Weiter wandern durch die Welten,

Hilft kein Vater hier dem Sohne

Und kein Vetter dem Gevatter.

Hinterbliebne, Kinder, Eltern,

Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,

Eines nach dem andern hinstirbt,

Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“...

Unstreitig also, ihr Christen, ist Gotamos Erleben ein Leiden. Ein Leiden, sage ich: zunächst ein Leiden, und noch lange nicht das Leiden schlechtweg, wie zu früh verallgemeinernd und darum nicht durchaus richtig oft behauptet ward. Gotamos Erleben ist ein Leiden, und zwar zunächst ein gleichsam örtlich festgelegtes und umgrenztes. Es ist ein Leiden zunächst nicht eigentlich am Leben und am Grundgesetz des Lebens, vielmehr ein Leiden ganz offenbar am Leibe und am Gesetz der Leiblichkeit. Der Leib ist es und des Leibes Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Gebrechlichkeit, Verweslichkeit, Wesenlosigkeit, die in diesem gotamidischen Canto de’ Morti und an so ungezählten Stellen der Lehre immer wiederkehrend sonst mit der dämonischen Melancholie des Michelangelo melodisch beseufzt, betrauert und besungen werden: die Bestimmung der Leiblichkeit, die unumgängliche ist es, welche Gotamos festes und wohlverwahrtes Herz bis in das Fundament erbeben lässet. Daß dieser Leib nicht dauert und nicht dauern kann, daß dieser Leib sich eines Tages nicht mehr aufrichten und erheben wird, um dann in allen Regenbogenschillertinten als stinkendes Aas anzulaufen und schließlich bis auf Nägel, Haare, Zähne zu Staub und Asche zu vermodern, das hat den Jüngling Gotamo in einem Augenblick, wo ihm die ganze Wahrheit wie ein Gespenst aus jener Welt vor die Seele trat, wie mit einem wohlgezielten Blattschuß getroffen und hingeworfen. Wer aber von dem Geschick des Körpers derart betroffen und hingeworfen wird, der muß ein Mensch von leidenschaftlicher Liebe zu seinem Körper sein, denn nur die leidenschaftlichste Liebe zu einem Ding schafft sich soviel Leiden um den Verlust dieses Dings. Wem da nur wenig oder gar nichts an seinem Leibe liegt, der wird kaum heftig leiden unter dem Altern, Welken, Siechen, Sterben dieses Leibes: wer aber vollends den Leib verachtet, wie sollte den des Leibes Tod berühren. Nichts wäre mithin so verkehrt und irrig, als diesem Jüngling Gotamo betreff des Leibes jene hellenisch-asketisch-christliche Auffassung zu unterstellen, die man unter Bezugnahme auf ein geflügeltes Wort des Sokrates aus dem platonischen Gorgias (in etwas freier Verdeutschung freilich) die Leib-Leiche- oder die Körper-Kadaver-Auffassung — griechisch die σῶμα-σῆμα-Auffassung — zu nennen wohl berechtigt wäre. Pythagoreer, Orphiker, Platoniker, Neuplatoniker und Christen mögen im Körper den Kerker und mehr noch die Gruft der Seele von Haus aus mißachtet haben; Gotamo weiß von dieser Mißachtung nichts, weiß von dem ganzen abendländischen Leib-Seele-Zwiespalt nichts: zum mindesten weiß er von Haus aus davon nichts. Darum ist es an uns Christen der westlichen und westlich zerrissenen Welthälfte, dem Umstand von höchstem Belang unsere höchste Aufmerksamkeit zu widmen, daß dieser Gotamo, Sohn des Fürsten Suddhodano zu Kapilavatthu, durchaus nicht etwa priesterlichem, sondern kriegerischem Geblüt entstammt und noch in seiner Jugend den Hochgebirg- und Alpenatem der indischen Heldenzeit eines tiefen, vollen Zugs geatmet hat... Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter, nicht Priester und weniger noch Priesters Freund; und er war dies als Sohn eines Volkes, welches weder von einem gleichzeitigen noch von einem späteren je übertroffen worden ist in seiner Freude an gesunder, wohlgepflegter, spielgeübter Leiblichkeit. Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter in jener indischen Heldenspätzeit noch, die vor reifem Welt- und Sinnenglück inbrünstig strahlte und bei dem festlichen Anblick edler Krieger gleichsam hell und zärtlich wieherte wie ein junger Hengst, der eine Stute wittert. Sproß eines fürstlichen oder adligen Geschlechts, wurde der Jüngling Gotamo sicherlich auferzogen in den Waffen für die Waffen, — wie hätte er seinen gelenken, behenden Jünglingleib nicht lieben sollen, der unter allen Umständen des Kriegers beste und höchste Tugend ist. Wurde der junge Prinz und Ritter dann im Ablauf der Zeit zum Heiligen und Erwachten seiner Weltzeit, — nun um so besser! Hierin wurde kein Widerspruch befunden nach der Auffassung einer Rasse, welcher ursprünglich die Heiligkeit und Erwachsamkeit keineswegs ein mönchischer Stand, sondern ein menschlicher Zustand bedeutete, zu welchem man in einem gewissen Lebensalter bei richtiger Lebensführung gleichsam von selbst heranreift. Sollte in guten Zeiten doch der Waldeinsiedler (vânaprastha) die vorangehenden Stadien des Brahmanjüngers (brahmacârin) und des Haushalters, Hausverwalters (grihastha) seinerseit nur ablösen, wie der Waldeinsiedler eine Weile später zum eigentlichen Pilger, Bettler- und Büßermönch (bhikshu oder bhikkhu) aufrücken konnte und aufrücken sollte: erst wenn der Mann der Gemeinschaft gedient und sich gewissermaßen in der Welt selbstverwirklicht hatte, winkte ihm als höherer Zustand Weltlosigkeit und Einsiedlerschaft, in welchem er seine Selbstheiligung zu vollbringen hoffen durfte. Asketenschaft entsprang hier keinem weltfeindlichen Verhalten oder Fühlen, sondern krönte das Menschenleben, in innigstem Einklang mit jeder tieferen Erfahrung, wonach der Mensch und namentlich der Mann sich selbst gemächlich aus der Welt heraus und über die Welt hinaus lebt, ohne Enttäuschung, ohne Flucht, ohne Bitterkeit, ohne Bodensatz, in reinster Übereinstimmung mit der Eigenbewegung, Eigenrichtung seines Seelenwachstums. Der Mensch, wo er dieser Bewegung und Richtung seines Seelenwachstums nicht absichtlich entgegen lebt, lebt seiner Seele zu und eben deshalb über die Welt hinaus und über den Leib hinaus; denn ist auch diese Seele in keinem Sinn eine Widerwelt oder ein Widerleib, so ist sie doch der höhere Grad, die höhere Stufe der Weltlichkeit und Leibhaftigkeit. Der Leib wird darum in jener Zeit auch noch nicht grundsätzlich kasteit oder mißhandelt oder gar abgetötet, vielmehr er wird überwunden und überwachsen. Mit seinem Dahinschwinden mehrt sich die Seele, ähnlich wie mit dem Abwelken der Kartoffelstaudenblüte der Knollen im Boden zur Genießbarkeit heranreift...

Verwundern wir uns also nicht, daß es in den Schriften des Pâli-Kanons eben der Heilige seines Weltalters ist, der zu vollkommener Makellosigkeit des Leibes verpflichtet, von allen übrigen Menschen gerade er am unerläßlichsten verpflichtet ist. Für den Buddhismus ist es ganz einfach eine Selbstverständlichkeit, was der europäisch-christlichen Erkenntnis-Zwiesal mit ihrer grundsätzlich gegensinnigen Leib-Seelenwirklichkeit schlechterdings unbegreiflich erscheint und erscheinen wird: Gotamo wäre durch einen minder vollkommenen Körper von vorn herein widerlegt, nicht allein vor den andern, sondern am meisten vor sich selber. Wo in einem vornehmen Haus ein Knabe geboren wird, berechtigt er in dem Maß zu höheren Hoffnungen, desto untadeliger sein Leib gebildet ist, — zur höchsten Hoffnung aber dann, wenn er die zweiunddreißig Male des ‚Großen Mannes‘ aufweist, die für den Kanon herkömmlich geworden sind. Alsdann ist der Welt nämlich in heiliger Stunde ein Eroberer oder ein Überwinder erschienen: der Kaiser-König oder der Erwachte einer nunmehr eingeleiteten Weltzeit. Vielleicht ist kein anderer Umstand geeignet, die wundervolle Einheitlichkeit des indischen Denkens und Wertens auszudrücken, als dieses beziehungreiche ‚oder‘, das jeden Spielraum freiläßt zwischen der Typik einer die Macht restlos erfüllenden und die Macht restlos verschmähenden Menschlichkeit. Innerhalb des Umkreises menschheitlicher Selbstverwirklichungen verhält sich der Kaiser-König zum Erwachten, wie sich der Leib zur Seele verhält, — zuletzt sind sie irgendwie dasselbe und treten nur verschiedenartig, kaum aber verschiedenwertig in Erscheinung: wenn ich hier vorhin die Seele den höheren Grad des Leibes nannte, so ist wahrscheinlich auch dieses noch viel zu abendländisch, viel zu platonisch, viel zu christlich ausgedrückt gewesen... Was aber jene indische Gleichwertung des Kaiser-Königs mit dem Erwachten anlangt, so dürfte bei ihr noch der andere Gedanke mit hineinspielen, daß es sozusagen der Wahlfreiheit des mit den zweiunddreißig Kennzeichen Ausgestatteten anheim gestellt ist, ob er sich späterhin für den Typus des Eroberers, ob für den Typus des Überwinders tatsächlich zu entscheiden geruhe. Für indisches Auffassen liegt es durchaus innerhalb des Bereichs gotamidischer Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Beispiel noch außerdem ein Asoko zu werden, — wie es umgekehrt durchaus im Bereich asokischer Fähigkeiten und Möglichkeiten liegt, noch außerdem ein Gotamo zu werden. So war Gotamo wirklich in seiner Jugend Fürst und Krieger; so war Asoko wirklich in seinem Alter Büßer und Einsiedler: in weltaufschließender Symbolik verbringt er seine letzte Lebenszeit nach siebenunddreißig Jahren glorreicher Machtherrschaft auf jenem nämlichen Goldenen Felsen Suvannagiri im Lande Magadhâ, wo einst der Jüngling Gotamo geweilt hatte... Ursprünglich also wohl Leib-Geist und Körper-Seele in letzter Ununterschiedenheit und Ununterscheidbarkeit, erwählt der Mensch gleichsam das Leben des überwiegenden Leibes oder des überwiegenden Geistes, des überwiegenden Körpers oder der überwiegenden Seele. Bevor er indes selber wählt, hat ihn seinerseit unter Unzähligen die Natur erwählt, indem sie ihn mit den Schönheitmalen makellosen Leibes und makelloser Seele leibhaftig begnadete. Diese klar ausgebildeten zweiunddreißig Male sind Gotamos: die wohlgefesteten Füße, die Tausendspeichenräder mit Felge und Nabe auf beiden Sohlen, die schmalen Fersen, die sanften zarten Händ’ und Füße, die breitgeschweifte Bindehaut zwischen Fingern und Zehen, die Muschelwölbung des Ristes, die schlanken Beine, die Fähigkeit zur Berührung der Kniescheibe ohne Vorwärtsbeugen des Rumpfes, das hinter der Kleidung unerkennbare Schamglied, die Goldfarbe des Körpers, Goldfarbe der Haut, die Schmeidigkeit der Haut, die Einzelflaumigkeit des Haares in seiner Pore, die Aufgerichtetheit, Schwärze, Ringelung des Flaums, die Erhabenheit des Wuchses, die Heiterkeit des Aussehens, die breite Löwenbrust, die Klafterhöhe, die Verhältnismäßigkeit der Körperlänge zur Armlänge, die Gleichform der Schultern, die Mächtigkeit der Ohrmuscheln, das Löwenkinn, das vollständige Gebiß, das festgefügte Gebiß, die Weiße der Zähne, die Größe der Zunge, der Wohllaut der Stimme, die Flocke zwischen den Brauen und zuletzt der Scheitelkamm. Dies ist Gotamos Leiblichkeit, so haben wir uns den Erwachten vorzustellen, der in mehr wie einem Sinn die Erbschaft Krischnas antrat. Derart stellt sich der Buddho in seinen Reden selber vor und derart ist er uns in Stein und Holz und Erz überliefert. Bis auf das Haar, das einständig einzelflaumige in seiner Pore, ist des Vollendeten Leiblichkeit vollendet geformt und gebildet, — nie ist dem Leib eine größere Verherrlichung widerfahren. Wenn überhaupt, dann war in jenen gotamidischen Tagen die Gestalt des Leibes heilig; wenn überhaupt, ward in jenen gotamidischen Tagen die Schönheit des Leibes angebetet. Der Leib nicht Grab, sondern Gral der Seele, das war Indiens Bekenntnis in jenen Tagen, da des Lebens Übermaß und Überschwang sogar die prunkenden Wortfugen des Mahâbhâratam glühend auseinandersprengte, wie es tausend und mehr Jahre später abermals (oder vielleicht immer noch?) die Tempelwände des buddhistischen Parthenon Boro-Budur gesprengt hat. Der Leib, nach Indiens Bekenntnis der Gral seiner Seele, Gefäß und Schrein der Seele und edel wie die Seele, — fürwahr! es ist bei dieser leibhaften Herrlichkeit des Erwachten zu Magadhâ schwer vermeidlich, nicht der leibhaften Herrlichkeit eines Erwachten unseres Westens zu gedenken, der in gotamidischem Alter dahingegangen ist, nachdem er wie kein anderer zuvor die Erde zu seiner Wohnstatt sich bereitete, allwo er wie ein Gott sälig an jedem Ort zu Hause war: „Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllt... Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir...“

Dieser Leib nun, in allen Spielen des Laufens, Ringens, Springens, Schwimmens, Fechtens, Rossetummelns, Bogenschießens geübt, in allen Künsten der Verschönerung erfahren, in Wohlgerüchen gebadet, von Räucherwerk durchduftet, mit feuchtem Sandel eingesalbt und mit Safran und Lakkaröte geschminkt, — dieser Leib nun wird unabwendbar eines Tages in Regenbogentinten schillernd angelaufen sein. Er wird wie ein aufgetriebener Blasbalg von den Gasen der Verwesung angeschwollen sein. Er wird an hundert Stellen aufplatzen und stinkend in den Jauchepfützen seines eigenen Aufbruchs liegen. Aus seinen Löchern und Höhlen wird madiges Gemeiß kriechen. Das Fleisch wird von den Sehnen und die Sehnen werden von den Knochen fallen. Die Knochen werden von den Überbleibseln der Fäulnis braun bestäubt sein, bis auch sie zu Staub vermodert sind. Und dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist der Kummer am Leibe für den, der den Leib lieb hat. Dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist das Leiden am Leibe, wie es der junge Ritter Gotamo erlitt, der da noch den Atem der Heldenfrühe des indischen Festlands atmete. Er selbst hat später am Seherstein im Wildpark zu Benâres die Wahrheit des Leidens eine heilige genannt, und die Frage war für ihn nur diese, ob es derlei Leidens auch eine Abstellung, Verwindung, Überwältigung gäbe? Die Frage war eigentlich nur, ob dieser dauerlose Körper zur Dauer erstarken, ob dieser hinfällige Körper zur Rüstigkeit gedeihen, ob dieser sterbliche Körper zur Unsterblichkeit erblühen könne? Ist es möglich, ist es auch nur denkbar, daß die weltherkömmliche Ordnung für den Körper umgestürzt werde und das Leiden am Körper zu seiner Aufhebung gelange, indem der Körper durch Anspannung, Übung, Umgestaltung außerhalb dieser Ordnung gleichsam neu gepflanzt und neu aufgebaut würde?