zu, was hienieden sich begibt in Magadhâ, was sich begibt im Udener Park, im Garten der Gotamiden, im Siebenmangohain, auf dem Hügel mit dem Vierblätterlaub, am Grabmal an der Sarandadâ, im Pâvâler Baumfrieden und ich weiß nicht wo sonst. Es schaut zu der tausendfache, fünftausendfache, hunderttausendfache Brahmâ, es schauen zu die zwölf Âdityas und die Dreiunddreißig, es schauen zu die Götter Lustig und Nicht-Lustig im Dämmerlicht, es schauen zu die Götter Sinnig im Dämmerlicht, und die Schattengötter. Es schauen zu die Säligen Götter, die Götter der unbeschränkten Freude und Jenseit der unbeschränkten Freude, die glänzenden Götter und die hellerglänzenden Götter, die leuchtenden, die strahlenden und die hellerstrahlenden Götter, die unermeßlich strahlenden und die strahlengewordenen Götter, die gewaltigen und die wonnigen Götter, die herrlichen und die erhabenen Götter... Und das ist die Katastrophe ohnegleichen, welche die Götter seit dem Auftritt Gotamos betroffen, daß sie von Szene und Orchestra hinaus auf die Sitze des Theaters gedrängt worden sind und nicht mehr selber spielen, nicht mehr selber ernsten. In einem erschreckend strengen Wortsinn war der Gott Mensch geworden: im vierten Weltalter erlöst der Mensch sich selber, indessen Gott von ferne zusieht, vielleicht nicht ohne eine Regung von Ergriffenheit in die Erinnerung ans dritte Weltalter brütend verloren, da Er einst Gott und Mensch zumal war...

Wo Gott geglaubt wird, sagte ich vorhin (und sprach dabei in der Sprache unserer westlichen Welthälfte), da sei auch Gott. Jesus, der Christus und Heiland dieser westlichen Welthälfte in ihrem nunmehr vielleicht abgelaufenen Weltalter, er sagte zu dem geheilten Samariter: Steh’ auf, geh’ hin! Dein Glaube hat dir geholfen! Der Glaube also, ihr Christen, hat hier geholfen, denn der Glaube schlägt vom Menschen zum Gott die Brücke und vom Gott zum Menschen, darauf beide in der Mitte hinüber-herüber sich begegnen und durcheinander hindurchgehen. Der Glaube zeuget als Mann Gott und gebiert als Weib Gott, und Gott spendet der Seele, woran sie darben muß, und so bedünkt den Gläubigen alles recht und gut. Es kann jedoch geschehen, ihr Christen, und wie vielmals ist es nicht bereits geschehen, daß der Mensch zwar glaubt und ‚reich ist in Gott‘, aber dennoch arm an der Tat, die einzig Not tut und einzig Not wendet. Es kann geschehen, und wie vielmals ist es nicht bereits geschehen, daß die Welt in die Vaterhände Gottes fromm gelegt ward, wo sie gar rund und schön und fertig ruht, aber das Werk, das unerläßliche, unterlassen bleibt und diese nach außen schön geballte Welt nach innen ungeformt bleibt. Es ist gewiß, daß der Glaube geholfen hat, hier und da, vor Zeiten und in der Gegenwart, und darüber ist dann freilich nichts weiter zu sagen. Es ist aber nicht weniger gewiß, daß der Glaube auch nicht geholfen hat, hier und da, vor Zeiten und in der Gegenwart, — und offenbar, um nur eines anzuführen, ihr Christen, hat er dem Christ selber nicht geholfen, als er am Marterholz nach den Elohim schrie und der Sohn vom Vater sich verlassen und verraten fand. Der Christ selber hatte den Vater gerufen und der Vater hatte nicht gehört; der Christ hatte anderen geholfen, aber konnte sich selber nicht helfen. Was aber dann, wenn sich der Glaube selbst nicht hilft? Da möchte einer sein, der glaubt aus ganzem Herzen, Gott sei für ihn ans Kreuz gehangen worden, und er findet sich dabei getröstet und von der Welt frei. Indes ein anderer möchte sein, der sich desselben Glaubens rühmt, aber in bittere Betrübnis fällt ob des Gottes, der für ihn ans Kreuz gehangen ward, und er kann nicht erraten — warum? Ein solcher spricht dann etwa zu sich (und seufzet dabei viel): Weshalb, mein Gott, mußte Gott am Kreuze sterben und weshalb mußte Er sterben — für mich? Was taugt es meiner Schmerz- und Sehnsuchtseele, daß Gott am Kreuz gestorben ist? Was frommt mir Lebendem Gottes Tod, gesetzt, dies Leben bleibe doch bis ins Mark hinein ungöttlich oder widergöttlich? So haben die Christen, ihr Christen, viel hinüber und herüber und hinum und herum geglaubt, aber man könnte der Meinung sein, es sei wenig dabei herausgekommen, daran ein rechtschaffener Gott Seine rechtschaffene Freude haben möchte... Ihr Christen habt viel geglaubt, habt viel gehofft, habt viel sogar geliebt, wenn anders eueren Beteuerungen wohl zu trauen ist, — denn wenigstens habt ihr vieles von der Liebe geschwatzt, das euch wie Speichel von den Lefzen einer alten Vettel geflossen ist und manchmal auch wie Rotz aus den Nüstern eines gelbsüchtigen Gaules... Aber wie schaut es bei euch aus, ihr Christen? Und Greuel über Greuel: wie schaut es in euch aus? Ist euer mildes Christenherz nicht eine Wolfsfalle für grobes Raubzeug geworden, — und was wäre dem westlichen Menschen, der nun des Menschen Wolf kaltblütig und entschlossen geworden ist, nicht grobes Raubzeug? Ist dieses liebende Christenherz nicht eine Falle, vom Jäger arglistig bestreut mit dem grünen Laub des Glaubens, überblüht mit der braunen Knospe der Hoffnung, goldig und blau umlockt von der Rankenblume der Liebe? Wer aber dies euer leeres Herz betastete, verschlackt von der Feuerkohle ungeläuterten Liebens, zerfressen vom Rost zuchtlosen Hoffens, verdorrt in den Glutbränden und Blutbränden blindwütigen Glaubens, Anders-Glaubens, Aberglaubens, — wie könnte er länger daran zweifeln, daß es eben der Glaube war, der euch nicht geholfen hat, ihr Christen! Nein, hier hat der Glaube nicht geholfen, und weniger noch hat er dort geholfen, wo heute die Besucher aller Kaffee-Häuser und die Gäste bei allen Fünf-Uhr-Tänzen nach dem Neuen Gott winseln und nach einem netten, runden Glauben an Gott. Dieses hündische Gott-Gewinsel, ihr Christen und Nichtmehr-Christen, dies ist fürwahr das Schändlichste gewesen, was ihr euch leisten konntet. In Kaffeehäusern und Nachtlokalen, in Spielhöllen und Bordellen, in Parteiversammlungen und Literatenzusammenkünften schrieet ihr euch die Hälse heiser nach dem Neuen Gott, damit er die Last des Verhängnisses von euch nähme, das ihr über euch gewälzt habt. Wie hungrige Ferkel nach den Zitzen des Mutterschweins schrieet und grunztet ihr nach Gott, damit ihr wie vormals in den Tag (und lieber noch in die Nacht) hinein leben könntet, als ob wenig oder nichts geschehen wäre... Nun ihr die Scham vor euch selber und die Ehrfurcht vor der Welt verloren hattet, die heilig über jede Heiligkeit hinaus ist, da schaltet ihr die Welt gottlos und euch selbst entgöttert. Ach, daß wir doch wieder glauben dürften, möchten, könnten! Ach, daß wir doch wieder in Kindereinfalt die Hände falten lernten und beten: „Lieber Gott, mach’ mich fromm, daß ich zu dir ins Himmelreich komm!“ Ach, daß wir doch wieder würden wie die Kinder, nachdem die Kinder, Gott sei’s geklagt, längst wie wir Erwachsenen geworden waren! Ach, daß wir doch auf allen Vieren füßelnd und etwas Wau! Wau! bellend ins Himmel-Bimmelreich der Nesthäkchen kriechen könnten! Ach, daß wir doch unsere Unschuld so frühzeitig und so gründlich einbüßen mußten und vermeinten, für unsere Schuld keine Buße tun zu müssen! Ach, daß die herrenlose Herde einmal wieder den Herrn verspürte und den Hirten oder zum wenigsten doch den Hund des Hirten! Ach, daß die Führerlosen ihren Führer fänden, die sich selbst nicht zu führen wissen, und alle Schwachen ihren starken Mann! Ach, daß der Herr-Gott doch über Böse und Gute wieder aufginge und insonderheit über die Zahlungunfähigen und Bankerotten, wie der keusche Mond aufgehet über die Gassen der Buhlerinnen und Huren! Ach, daß Gott den Unrat und Unflat von uns fegte, der uns mästete und von dem wir über die Maßen fett wurden!...

Euch allen aber, Christen wie Nicht-mehr-Christen, hat Gott nicht geholfen und wird Gott nicht helfen. Selber habt ihr euch alle nicht geholfen, wie hätte Gott da eingreifen sollen oder helfen wollen? Wer aber glaubt, der soll sich selber helfen, und wer nicht glaubt, der soll erst recht sich selber helfen: so spricht der Gott-Lose zu euch Christen und ist fürwahr der Frömmere von euch Christen. Alleinig trachtsam nach selbstretterischer Tat, wird er der Tat trächtig und wohl auch mächtig und lässet in höchster Ehrerbietung Gott Gott sein, der es wissen muß, was er tun und was er lassen will. Der Gott-Lose lässet Gott Gott sein, sag’ ich, und vollbringt ohne Gott, was dem Menschen not ist. Kann sein, daß er glaubt, kann sein, daß er nicht glaubt, — beides verrückt ihm nicht die groben und die feinen Gewichte mehr. Er selber hebt die Gewichte; er selber hält den Berg Govardhana über die Welt, wie weiland Krischna der Heiland und Held über die Hirten seiner Heimat, als Indra der Zürnende in der Sintflut sie ersäufen wollte. Nicht ist er begierig und nicht ist er fähig, endgültig den Knoten der Welt zu entknoten, der Gott heißt; nicht gilt ihm der bloße Glaube mehr wie der Nicht-Glaube. Aber den Berg zu halten über die Welt, die unbeschirmte und unbeschützte, und mit dem Berg als Schild die Hagelschauer des Schicksals und die Sonnenstiche des Todes aufzufangen, des ist er begierig, des ist er fähig. Hier ist die Rose, hier tanzt er; hier ist seine Treue, die er eisern hält. Der rechte Gläubige aber, das mögt ihr vorgeblich Gläubigen und vergeblich Gläubigen euch noch gesagt sein lassen: der rechte Gläubige ist ein Meerwunder. Ich glaube nicht an seinen Glauben, er weise mir denn seinen Berg Govardhana, den er von seiner Stelle versetzte und aus seiner Wurzel hob...

Gotamo der Protestant also verlegt den Weltschauplatz aus Gott hinaus in sich selbst hinein, von der Erfahrung gewitzigt, daß Gott der Welt bisher allzu wenig geholfen hat und wesentlich mehr auch der Glaube an Gott nicht. Für Gotamo den Protestanten ist Gott ein Zuschauer wie ein Baum in einem Obstgarten, der eine Weile ausruht. Eine Legende des späteren, auf nördlicher Überlieferung fußenden Mahâyânam-Buddhismus, der sonst als eine völlige Umdeutung und Verkehrung der ‚reinen‘, das ist hier ‚protestantischen‘ Lehre ins Katholische zurück durchaus betrachtet werden muß, hat dessen unerachtet just diesen entschiedenen Protestantismus Gotamos auf glücklichste Weise zu versinnbildlichen vermocht. Sie nämlich lässet Gotamo, bevor er in der Nacht der vollkommenen Erwachung die Würde des vollkommen Erwachten (das ist im Pâli eben ‚Buddho‘) erwirbt, — „Der Erwachte, o Keniyo, sagst du?“ „Der Erwachte, o Selo, sag’ ich!“ — sie also lässet den zwar noch nicht Erwachten, wohl aber bereits Erwachsamen (in den Pâli-Texten nur sehr selten vorkommend als der ‚bodhisatto, bodhisaktas‘, späterhin dann bekanntlich in die Sanskrit-Texte als ‚bodhisattva‘ fälschlich übertragen) ein feierlich Gelübde tun. Es ist das heilige Gelübde zu vollbringen, was er beschworen habe, und zu vollenden, was er gewillt sei, — ganz offenbar hier in der Erinnerung vorgebracht an den Dritten Bericht aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam aus der Längeren Sammlung der Reden Dîghanikâyo, wo der vom Tode, von Mâro zur Erlöschung gemahnte Gotamo die folgenden Worte spricht: „Nicht eher werde ich, Böser, zur Erlöschung eingehn, solange Mönche bei mir nicht Jünger geworden sind, solange Nonnen bei mir nicht Jüngerinnen geworden sind, solange Anhänger und Anhängerinnen bei mir keine Jünger geworden sind, solange da bei mir das Asketentum nicht mächtig wird aufgediehen sein, nach allen Seiten hin, unter vielem Volke verbreitet, jedem zugänglich, bis es eben den Menschen wohlbekannt geworden ist.“ Die Gebärde nun dieses großen Schwures, mit einer wahrhaft asketischen Enthaltsamkeit des bildnerischen Aufwandes, aber freilich auch mit einer nirgends überbotenen Gewalt des Ausdrucks dargestellt vielleicht am erhabensten in den Nischen jenes obgedachten Stûpa Boro-Budur auf Java, — diese Gebärde besteht unsäglich schlicht nur in einer leis leisen Berührung der Erde mit der rechten Hand, die mit dem Rücken nach außen leicht auf dem Unterschenkel des rechten unterschlagenen Beines liegt. Berühren der Erde, bhûmisparçamûdra, heißt die Gebärde, heißt der Eid selbst dieser höchsten Buddho-Treue in der hieratischen Sprache der späteren und nördlichen Urkunden, die hier ganz ohne Frage den innigen Sinn der seelischen Begebenheit zu treffen, wenn nicht zu steigern wissen. Ein Berühren der Erde und ein Gelöbnis, bis zur endgültig gebrochenen Bahn auf dieser Erde zu verrichten und zu erwirken, was Gott und alle Götter bisher nicht zu erwirken vermocht haben: das ist, das bleibt im reinsten Geist des Buddho eigentlicher Protestantismus...


DIE ZWEITE UNTERWEISUNG:
BUDDHO DER ERLEBENDE