Der Abendländer zweifelt und verneint. Der Abendländer stellt sich Leib und Seele vor als zwei nebeneinander herlaufende Erscheinungreihen und Erlebnisverknüpfungen, die wirkunglos und beziehunglos zueinander ihren leiblichen und seelischen Gegengesetzen folgen müssen. Gotamo hingegen zweifelt nicht und bejaht. Leib und Seele zuletzt ein und des nämlichen Seins und Wesens, stehen für ihn in einem stätigen Wechselverhältnis, ja Austauschverhältnis, wobei der Leib die Stelle der Seele vertreten kann und die Seele die Stelle des Leibes. Der Wille eines jeden hat es in der Hand, den Leib gleichsam mit den Spezereien der Seele einzubalsamieren, wie es der Arzt seit unvordenklichen Zeiten in der Hand hat, die Verweslichkeiten des Leibesinnern gegen pflanzliche Dauerstoffe auszuwechseln und dadurch unverweslich zu machen. Gotamo verneint die Unerläßlichkeit des Leidens am Körper und bejaht des Leidens Abstellung, Verwindung, Umgestaltung aus der Einsicht heraus in die Herkunft und die Beschaffenheit des Leibes. So wie die Ordnung der Natur ist, entsteht der Körper und vergeht der Körper. So wie es aber der Wille des Menschen will, der unablässig um Dauer ringende, kann eine Versetzung des Leibes stattfinden in eine andere Lage der Wirklichkeit, in einen anderen Urstand des Seins, wo die Gesetze der Schöpfung, als welches die Gesetze des Werdens sind, ganz von selbst außer Kraft treten müssen. Wir Abendländer kennen als Beispiel einer gewissen Umgestaltung den Vorgang der Versteinerung. In die schneller verweslichen Teile eines Tier- oder Pflanzenleibes dringen unverwesliche Teile ein von mineralischer Beschaffenheit und bauen die Gestalt des Lebewesens in eben dem Zeitmaß von sich aus wieder auf, in welchem diese Gestalt durch die Zersetzung ihrer organischen Grundstoffe und durch deren Verbindung mit dem Sauerstoff abgebaut wird. Wo der Zellenleib zerfällt, erscheint allmählich ein Steinleib zu seiner Stellvertretung, so daß man in Wahrheit von einer Umgestaltung reden dürfte, — von einer Umgestaltung, die freilich nur den toten Leib ergreift und diesen gegen den nicht minder toten Ersatzleib eintauscht. Indessen ist uns Abendländern doch auch manch anderes Beispiel lebendiger Umgestaltung nicht völlig unbekannt. Wir selber pflegen die Kräfte unseres Lebens, unseres Selbstes an unsere Arbeit zu setzen, sei sie nun Wort oder Werk oder Tat oder überhaupt Leistung; in Wort Werk, Tat, Leistung setzen wir selbst uns um, setzen wir unserer Selbstheit Gestalt um und schaffen uns auf diese etwas plumpe Art eine verhältnismäßige Unsterblichkeit in einem Bereich der sogenannten Werke oder Werte oder Sachverhalte oder Gültigkeiten, — in einem Bereich mithin, welches uns in gewissem Sinn sehr wohl des Lebens Jenseit bedeuten darf. So fangen wir gleichsam die Essenz unseres Lebens von uns selber ab und versetzen unser persönlich-sterbliches Sein an den Himmel sachlicher Unsterblichkeiten. Auf allen Wegen, wo wir gehen und stehen unsere Unsterblichkeit angelegentlich betreibend, gestalten wir auf solche Weise die Gestalt unseres Selbstes um in Wort, Werk, Tat und Leistung, welche offenbar länger dauern als die lebendige Gestalt und dennoch des Lebens nicht in jedem Sinn entbehrt. In Worten, Werken, Taten verewigen wir uns selber, fortwährend ohne unser Wissen in einem wunderlichen Unsterblichkeitzauber, Apathanatismos von hoher Wirksamkeit befangen...
Noch ein Schritt weiter, und wir stoßen auf Gotamos eigenen Unsterblichkeitzauber, auf Gotamos eigenen Apathanatismos. Beruht dieser doch im wesentlichen darauf, daß der Leib in zunehmenden Graden durchsetzt und durchseelt, durchwaltet und durchwürzt, durchdrungen und durchflutet werde mit den erworbenen Grundbestimmungen des Gemütes. Das gotamidische Verfahren besteht vornehmlich darin, die von der Seele hervorgebrachten und einstweilen durch Übung befestigten Zustände gleichsam als stätige Gebilde den unstätigen Gebilden des Leibes zu unterstellen, und zu diesem Ende weiß der Buddho sich der älteren Praxis der Yoga trefflich zu bedienen. Insonderheit ist es die übrigens auch im alten China geübte Praxis des regelentsprechenden Aus- und Einatmens, die Hatha-Yoga, welche Gotamo für seine Makrobiotik, für seinen Apathanatismos anzuwenden gesonnen ist. Die Aus- und Einatmung nämlich wird ganz planmäßig mit Vorstellungen verknüpft, die sie begleiten sollen, und diese Vorstellungen verschmelzen allmählich derart mit den Atemvorgängen selber, daß sie gewissermaßen an deren Stelle treten: die körperliche Tätigkeit, zuerst von einem Ablauf von Bildern und Gedanken regelmäßig begleitet, wird bei geregelter Führung von diesen Bildern und Gedanken bis zu einem gewissen Grad geradezu verdrängt, der Vorgang in der Lunge wird umgesetzt in einen Zustand des Gehirns, ja des Bewußtseins. Die Atmung wird etwas anderes wie Atmung, die Körpertätigkeit setzt sich in etwas anderes um als Körpertätigkeit, und zwar vollzieht sich diese ‚Selbstvergeistigung‘ gradweis und stufenweis mit den erlangten Graden und Stufen der erworbenen Gemütszuständlichkeit. In der Hundertundachtzehnten und Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo hat sich der Buddho ausführlicher, obzwar leider immer noch nicht ausführlich, über diese Atemübungen vernehmen lassen, und insbesondere in der letzten dieser Reden wird das Ziel dieser seltsamen Vornahme ein wenig deutsam. Der Leib soll dazu bereitet, ja dazu abgerichtet werden, an dem Erwerb der Seele teilzunehmen: der Leib soll lernen, sich bis zu den tiefsten Versenkungen der Seele mit zu versenken und sich in den reinsten Läuterungen der Seele mitzuläutern. Der Leib soll nicht länger ein unbeeinflußtes und unbeeinflußbares Außerhalb der Seele bleiben, sondern in jedem Muskel, in jeder Zelle den erreichten Seelenstand selbst erreichen. Auf leibliche Weise soll sich der Leib solange in Seele wandeln, als sich auf seelische Weise die Seele in Seele wandelt. Die christliche Seele, ihr Christen, hält ihre höchste Andacht beiseit vom Leib, als forma separata entrückt, entrafft, entleiblicht, — aber die Seele Gotamos hält ihre höchste Andacht mit dem Leib zusammen, den Leib völlig in Seele einbettend, umbettend. Die christliche Seele, ihr Christen, ist unsterblich abseit des sterblichen Leibes und überlässet den sterblichen Leib dem allgemeinen Verhängnis der Sterblichkeit, — aber die Seele Gotamos gedenkt unter keinen Umständen den Leib sich selber und seinem Verhängnis zu überlassen, sondern ihn vielmehr mit ihrer eigenen Dauer zu begaben und zu begnaden. Dem Fleisch der Früchte, dem Fleisch der Tiere, welches wir erhaltsam und bewahrsam machen wollen, setzen wir etwa Zucker, Salz, Säure, Weingeist, Hitze, Trockenheit zu. Dem Fleisch des Leibes, vom Buddho Erhaltsamkeit und Bewahrsamkeit ernstlich zugedacht und zugesprochen, setzt der Buddho gleichsam Seele zu, und so erwirbt es durch diesen Zusatz beide Tugenden. „Und ferner noch, ihr Mönche: der Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, verweilt in sinnend gedenkender, ruhegeborener, säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Diesen Körper durchdringt und durchtränkt, erfüllt und sättigt er mit ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der kleinste Teil seines Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein gewandter Bader oder Badergeselle auf ein Metallbecken Seifenpulver streut und mit Wasser versetzt, verreibt und vermischt, sodaß sein Schaumball völlig durchfeuchtigt, innen und außen mit Feuchtigkeit gesättigt ist und nichts herabträufelt: ebenso nun auch, ihr Mönche, durchdringt und durchtränkt, erfüllt und sättigt der Mönch diesen Körper da mit ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der kleinste Teil seines Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt“...
Dies also ist das überschwänglich übermenschliche Ziel des gotamidischen Unsterblichkeitwillens, den Leib den Ordnungen des Werdens, als welches die Ordnungen des Entstehens-Vergehens sind, gewaltsam durch Anstrengung, Übung, Umgestaltung zu entreißen und seiner völligen Durchseelung zuzuführen. Und mit viel Besonnenheit entnimmt Gotamo die Mittel zu diesem erfahrung-jenseitigen Ziel dem unausschöpflichen Vorrat an Selbsterfahrungen, den die Yoga, das ist die überlieferte Kunst der unbedingten Leib- und Geistbeherrschung, durch den Willen, in den Jahrtausenden aufgespeichert hat. Durch strenge Anpassung erfahrungmäßiger Zucht- und Abrichtungmittel an den schlechterdings überschwänglichen Zweck entsteht ein Langlebigkeit- und Unsterblichkeitzauber von beispielloser Unentwegtheit und Folgerichtigkeit, dem nur wenige unter den anderen maßgebenden Religionen der Erde etwas Ähnliches an die Seite zu stellen haben dürften. Durch eine mit planmäßiger Führung und Regelung des Ein- und Ausatmens einzuleitende Entkörperlichung des Körpers beschwichtigt der Buddho sein Leiden am Körper und überwindet es: durch eine mit hoher diätischer Besonnenheit betriebene Umgestaltung des Leibes durchbricht der Buddho die Ordnung der Leiblichkeit und steigert den Körper gewissermaßen zu einem Urstand der Seele, — oder vielleicht zutreffender und richtiger noch: er steigert ihn zu einer Eigenschaft der Seele, welche Dauer, Ständigkeit, Langlebigkeit, ja geradezu Unsterblichkeit heißt. Wer diesen Tatbestand von grundlegender Bedeutsamkeit begreift, der und nur der wird das wunderliche Wort Gotamos wirklich zu würdigen vermögen, welches in der Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo die Einsicht in den Körper als den Inbegriff aller heilsamen Dinge preist. Gleichwie einer, der das große Meer im Geiste gefaßt habe, damit auch alle Ströme und Flüsse gefaßt hat, die sich ins Meer ergießen, so hat sich die Summe alles heilfordernden Wissens zu eigen gemacht, wer die Einsicht in den Körper erwarb. Als ein Umgestalteter, jedenfalls aber als ein Umgestaltender, ist er dem Werden entronnen. Ungeworden, vergeht er nicht, unvergänglich, dauert er. Wer die Einsicht in den Körper pflegt, der wird nicht, sondern ist, und wer ist, hat bereits im Jenseit dieser Werdewelt und Wandelwelt festen Fuß gefaßt. ‚Spender der Unsterblichkeit‘ aber, das ist einer der Titel des Erhabenen, die er sich durch diese Anweisung zur Umgestaltung des Leibes in einem vielleicht buchstäblicheren Sinn verdient zu haben scheint, als es unsere höchst lückenhafte, höchst unzulängliche, höchst unzuständige Abendlands-Erfahrung auf den ersten Anblick wohl wahr haben möchte...
Verstehn wir Christen uns indes, ihr Christen, reichlich schlecht auf diese wie auf alle sonstigen unsterblichen Dinge, so sind wir dennoch mit derlei geheimnisvollen Vornahmen nicht völlig unbekannt oder sollten es wenigstens nicht völlig sein. Auch dem Heiland unserer westlichen Welthälfte ist ja die Umgestaltung bei Lebzeiten widerfahren, von welcher das Evangelium nach Lukas in seiner schmucklosen Art trocken berichtet: „Und während er betete, ward die Gestalt (εἶδος) seines Angesichts eine andere und sein Gewand ward weiß und blitzete“... Was hier mit Jesus geschah, als er in der Gesellschaft des Petrus, Johannes, Jakobus den hohen Hügel bestiegen hatte, umschreibt das Evangelium der Kirche ein klein wenig völliger, wenn es wörtlich erzählt: „und er ward umgestaltet (μετεμορφώτη), und es leuchtete sein Antlitz wie die Sonne und seine Gewänder weißten sich wie das Licht“... Der Verfasser dieser Heiligen Schrift der Christen gebraucht an dieser Stelle geradezu das Wort Umgestaltung selbst, welches dann Luther in einer auffälligen Ungenauigkeit mit ‚Verklärung‘ wiedergegeben hat. Was aber hier sofort im Unterschied zum buddhistischen Kanon schwer ins Gewicht fällt, ist weniger die Beiläufigkeit und Folgenlosigkeit des für den Buddhismus so entscheidenden Vorgangs, als vielmehr die Tatsache, daß die Umgestaltung des Evangeliums als eine Wirkung der Gnade oder des göttlichen Eingriffs zu gelten hat, während die gotamidische Umgestaltung das selbsttätig erworbene Gut der Freiheit erscheint. Auch in dieser Bezugnahme bleibt der Buddho seinem Protestantismus unentwegt treu, denn Gotamo der Protestant, Gotamo der Atheist weiß nichts von Gnade, weiß nichts von Eingriffen Gottes, weiß nichts von Gott selber, dessen Wolke ihn überschatten und dessen Stimme ihn als den vielgeliebten Sohn verkünden könne. Wenn der Leib Gotamos seiner Umgestaltung tatsächlich teilhaftig geworden ist, so wird die Umgestaltung der unermüdlichen Arbeit, Zurichtung und Zucht des eigenen Selbstes verdankt. Sie stellt sich nicht ein von ungefähr, sondern ist der Ertrag eines unablässig diesem Ziele zugewandten Strebens. Gleichsam um diesen Sachverhalt anzudeuten, widerfährt die sichtbare Verklärung des Leibes dem Buddho (nach dem Dritten Bericht aus dem Großen Verhöre zur Erlöschung Mahâparinibbânasuttam) erst wenige Stunden vor dem Ende, am Tage vor der Nacht, da der Vollendete wirklich voll-endet. In einer Szene von mehr wie kalidasischer Reinheit, Helligkeit und Zartheit der Farbe weiß der Bericht zu erzählen, daß der Mallerprinz Pukkuso dem sterbenden Heiligen einen doppeltgewebten goldfarbenen Schleier habe darreichen lassen als kostbares Sterbekleid, des kostbaren Sterbenden würdig. Vom Lieblingjünger Ânando dann mit diesem schimmernden Schleier bekleidet, beginnt der Leib des sterbenden Meisters, gleichsam im Feuer der eigenen Seele zu völliger Gediegenheit geläutert, wie der Mond in der Nacht seiner Rundung zu leuchten und zu gleißen, also daß der doppeltgewobene goldfarbene Schleier des Mallerprinzen in fahler Glanzlosigkeit verbleicht. Nun ist der Leib des Erhabenen endgültig und restlos umgestaltet, vollkommen dauerhaft geworden. Aber in dieser Stunde der ewigen Selbstvollendung besteht der Vollendete nicht mehr auf seiner Dauer, — in dieser Stunde übergibt er den verklärten und durchsättigten Leib eben jener Werdewelt, die er in fünfzig Jahren ununterbrochener Selbstläuterung überwunden hat!...
Vollkommen dauerhaft geworden, sag’ ich, bestünde in diesem Augenblick der Herr Gotamo dennoch nicht auf seiner Dauer: vollkommener Spender der Unsterblichkeit geworden, verschmähe der Herr Gotamo zuletzt dennoch seine Unsterblichkeit. Dieses in der Tat sehr seltsamen, sehr unverständlichen, ja widersinnigen Sachverhalts müssen wir an dieser Stelle noch gedenken, wenn anders wir von dem Geheimnis dieses geheimnisvollsten aller Menschen auch nur einen Zipfel zu lüften hoffen dürfen. Das Leiden am Leibe aufzuheben, hat der Buddho die Praxis der Hatha-Yoga samt allem, was an seelisch-körperlichen Übungen (‚exercitia‘) mit ihr zusammenhängt, in den Dienst eines unbeirrbaren Unsterblichkeitwillens gestellt. Und in der Fähigkeit, den Leib mit seelischen Kräften wie mit den Wellen von einer annoch unbekannten Ordnung zu durchstrahlen, dauerhaft zu machen und ihn gleichsam aus der Bewegunglage in die Ruhelage hinüberzubetten (und nicht nur hinüberzurechnen, wie die europäischen Mathematiker und Physiker mit den materiellen Systemen des Kosmos tun!) — in dieser Fähigkeit hat er mutmaßlich die Heilande und Heiligen aller anderen Religionen der Erde weit hinter sich zurückgelassen. Er hat sie soweit hinter sich zurückgelassen, daß von den Brosamen, so von dieses Reichen Tische fallen, noch immer alle die Hündlein satt geworden sind, die, von den Verkümmerungen, Verzerrungen, Fehldeutungen dieses gotamidischen Gedankens zehrend, als Theo- und Anthroposophen heute einem Krypto-Buddhismus Pseudo-Buddhismus in allen fünf Weltteilen zumal frönen. Eine Nachprüfung, eine Nachtätigung, wieweit der Körper durch solche Anstalten wirklich bis zu einem gewissen Grade unsterblich zu machen wäre, ist freilich aus allbekannten Gründen mindestens uns Europäern bis auf weiteres versagt. Haben wir keinen Grund, die Möglichkeit dieser und ähnlicher Umgestaltungen schlankweg zu verabreden, so sind wir im Hinblick auf unsere eigenen Erfahrungen freilich dazu berechtigt, auch dieser Umgestaltung keine tatsächlich unbegrenzte, sondern etwa nach Wirkunggrad und Reichweite immerhin begrenzte Beeinflussung zuzuschreiben. Genug, daß der Buddho selber zur Erlöschung eingegangen ist, trotzdem das Unsterblichkeit- und Dauerziel eines der vornehmsten seiner Lehre und seines Wandels gewesen ist. Der Herr eines der Werdewelt und ihren Gesetzmäßigkeiten grundsätzlich entrückten Leibes geworden, macht der Buddho, wie ich schon sagte, im entscheidenden Augenblick von dieser erworbenen Ewigkeit dennoch keinen Gebrauch! Und wahrscheinlich ist es der Bestürzung der Jüngerschar über dieses erschütternde Begebnis zu danken, — in vielen Punkten der Bestürzung einer anderen Jüngerschar nicht unähnlich, — daß der Dritte Bericht aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam in stark legendarischer Fassung auf diesen ganz und gar unbegreiflichen Umstand zurückkommt und gewissermaßen eine Erklärung a parte post zu geben bemüht ist, warum der Erhabene seinen zur Dauer gehärteten Körper nun doch dem Vergehen überantwortet. Es ist dies nach dem Wortlaut des Berichtes einem Versäumnis des Ânando zur Last zu legen, der in den fraglichen Tagen mit der persönlichen Aufwartung beim Erhabenen betraut war. Ihm nämlich hat der Buddho dreimal die Bitte auf die Zunge gelegt, nicht zur Erlöschung einzugehen, vielmehr fortab unter den Jüngern zu weilen in dem Zustand der leiblichen Beharrung, zu dem er sich in einem halben Jahrhundert unerhörter Läuterungen emporgeläutert hat. Dreimal legt der Buddho diese Bitte seinem Lieblingjünger auf die Zunge und dreimal verstehet Ânando seinen Meister nicht und schweigt. Also mißverstanden und unverstanden vom teuersten Menschen bei unwiderbringlicher Gelegenheit, beschließt der Erhabene, dem dreimal schon ausgesprochenen Wunsche Mâro des Bösen zu willfahren und zur Erlöschung einzugehen. Mit der Gebärde jener göttlichen Traurigkeit, welche auch noch die schönsten Siege des Menschen über sich, über die ‚Welt‘ umflort, gibt der Erwachte die lebenslang erkämpfte Dauer seines Leibes preis. Auch der Mensch, der ihm längst der werteste und nächste war, hat sich das Geschenk stätiger Gegenwart des Erhabenen nicht erbeten. Auch der innigste Freund, der ‚siebenschrittige‘, war ihm in der rechten Stunde innerlich unendlich fern und hat das Wort des Herzens nicht gefunden: Μεῖνον μεθ’ἡμῶν, Bleib’ bei uns! ὅτι πρὸς ἑσπέραν ἐστιν, denn es naht gen Abend! Hier bricht ein tödlicher Schmerz durch, mit keinem Laut preisgegeben und trotzdem zermalmend fühlbar, ein Schmerz über alle Schmerzen an der Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit des Leibes. Hier bricht ein Schmerz durch, ein nie besieglicher, über die untilgbare Menscheneinsamkeit der Seele, ein Schmerz, den auch der großgeistige Buddho nicht mehr zu verwinden weiß, — nun war es Zeit sogar für ihn, den Großgeistigen, zu gehen... „Wer auch immer, Ânando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet hat, der könnte, Ânando, wenn ihn darnach verlangte, ein Weltalter hindurch bestehen, oder bis zu Ende des Weltalters. Der Vollendete hat, Ânando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet; bei Verlangen darnach, Ânando, könnte der Vollendete ein Weltalter durch bestehen oder bis zu Ende des Weltalters. Ob dir gleich also, Ânando, vom Vollendeten ein wichtiger Wink, ein wichtiger Hinweis gegeben war, hast du es nicht zu merken vermocht, hast nicht den Vollendeten gebeten: ‚Bestehn möge der Erhabene das Weltalter durch, bestehn möge der Willkommene das Weltalter durch, vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Menschen.‘ Hättest du, Ânando, den Vollendeten gebeten, so hätte wohl zweimal deine Worte der Vollendete abgewiesen, aber das dritte Mal ihnen entsprochen. Darum aber, Ânando, hast du eben hier es versehen, hast du eben hier es versäumt...“ Ein Weltalter hindurch hätte also der Erhabene nach seinem eigenen Bedünken bestehen können bei Verlangen darnach. Ein Verlangen darnach hat aber niemand von den Jüngern im rechten Augenblick zum rechten Ausdruck gebracht, und so verlangt den Erhabenen selber nicht länger darnach. Und so entläßt denn der Erhabene (nicht ohne einen unendlich sanften Tadel Ânandos) den lebenslang gehegten Dauergedanken, entläßt den lebenslang gestärkten Unsterblichkeitwillen, entläßt den lebenslang gepflegten Wunsch nach weltzeitwährender Trostgegenwart... Wer hat da von euch, ihr Christen, noch eine Frage auf dem Herzen?...
Wir westlichen Menschen, ihr Christen, haben öfters wohl als billig dies gotamidische Leiden am Leibe für das Merkmal genommen einer übermüdeten Gesellschaft und ihrer übermüdeten Gesittung. Pochend auf die eigene und vermeintliche Jugendlichkeit haben wir oftmals zu uns selber gesprochen: Greisenhaft ist dieses gotamidische Leiden an der Leiblichkeit; welk, absterbend und untergangsüchtig ist das gotamidische Leiden am Leibe. Und noch der Prophet unseres eigenen Untergangs, — ein falscher Prophet übrigens sogar dort, wo er recht hat! — hält es für angemessen, jede Vergleichung etwa unseres westlichen Heilands mit dem Heiland des Ostens als ‚unwissenschaftlich‘ zu verbieten, weil beide Heilande in der Reihe der geschichtlichen Lebensalter an verschiedenen Stellen der Zeit stünden: der eine am Eingang, der andere am Ausgang hingegen einer geschichtlichen Periodos. Und dieses der geschichtlichen Wahrheit zum Trotz, daß just der Auftritt Gotamos für Indien gewissermaßen das Zeichen war, im nächstfolgenden Jahrtausend die große Architektur, die große Skulptur, das große Drama, das große Imperium zu schaffen in allerengster Berührung mit dem Geist des Asketen aus Magadhâ... Davon jedoch abgesehen, wage ich darüber hinaus die entschiedene Behauptung, daß eben jenes Leiden am Schicksal der Leiblichkeit das untrügliche Kennzeichen einer menschheitlichen Jugend, und nicht eines menschheitlichen Greisentums sei. Nur eine verhältnismäßig noch jugendliche Menschheit nämlich ist eindrucksfähig genug, um vor der Tatsache Alter, Krankheit, Tod so jäh erschreckt zu werden wie Gotamo von ihr erschreckt ward. Nur eine noch jugendliche Menschheit erliegt den Eindrücken des Lebens in diesem Maß und ersiegt sich ein zweites Leben über diese Eindrücke hinaus. Wer wirklich alt ist, dem hat das Alter jedwede Schrecknis längst verloren. Wer wirklich krank ist, den ängstigt hinfort keine Möglichkeit, krank zu werden. Und wer vollends schon sterbend ist, wie sollte er sich noch des Todes fürchten? Die Legende von der Ausfahrt Vipassîs erzählt von einem Jüngling, der ausfuhr, und es scheint, daß hiermit in mehr wie einem Sinn die Legende die Wahrheit berichtet habe, denn jedenfalls war der Buddho selbst von der Unbeeindruckbarkeit des Greisenalters so stark durchdrungen, daß er von jedem Belehrungversuch, Überredungversuch, Bekehrungversuch an Alten durchaus abriet und seinen Jüngern wiederholt einschärfte, sich bei ihrem Heilswerk an die Jugend zu halten: ganz einhellig übrigens mit dem griechischen Sprichwort, wonach einen Greis belehren wollen nichts anderes heißt als einem Toten eine Arzenei einflößen. Es ist dies eine Erwägung von großer Schlichtheit, aber eben darum jedem sich nahelegend, der ein Urteil über der Völker Jugend oder Alter zuverlässig abzugeben sich getraut...
Beim Buddho persönlich entspringt also das Leiden an der Leiblichkeit einem ungemein heftig erfühlten Bewußtsein der Ewigkeit des Selbstes: wie ungereimt dies auch anzuhören sei nach der weiter oben schon festgestellten stracks gegensinnigen Tatsache, wonach eben der Gedanke des Selbstes, der brahmanisch-vedische Gedanke, von Gotamos Protestantismus und protestantischer Kritik ausdrücklich zersetzt worden ist. Und zwar zersetzt durch das neue religiöse Erlebnis des ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht, das bin Ich nicht, das ist nicht mein Selbst‘. Diese Formel bricht gleichsam den Stab über den brahmanisch-vedischen Âtman, wofern eine Erlebnis-Gegebenheit, die Mir gehört, die Ich bin, die mein Selbst ist, nirgends aufgewiesen werden kann. Aber gleichzeitig bricht sie den Stab über den Âtman nur darum, weil alle Erlebnis-Gegebenheiten nur vergänglich, nur wehe, nur wandelbar erscheinen. Dieses Vergängliche, dieses Wehe, dieses Wandelbare gehört Mir nicht, — aber wer ist so schwerfällig und schwerhörig, daß er in dieser Verneinung die heimliche Bejahung völlig überhört, die da lautet: das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare gehört Mir; das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare bin Ich; das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare ist mein Selbst!... Was irgendwie Dauer hat und Beharrung zeigt und nicht Wehe ist, das gehört Mir, selbst wenn es im Umkreis der Wahrnehmbarkeiten nirgends auszumitteln ist. Sehr wahrscheinlich, ja so gut wie sicher gibt es gar nichts Vorhandenes und Wirkliches und Daseiendes im Sinn dieser Wunschforderung, folglich gibt es auch nichts Vorhandenes und Wirkliches und Daseiendes, das Mir gehörte oder das Ich wäre. Aber was beweist diese Tatsache gegen die Wunschforderung als solche? Gotamo heischt Dauer, und weil er Dauer nirgends verwirklicht findet, leidet er an der Wirklichkeit. Mit einer ungeheuern Strenge und Unbeugsamkeit zerstört er den Sinnenschein der Dauer überall, wo sie nichts anderes für sich anzuführen hat als eben bloß den — Sinnenschein. Aber die Dauer an und für sich, sie bleibt nichtsdestoweniger das unantastbare Ziel seines gesamten religiösen Verhaltens, — das umso ausschließlichere Ziel, destoweniger es durch Erfahrungen bekräftigt wird. Die Dauer ist ihm der große und grundsätzliche Wert, der ‚Wert ersten Ranges‘, wie einhellig mit ihm Macchiavelli und Nietzsche sagt. Die Dauer ist ihm der Wert der Werte oder der Wert schlechthin, schon weil sie allem Lauf der Dinge so unbedingt zuwiderläuft, ja weil sie der Zeit und ihrem Werdestrom selbst zuwiderläuft. Die Dauer, wenn überhaupt Dauer ist, ist im tiefsten Sinn zu erkämpfen, zu erstreiten, zu ersiegen im Widerstreit mit der gesamten Welt- und Lebensordnung, und schon darum ist sie wie kein zweiter Wert weltüberwindend, wirklichkeitüberflügelnd. In einem mehr wie nur homerischen Wortverstand ist die Dauer ‚wider das Geschick‘, — sie ist nämlich wider das Urgesetz der Schöpfung selber, welches der unübertreffliche metaphysische Spürsinn Indiens in der herrlichen Sâvitrî-Episode des Mahâbhâratam mythologisch in die Tatsache des Todes selber zu verflechten wußte: ich beziehe mich auf das berühmte Zwiegespräch jener indischen Alkestis Sâvitrî mit dem Todesgott Yama, wo sie mit einer unfehlbaren Einsicht in den wahren Sachverhalt den Tod als das Urgesetz und das Urgesetz als den Tod preist. Dharma wird hier als höchstes Gut, als höchster Wert verehrt, aber Dharma ist Yama, und weil dem so ist, trachtet der Buddho am ersten nach der Dauer als der Welt- und Todesordnung Jenseit: „Wie wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüte verweilte und hätte die Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste?“... Über ihr stehend im Geiste, das aber hieße über ihr stehend in der Dauer, und von dieser Wunschforderung der Menschenseele lässet auch dann Gotamo nicht ab, wenn sie von keiner Gegebenheit der Sinne oder des Sinns befriedigt, gestillt, erfüllt wird. Die Dauer ist das Plus Ultra, welches die Menschenseele über jede Wirklichkeit hinauswirft wie einen Ball, der dem Begriff der gleichförmigen Bewegung zufolge in die Unendlichkeit rollt und rollt. Dauer ist Seltenheitwert, Dauer ist Ausnahmewert, Dauer ist Unmöglichkeitwert, das ist Gotamos Meinung, um derentwillen er darnach trachtet und trachten muß, diesen verweslichen Leib in einen unverweslichen umzugestalten. Wer aber hier allzu flink bei der Hand ist, von Völker-Jugend oder von Völker-Greisentum zu reden, der greife zunächst einmal in sein eigen Herz und dann ins Herz aller Vergangenheiten, aller Vergänglichkeiten, ob nicht gerade dies Wunschverlangen nach Dauer, nach Ewigkeit, nach Stätigkeit der ewige Apathanatismos sei, auf welchen jede Menschheit von einigem Menschheitwert in allen ihren Wert- und Werkverwirklichungen bewußt oder unbewußt hingezielt habe, jegliche Menschheit in summa von der Gestalt jenes babylonischen Gilgamesch am würdigsten versinnbildlicht, der da einst auszog, glücklicher Finder und vielleicht Erfinder seiner Unsterblichkeit zu werden... Gotamos Urerleben heißt also Leiden; sein Leiden aber heißt Alter, Krankheit, Tod: das Schicksal der Leiblichkeit schlechthin. Das Schicksal der Leiblichkeit indes, das ist das Gesetz der Gattung, und so ist Gotamos Leiden an der Leiblichkeit das Leiden der Gattung, welches er sozusagen als Stellvertreter der Gattung mit besonderer Heftigkeit und Gewalt an sich erfährt: das ward mit ziemlichem Nachdruck oben schon verkündet. Das Leiden aller, von einem Einzelnen und Einzigen mit ausnahmweiser Wucht als die Bestimmung aller erfühlt, ist mithin zwar einenteils das Leiden der Gattung selber, welches jedes Glied der Gattung kosten muß, — ist andernteils aber auch das Leiden an der Gattung, als welche den drei Kernübeln des Alterns, Siechens, Sterbens ohne Rettung verfallen ist. Gotamo leidet wie kein zweiter die Not des Menschen. Aber eben darum leidet er auch wie kein zweiter am Menschen selber, der hoffnunglos dieser Not verhaftet ist. Nur leidet er am Menschen nicht, wie Jesus oder Zarathustra am Menschen gelitten haben, — bis zum Überdruß, bis zum Ekel, bis zur Verzweiflung gelitten haben an des Menschen Trägheit, Feigheit, Grausamkeit, Käuflichkeit, Treulosigkeit, Seelenlosigkeit... Diese herkömmlichen Menschenschändlichkeiten scheinen den Buddho sogar weniger berührt zu haben als sonst die Mehrzahl der geschichtlichen Heiligen und Helden, denn etwa mit Ausnahme jener sanften Traurigkeit über das Stillschweigen Ânandos kurz vor der Erlöschung stoßen wir kaum auf Spuren, geschweige denn auf Narben jenes Leidens, welches die tödlichste Heimsuchung des höheren Menschen zu sein pflegt. Gewiß! Dieser Großgeistige wird in der Kenntnis der Menschen, wie sie sind, so wenig übertroffen als in der Kenntnis des Menschen, wie er ist. Aber nirgends schmerzt ihn das Menschliche, weil es etwa böse oder schlecht oder weil es gar teuflisch wäre; nirgends leidet er
„Daran, daß der Mensch unmenschlich
Ist und bleibt und nur der Gott