Sich als Mensch kann offenbaren,
Aber keinem von den Menschen...“
Nein, der Erhabene leidet, weil diese Gattung Mensch, in die Werdewelt hineingeflochten, an der Dauerwelt keinen Anteil hat. Des Buddho Schmerz an der Gattung ist im Kosmos gegründet und in dessen Nomos, dessen Dharma. Es wäre nur die Hälfte wohl der Wahrheit, zu sagen, daß Gotamo an der Gattung allein gelitten habe: aber wofern er wirklich an der Gattung litt, da litt er an ihrem kosmischen und nicht an ihrem ethischen Zustand. Und hier bedarf die bisherige Darlegung allerdings einer Erweiterung und Vervollständigung von höchster Wichtigkeit. Denn um es mit Einem Wort zu sagen: das Leiden der Gattung und an der Gattung umspannt zwar das eigentliche Urerleben Gotamos, wie es die Legende von Vipassîs Ausfahrt ein für allemal versinnbildlicht, — aber dieses Urerleben füllt unter keinen Umständen den vollen Kreis des Leidens selber aus, wie es im Kosmos durchaus verwurzelt erscheint, um dann im Ethos freilich seine bittere Frucht zu tragen. Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit sind also wohl die Leiden des Geschöpfes, durch die es seine Gebundenheit an die Schöpfung, seine Bedingtheit in der Schöpfung unzweideutig zu erkennen gibt. Wohl erleidet jeder Einzelne zu seinem Teil das Urverhängnis der ganzen Art, ja der ganzen Wandel- und Werdewelt, und ein Einzelner vollends von der Würde des Buddho erleidet weit über seinen persönlichen Anteil hinaus kraft seiner Eigenschaft als ‚Engel‘ das Urerleben aller, als ob er selber in eigener Gestalt ‚alle‘ wäre! Aber daneben, man wolle es bemerken, sind jedem Einzelnen die ganz besonderen Leiden seiner Einzelnheit und Einmaligkeit einmalig auferlegt. Sie sind ihm auferlegt, und auch dies wolle man bemerken, nach altindischem Dafürhalten als die unabwendbare Wirkung und Folge aller Taten, die einer getan oder unterlassen hat zu Zeiten früherer Verkörperlichungen. Gotamo hätte kein rechter Inder sein müssen und noch weniger jener Herzenskündiger, der da „der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen schaut und erkennt: das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das haßlose Herz als haßlos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt“; — Gotamo, sage ich, hätte nicht jener unvergleichliche Herzenskündiger sein müssen, begabt mit dem ‚χάρισμα διακρίσεως πνευμάτων‘, wenn er an diesem Leiden von höchster persönlicher Bedeutsamkeit gleichmütig vorbeigegangen wäre. Möchte Gotamo der Erlebende immerhin an sich selber das Leiden als ein kosmisches Vorkommnis, als ein kosmisches Gesetz kosmisch erlebt und als eben solches kosmisch überwunden haben: unmöglich, ganz unmöglich konnte er sich gegen jenes anders geartete Leiden abstumpfen und verblenden, welches jeder Einzelne in einem wahrhaft abgründlichen Sinn und Hintersinn über sich selber verhängt. Über sich selber verhängt in seiner unumgänglichen Eigenschaft, in jeder zeitlichen Verkörperlichung als Täter seiner Taten, als Erbe seiner Werke das erleiden zu müssen, was er in früherer Verkörperlichung getätigt hatte. Um es mit Einem Wort auszusprechen, so hat ja auch dieser Gotamo die Lehre vom Karman angetreten, und das will heißen, die Lehre vom Leiden in seiner persönlichsten, verantwortlichsten, einmaligsten Form, dessen Maß, Beschaffenheit und Art bei jedem Einzelnen aufs genaueste vorherbestimmt erscheint durch Maß, Beschaffenheit und Art seiner vormaligen Taten. Hier hatte seinen härtesten Sieg zu erstreiten, wer des Leidens Sieger zu sein trachtete. Dieses Leiden hieß Schuld und Buße, Vergeltung und Sühne, Gericht und Strafe; dieses Leiden hieß Werk und Tat, Wirkung und Verursachung, Selbsturheberschaft und Selbstbestimmung. Wie nun ist dieses Leiden, welches aufs innigste mit dem Grundgesetz des Lebens, und diesmal zwar mit dem sittlichen Grundgesetz des Lebens zusammenhängt, wie ist es abzustellen oder zu verwinden, ohne dabei das sittliche Grundgesetz des Lebens zu gefährden? Die kosmische Ordnung der Welt konnte gewissermaßen außer Kraft gesetzt werden durch die Umgestaltung vergänglicher Leiblichkeiten in die Dauer: gut! Wie aber kann die ethische Ordnung der Welt durchbrochen werden, ohne daß das Ethos selber aufgehoben erscheint?
Vergegenwärtigen wir uns inzwischen, ihr Christen, diese so seltsam fremde und dennoch seltsam anheimelnde Lehre vom Karman, das ist die Lehre vom ‚Werk‘, etwas mehr von der Nähe, und suchen wir völlig zu begreifen, in welchem Grade eben die Absicht Gotamos auf Leidensabstellung, Leidensauflösung, Leidensverwindung notgedrungen durch diese Lehre aufs äußerste verschwierigt werden mußte. Gemäß dem kosmischen Grundgesetz des Leidens von vorhin ist jedes Einzelwesen ohne Dauer und somit dem Leiden an der Dauerlosigkeit verfallen. Besteht jedoch ein Verfahren, welches Dauer irgendwie zu ermöglichen, ja zu verwirklichen verspricht, dann ist dieses Leiden an der Dauerlosigkeit getilgt und in kosmischem Betracht ein Zustand der Leidlosigkeit erreicht und errungen. Gemäß dem ethischen Grundgesetz des Leidens ist aber daneben und außerdem jedes Einzelwesen in jedem einzelnen Fall durchgängig das, was zu sein es sich in früherer Verlebendigung höchsteigentätig und höchsteigenwillig selbst erschuf. Ein gewisses Etwas nämlich reicht von der früheren Verlebendigung und ihren Werken, ihren Taten bis zur jetzigen Verlebendigung herüber: und dieses Etwas bestimmt das Sein der jetzigen Verlebendigung in jedem Zug, in jeder Falte. Was diesen sogenannten Leib betrifft, so steht ja unumstößlich fest, daß er nicht dauert und seine Lebenszeit nicht übersteigt. Und was die sogenannte Seele betrifft, so steht es zwar nicht unumstößlich fest, ob sie dauert oder ob sie nicht dauert, weil der Streit der Schulen ja darüber noch nicht entschieden ist und auf irdische Sicht hin schwerlich so bald entschieden werden wird; — immerhin dauert aber wenigstens nach altindischer Auffassung auch diese Seele eigentlich nicht oder fast nicht. Denn wo die Seele der alljährlich darzubringenden Totenopfer, Totenspenden der Söhne und Sohnessöhne entbehren muß, da entartet sie, da verelendet sie, da schrumpft sie gleichsam ein zu einem bloßen Wander- und Irrgespenst (piçâca), dessen wunderlicher Zwischenstand zwischen Sein und Nichtsein jede Wiederverleiblichung ausschließt, die sozusagen an der Reihe wäre, und derart die Seele um die ihr eigentümliche Auswirkungmöglichkeit, Auswirkungnotwendigkeit verhängnisvoll bringt. Was hingegen der dauerlose Leib und die grundsätzlich kaum dauernde Seele in der Zeit ihrer irdischen Gemeinschaft in gemeinsamer Urheberschaft wollen und vollbringen: das dauert, das beharrt, das stirbt nicht, das überlebt und übersteht. In der Brihadâranyaka-Upanischad, die allerdings nach der Annahme ihres deutschen Übersetzers schon den buddhistischen Einfluß widerspiegelt, legt der Frager Ârtabhâga dem alleswissenden Brâhmanen Yâjñavalkya die Frage vor: „‚Wenn nach dem Tode dieses Menschen seine Rede in das Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Ohr in die Pole, sein Leib in die Erde, sein Âtman in den Akâra (Weltraum), seine Leibhaare in die Kräuter, seine Haupthaare in die Bäume, sein Blut und Samen in das Wasser, — wo bleibt dann der Mensch?‘ Da sprach Yâjñavalkya: ‚Faß mich, Ârtabhâga, mein Teurer, an der Hand; darüber müssen wir beide uns allein verständigen, nicht hier in der Versammlung.‘ — Da gingen die beiden hinaus und beredeten sich; und was sie sprachen, das war Werk, und was sie priesen, das war Werk. Fürwahr! Gut wird einer durch gutes Werk, böse durch böses...“ Das Werk des Menschen also, sein Werk, will heißen seine Tat und seine Handlung, sie reicht über das Dasein der einzelnen Verkörperlichungstufe unendlich hinaus, nicht anders ungefähr, wie nach der Ansicht der dynamischen Naturphilosophie des Westens die Wirkung einer Krafteinheit unendlich hinausreicht über den raumlosen Punkt, in welchem sie ihren Sitz und damit ihr eigentliches Dasein hat. Mit dem nicht unerheblichen Unterschied freilich, daß diese Wirkung in die Unendlichkeit bei der natürlichen Krafteinheit nach allen Lagen und Richtungen des Raumes sich zerstreut und in der Zerstreuung sich verliert, indes die unendliche Wirkung beim Karman auf geheimnisvolle und nicht zu enträtselnde Weise gesammelt und aufgestaut wird, bis sie sich in einer neuen Persönlichkeit gleichsam wiederverstofflicht und wiederverlebendigt hat. Diese neue Persönlichkeit ist dann, wie sich von selbst versteht, mit Leib und Seele die Erschaffenheit der Wirkungweisen, die von der vorigen Persönlichkeit als Taten oder Werke ins All hinausgestrahlt, hinausgestreut, hinausgeschleudert wurden. Wie die auseinanderlaufenden Strahlen einer Linse wohl vom Brennpunkt einer zweiten Linse wieder aufgefangen und vereinigt werden können, so werden die Werk-Ausgießungen eines beliebigen Wesens von einem zweiten Wesen wiederum aufgefangen und vereinigt, — abermals mit dem Unterschied freilich, daß es nach der Lehre vom Karman die Werk-Ausgießungen selber sind, die sich zu der neuen Verstofflichung zusammenfinden und verfestigen. Das Werk wirkt also in seiner Eigenschaft, Sämling oder Keimling oder Schwängerling zu sein, in alle Zukunft fort und fort im All: es pflanzt sich selbst als Schößling des Wirkenden in irgend eine unbekannte Äther-Erde ein. Urzeugend bildet hier das Werk das ihm im innersten entsprechende Wesen hervor; ungeschlechtlich, übergeschlechtlich setzt sich das Wesen fort im Werk. Werk aber und Wesen, Wesen und Werk schließen sich als die Glieder der ewigen Kette ‚Zeit‘ in stätigem Wechsel stätig zusammen...
Dem sei im übrigen, wie ihm sei. Auf jeden Fall macht Indien durch diese Lehre, die ihren Grundzügen nach vielleicht doch schon vorgotamidisch gewesen ist, bitteren Ernst mit dem Gedanken des ‚esse sequitur operari, Sein erfolgt aus Wirken‘, — mit einem Gedanken folglich, der zwar auch unserem alten Europa nicht fremd geblieben ist, aber mit welchem dieses nur hin und wieder etwas zu liebäugeln gewagt hat: im ganzen und großen immer wieder von dem thomistischen ‚operari sequitur esse, Wirken erfolgt aus Sein‘ in den Bann gezogen. Gerade weil der Aquinat mit diesem Grundsatz ohne weiteres recht hat und den Nagel auf den Kopf trifft, gerade darum muß auch die Umkehrung im Recht sein und den Nagel auf den Kopf treffen. Wirken erfolgt aus Sein, das lehrt die platteste Erfahrung stündlich. Aber nicht minder, wenn auch sicherlich mit minderer Sinnfälligkeit, erfolgt Sein aus Wirken: aus dieser meiner Tat wächst das ihr gemäße Sein wie umgekehrt die Tat aus ihr gemäßem Sein erwachsen ist. Die heutige Tat von mir erschafft mich selber als morgige Person; meine Tat von heute, mir heute noch selber fremd, unheimlich, unzugehörig und gleichsam in einem dunkeln Ungefähr von einem namenlosen Es getätigt, — sie schafft sich zuverlässig morgen ihren Täter, in mir selber zu mir selber sprechend: das bist du... Das Werk der Tat, noch heute von mir selbst als meines Selbstes blindes Jenseit geleugnet und nur wie ein Erdblitz aus irgendeiner Falte, irgendeinem Spalt meiner Selbstheit tödlich zuckend, — dies Werk meiner Tat wirbt bald um seinen Täter unablässig, bis sich mein Selbst als Täter morgen ihm vermählt. Wenn aber ein tragischer Dichter Europas sich zu dem immerhin bemerkenswerten Ausspruch hat bestimmen lassen, daß böse Tat fortzeugend stets Böses müsse gebären, so würde ein indischer Denker dies vielleicht sinngemäß dahin abzuändern wünschen: daß böse Tat fortzeugend stets Böse müsse gebären, wie gute Tat eben so fortzeugend Gute. Denn die Tat tätigt nicht allein die Tat, sondern tätigt je und je den Täter, wie dies der nicht ganz echte, aber doch um Echtheit eifrig bemühte Gotamide Schopenhauer wenigstens dem Willen an und für sich (ob auch leider nicht der Tat an und für sich) buchstäblich zuerkannte: du bist, wer du willst, esse sequitur velle, aber du tust, wer du bist, operari sequitur esse. Für den Inder jedoch ist es nicht der Wille, nicht eine geistig-seelische Wesenheit, nicht ein geistig-sinnlicher Eigenschaftträger, der das Dasein und Sosein der Person bestimmt, sondern die Tathandlung als solche, wie sie sich schlechterdings überhalb und außerhalb jeder physisch-metaphysischen Trägerschaft oder Täterschaft auswirkt. Es ist das Werk, das sich das Wesen baut, und zwar jegliches Werk das ihm gemäße Wesen. Es ist das Werk, das gleichsam erst in seinem ihm gemäßen Wesen ausruht, ungefähr wie eines jener emsig quabbelnden Einzellentierchen des Männersamens erst im Kern des weiblichen Eies ausruht. Das Werk rastet nicht und beharrt in dauernder Bewegung, bis es das Wesen, so ihm zugehört, mit aller Sorgfalt ausgeformt und ausgebosselt hat. Das Werk währt ewig und ewig wirkt es sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert; und ewig wirkt es sich Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert. Und fast schon könnte ein weiterdenkender Abendländer sagen: der Wert währt ewig und ewig erwirkt er sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, ewig Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen... Hier aber, wie sonstwo nirgends, sage ich, tötet der Buchstabe und macht der Geist lebendig. Der Buchstabe der Lehre vom Karman tötet vielleicht wie kein zweiter Buchstabe den Geist selber, — den Geist selber aber hat Gotamo ein für allemal selber ehern in das Wort gehämmert: „Eigner der Werke sind die Wesen, Erben der Werke, Kinder der Werke, Geschöpfe der Werke, Knechte der Werke“. Das ist gotamidisch gefaßt das ethische, nicht mehr kosmische Grundgesetz und Urgesetz der Welt, das ist das Ethos selber als Grundgesetz und Urgesetz der Welt. Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter: das ist in drei Worten aufgefangen, aufgegangen die Lehre vom Karman, wie sie Gotamo vielleicht angetreten und anerkannt, sicherlich aber vertieft und gegründet, abgerundet und zum Glaubenssatz erhoben hat...
Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter, also lautet die erste und unverlierbare Überzeugung. Aber schon schließt diese eine zweite ein, die hier nur mehr besonders erwähnt, nicht mehr besonders abgeleitet und entwickelt zu werden braucht: Werk nämlich wirkt Leiden, und Tat tätigt Leiden! Denn Wesen und Täter als Erschaffenheit von Werk und Tat, das sind eben Leidende und Erleidende von Werk und Tat; — Zug um Zug, Falte um Falte ihres Daseins, wie ich schon sagte, bedingt und bestimmt durch Karman, verhalten Täter und Wesen in bezug auf Tat und Werk sich leidend. Sie verhalten sich leidend, ihr Christen, in der allgemeineren Sprachbedeutung dieses Wortes, ohne Beziehung zunächst auf die Unlust des Gefühls, die wir in engerer Wortbedeutung Leiden nennen. Leidende sind vielmehr Wesen und Täter, wofern ihr Sein der Tat verdankt wird, durch Tat ihnen angetan wird, ohne daß sie selbst an dieser Tat beteiligt sind, — Leidende mithin im Wortsinn des Getätigt-Seins und Angetan-Werdens, des Bedingt-Seins und Bestimmt-Werdens von einem Etwas, welches sie nicht selber sind. Als Eigner der Werke, ja Knechte der Werke, sind die Wesen recht eigentlich die Leidner und Erleidner der Werke. Ihre innerste Kernschaffenheit, Kernrüstigkeit ward ihnen vom Karman angetan, wie etwa nach der Auffassung Kants die Eindrücke der Sinnlichkeit uns angetan werden vom Ding an sich. In manchem Betracht selber Eindrücke, Fährten, Spuren, die das Karman in dem bildsamen Grundstoff das All hinterläßt, bleibt den Wesen und Tätern keine Wahl, als nach dem Gesetz sich auszuleben, das sie von Karmans Gnaden angetreten, und auf solche Weise unerbittlich streng die Wirkung der Werke in sich zu verkörpern. Werk und Wesen, Tat und Täter aber verhält sich darnach nicht allein wie sich ein Tun zu seinem genau entsprechenden Leiden verhält, sondern mehr noch wie sich eine Ursache zu ihrer genau abgestimmten Wirkung verhält. Das Werk ist geradezu Ursache, Bedingung, Bestimmunggrund des Wesens, wie umgekehrt das Wesen geradezu Folge, Wirkung, Erscheinung des Werkes ist. Die Welt als Ganzheit aber stellt sich dem indischen Genius nicht anders dar als die Summe aller dieser Werk-und-Wesen-, aller dieser Tun-und-Leiden-Knüpfungen, deren fest umschriebenes Wechselverhältnis dem All seine Ordnung und sein Gesetz, sein Maß und sein Sinn verbürgt. Wenn wir Europäer und Christen, ihr Christen, dem Geschehen dieser Welt die unzerreißliche Schürzung Ursache-Wirkung als weltsetzende und weltverfassende Unveränderliche aus- und eindeutend unterstellen, so unterstellt der Inder und Buddhist dem nämlichen Geschehen, — schon ist es aber nicht mehr das nämliche Geschehen! — die Schürzung Werk-Wesen, die Schürzung Tun-Leiden. Derart stellt das Karman durchaus dar, was der europäische Biologe bei dem Vergleich tierischer Organe miteinander eine ‚Analogie‘ zu nennen pflegt: das Karman ist die Analogie der Kausalität, deren erkenntnismäßige Leistung es haarscharf vertritt (und wie wir gewahren werden: übertrifft!), obschon es von ihrer erkenntnismäßigen Gestalt und Art unverkennbar abweicht. Das Karman, sag’ ich, sei die indische Analogie der europäischen Kausalität, wenn anders dieser naturwissenschaftliche Begriff auf geistige Verhältnisse übertragen und angewendet werden darf. Gleichsam in ihrer Anatomie verschiedenartig, sind Karman und Kausalität sozusagen in ihrer Physiologie gleichwertig, und wie dem Fisch die Kieme Lunge ist, so ist dem Inder das Karman Ursächlichkeit und ursächliche Schürzung. Das Karman ist die Kausalität, wie sie der Inder auffaßt: das Karman ist die erste und letzte sinnspendende, ordnungstiftende Eindeutung, welche aus wüsten Urmassenwirbeln eine Welt herausklärt. Die Knüpfung des Karman leistet dem indischen Geist das, was dem europäischen die Knüpfung der Kausalität leistet oder vielleicht auch nicht leistet, aber leisten soll und will. Die Knüpfung des Karman vertritt dem Inder die Knüpfung der Kausalität, nicht anders wie dereinst die Schürzung des Tun-Leidens, ποεῖν-πάσχειν dem Griechen die Schürzung der Kausalität vertreten hat und insonderheit auf der Tafel der zehn Kategorien des Aristoteles auch vertritt, — was denen zur Beruhigung gesagt sei, die sich immer noch den Kopf zerbrechen, wieso ein streng wissenschaftliches Weltbild wie das der Griechen ohne den Urgedanken der Ursächlichkeit habe überhaupt bestehen können. In Wahrheit hat es eben gar nicht ohne diesen Urgedanken bestanden, auch wenn das Wort Ursächlichkeit wirklich zu fehlen scheint. Die Ursächlichkeit der Griechen heißt ποεῖν-πάσχειν, heißt Tun-Leiden, heißt Antun-Angetanwerden: und wenn je in ihrer vielschichtigen geistigen Geschichte schlagen sie hier die Brücke zum großen Osten, wo der unverbrüchliche Knoten ποεῖν-πάσχειν eben — Karman heißt. Noch haftet ja dieser Ursprung sogar unserem heutigen Gedanken der Ursächlichkeit und Verursachung unabstreiflich an. Noch immer ist ja die Ur-Sache zuguterletzt Ur-Tat und Ur-Tun, noch immer ist die Wirkung ein Angetan-Werden und Erleiden-Müssen. Noch hat sich jede europäische Erkenntnislehre auseinanderzusetzen, wenn nicht abzufinden mit der seltsamen Auffassung, daß die sogenannte Empfindung, will heißen der Stoff und Inhalt des Erlebens, auf irgendeine unerforschliche Weise die Angetanheit, die Erlittenheit sei, die der bewußten Persönlichkeit aus unbekannten und unnennbaren Fernen aufgedrungen wird. Noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Überzeugung, daß der persönliche Träger und Inhaber des Bewußtseins die Welt von außen her erleide und erdulde; noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Auffassung, daß die ‚Sinnlichkeit‘ ein Vermögen des Aufnehmens, Empfangens, Über-sich-ergehen-Lassens sei. Auch jetzt noch ‚erleidet‘ der einzelne Mensch die Wirklichkeit, auch jetzt noch erliegt er der Wirklichkeit. Weltduldend, weltleidend wird selbst dieser europäisch starke und eigenwillige Mensch von der Wirklichkeit und ihrer Zeichenflut überschwemmt und überwallt, also daß sogar uns verhärteten Christenseelen, ihr Christen, der Tat-Bestand Leiden und der Tat-Bestand Leben in der Wurzel fest zusammenwachsen...
Aus unbekannten, unnennbaren Fernen, sagte ich vorhin, strömten dem einzelnen Bewußtsein die Eindrücke zu, die es als sein Erlebnisstoff, Erlebnisinhalt zu erleiden hat. Gilt dies für abendländisches Auffassen ohne Einschränkung, so hebt sich dieses Auffassen freilich just hier am schärfsten vom indischen Auffassen ab, wo es diesem sich am engsten angenähert zu haben scheint. Denn diese namenlosen Fernen, dieses ‚Außerhalb‘ des Bewußtseins, dieses kaum mehr zu verdeutlichende Bereich von Dingen an sich oder von dem Ding an sich, welches auf geheimnisvolle Art das Bewußtsein mit Zeichen, Reizen, Eindrücken, Empfindungen versieht, — dieses Bereich des unergründlichsten Ungefähr verlegt die indische Lehre eben wieder in den Tat-Ort als solchen: in das Karman. Auch der Abendländer, wir sahen es, fühlt sich in seinem Erlebnisumkreis bedingt und bestimmt, beeindruckt und erleidend. Auch ihm werden Empfindungen, Erlebnisstoffe, Bewußtseinsinhalte von verborgenen Herkunftstätten zugeteilt, für welche die wissenschaftliche Topologie keine Ansatzpunkte mit irgendwelcher Zuverlässigkeit auszukunden vermag. Ist dieses bisher durchaus auch indisch, so gestattet sich indes gerade der Inder hier die entscheidende Abweichung von der europäischen Überzeugung, indem er nämlich seinerseit den dort vermißten Ansatzpunkt für die Auswirkungen der Dinge an sich im Karman gefunden zu haben glaubt. Die Kraftquellen der Welt, welche dem Einzelwesen seine Lebensreize spenden, versickern nicht auf dem durchlässigen Grund einer ewig fragwürdigen Dingansichheit, sondern werden ins Karman wie in ihr Sammelbecken unversieglich geleitet. Die Welt, die jedem angetan wird auf seine Weise, sie wird ihm von ihm selber angetan, sie wird ihm von seinem Werk, von seiner Tat, von seinem Willen angetan. Die Welt, die einer in der Jetztzeit seines Daseins erleidet, die hat er sich selber in Gestalt seines Karman in der Zeit erwirkt. Die Zeichen, die einem jeden als Lebensreize zustoßen, die hat sich ein jeder selber zugesendet, auf diese hat sich ein jeder selber abgestimmt. Die Welt erleidend, erleidet jeder zuletzt sich, als Empfänger gleichsam mit magnetischen Kräften an sich ziehend, was er als Sender magisch ins All hinausgestrahlt und gefunkt hat. Die Reiz- und Erlebnisumwelt, anscheinend jedem zufallend auf gut oder schlechtes Glück, ist in einem gedanklich nie zu erschöpfenden Sinn die Wahl-Welt, Werk-Welt, Tat-Welt eines jeden; und zwar dort am meisten, wo sie am unwiderstehlichsten beeindruckt und beeinflußt. Solchermaßen nimmt aber bereits die altindische Lehre unsere späte und kaum schon viel verbreitete Errungenschaft biologischer Einsichten geistreich genug vorweg, — ich meine die höchst fruchtbare Erkenntnis, wonach jedes Lebewesen mindestens seiner morphologischen Typik nach der Urheber und Urtäter seiner eigenen und nur ihm zugemessenen, nur ihm angemessenen Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ist und folglich wenigstens im biologischen Betracht nur das erleben kann, was es kraft schöpferischer Selbstgestaltung und Selbstentfaltung zuguterletzt erleben will. Der morphologische Typus einer jeglichen Spezies erschafft sich darnach physiologisch und psychologisch seine spezifische Erlebniswirklichkeit, die genau genommen nur für ihn besteht und nur ihm entspricht: die Schnecke die Schneckenwirklichkeit, die Möve die Mövenwirklichkeit, die Ameise die Ameisenwirklichkeit, der Affe die Affenwirklichkeit. Wie sich die Erde eine Lufthülle umlegt, in welcher sie atmen kann, und nun die Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ‚Luft‘ erlebt, so umgibt sich selbstschöpferisch jedes Geschöpf mit einer Wirklichkeit, in der es wirken kann und die auf seine Wirksamkeit wiederum aufs wunderbarste zugeschnitten ist... Ein Schritt weiter vom Leben der Art und Gattung zum Leben des Einzelwesens hin, ein Schritt weiter vom Bios und allem, was mit ihm zusammenhängt, zum Ethos hin und allem, was mit ihm zusammenhängt: und Europa ist reif für die gotamidische Lehre, daß auch hinsichtlich des Ethos, und keineswegs allein des Bios, ein jedes Lebendige nur das, was es zu innerst will, erleben und empfangen, empfinden und erleiden, erreizen und ergeizen kann. Was da in dieser Welt Wasser zu erleiden hat, das hat eben als Karman Wasser getan; was da Erde zu erleiden hat, das hat Erde getan; was da Feuer zu erleiden hat, das hat Feuer getan; was da Luft zu erleiden hat, das hat Luft getan; was da Tod zu erleiden hat, das hat Tod getan; was da Hölle zu erleiden hat, das hat Hölle getan; was da Geist zu erleiden hat, das hat Geist getan; was da Säligkeit zu erleiden hat, das hat Säligkeit getan. Wer dieses über den Bios hinaus aus dem Ethos zu verstehen vermag, der hat die Lehre vom Karman endgültig verstanden, soweit das Verstand-Übersteigende verstanden werden kann. Ihm ist in Übereinstimmung mit dem Herrn Gotamo das Leben wohl in seiner Wurzel Leiden: aber das Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat! Aber das Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat!...
Wie etwa an einem Herbstnachmittag aus falb leuchtenden Silbernebelmassen ganz plötzlich eine dunklere Linie sichtbar wird hoch in der Gegend des Raumes, wo wir den Himmel vermuten dürfen; wie sich dieser ungewisse Streifen alsbald zu erkennen gibt als die Rist- und Gipfelrandung ungeheuerer Gebirge; wie schließlich sich die Gletscherbänke und Firnfelder hintereinander gereihter Alpenketten bei zunehmender Klärung vom Himmel her bald leuchtend und bald schattend abwärts tasten und abwärts schieben, um zuletzt auf der Erde selbst gewaltig wuchtend Fuß zu fassen: also zeichnet sich hier erst in wenigen Zacken und Zinken, Schroffen und Stürzen, dann aber immer körperhafter, immer ausgerundeter, immer raumbeherrschender ein ganzes Welt-All ab, zuletzt vom vollen und goldenen Nimbus einer übermenschlichen, übergöttlichen Gerechtigkeit wundersam besonnt. Ein Welt-All zeichnet sich ab, wo alles bereinigt, alles beglichen, alles geschlichtet, alles gewogen, alles gerichtet scheint, — ein Welt-All, untadelig und vollkommen in sich selber und darum keines Gotts bedürftig, der daran bessern oder schlimmern könnte, keines Gotts, der es ergänzen oder vervollständigen müßte in dem, was ihm von Haus aus gebricht. Ein Welt-All ohne schmierigen Geschäfte und Geschäftchen, wo niemand um das Heil seiner Seele feilscht und marktet, handelt und händelt, schwindelt und betrügt. Ein Welt-All, wo kein Mensch seine Götter prellt und noch weniger ein Gott seine Menschen. Ein Welt-All, wo keiner zu seinem Gott betet und bettelt, daß er die Welt-Ordnung doch für einen Augenblick zugunsten des Herrn Müller, Schultze, Schmidt ein wenig außer Kraft setzen möchte und die Welt-Fügung außer Fug. Ein Welt-All, wo keine Götter blinzeln oder zwinkern oder ein Auge zudrücken, wenn der Herr Müller, Schultze, Schmidt vom Pfad der Tugend abweicht und sich im Dickicht nebenan zu schaffen macht. Ein Welt-All, wo kein Priester über zulässige und unzulässige Ausnahmen von der Regel zu befinden sich gedreistet: ein Welt-All, so unverbrüchlich, unverwüstlich, daß nicht einmal der Wüsten-Gott Jahve drein zu sprechen sich getrauen dürfte. Ein Welt-All, wo kein Platz ist für Zufall und Zufälligkeiten, aber kein Platz auch für Zwecke und Zweckmäßigkeiten in der landläufigen Bedeutung. Ein Welt-All, wo sich alles abspielt in durchgängiger Wechsel-Abhängigkeit, Wechsel-Bezogenheit, Wechsel-Folgerichtigkeit, wo aber andererseit auch die Ursächlichkeit noch nicht entartet ist zu jener tief gleichgültigen Sächlichkeit und Sachlichkeit, welche sie zur alleinigen Angelegenheit der Wissenschaften, nicht aber mehr zum Sinn der Religionen stempelt. Ein Welt-All, das sich den Luxus der Gottlosigkeit wirklich leisten kann, weil es nicht wie das unsrige bloße Physis oder bloßer Bios, sondern unter allen Umständen ein Ethos ist: Physis und Bios und Ethos zumal verankert in dem einen und nämlichen Urgesetz des Kosmos... Von diesem Gesetz in jedem Teil und jedem Glied ewig und ehern durchwaltet, schenkt dieses Welt-All der Seele des Menschen, was des Menschen Seele bedürftig ist, bedürftig war und bedürftig sein wird: weshalb die von der Welt getränkte und gespeiste Menschenseele Gottes und der Götter nicht bedarf. So ist der Kosmos des Buddho, das sei uns Christen, ihr Christen, immer wieder eingehämmert, zwar durchaus ein Kosmos Atheos, aber dafür in jedem Zug vollkommenes Ethos, — und das ist vielleicht nicht unbeträchtlich mehr, als man von unserm westlichen Welt-Bild und Welt-Gefüge seit dem griechischen Altertum und seit dem christlichen Mittelalter mit etlichem Recht nachrühmen darf. Aus dem Ethos herauf entstieg jenen Indern, welche die Anschauung vom Karman in sich empfangen hatten, die Anschauung ihres Kosmos: aus dem Tatbestand des Pathos aber, beeile ich mich hinzuzufügen, erwuchs ihnen das Ethos. Derart brauchte sich das Ethos nicht wie jeweils bei uns nach kurzem Antrieb leer zu laufen, sondern griff mächtig in den Kosmos ein. Wenn aber ein Grieche die beinah’ unsägliche Bedeutung dessen, was einem Griechen Ethos hieß, in drei Worte zusammenballte wie in eine geschlossene Faust, indes freilich auch noch die geballte Faust zu schwach war für die Stärke dieser Worte; wenn ein Grieche also vormals sagte: ἦθος ἀνθρώπῳ δαίμων, Sinnesartung ist dem Menschen Schicksal! — nun wohl, dann hat der Buddho auch dieses geflügelte Wort noch überflügelt durch sein gotamidisches: πάθος ἀνθρώπῳ ἦθος, πάθος κόσμῳ ἦθος! Leiden ist dem Menschen Seins- und Sinnesartung, Leiden dem Welt-All Seins- und Sinnesartung! Oder um den entscheidenden Gedanken mit noch größerer Schärfe auszuprägen: das Leiden ist dem Welt-All Sein und Sinn schlechthin! Aus des Leidens Urerleben, das gilt es jetzt mit einem Staunen ohne Ende zu begreifen, aus ihm läutert und keltert sich der Buddho den eigentlichen Sinn des Seins, den eigentlichen Sinn der Wirklichkeit. Der Tatbestand des Leidens als solcher vermittelt dem Buddho die Anschauung einer übermenschlich-übergöttlichen Welt-Gerechtigkeit, Welt-Vernünftigkeit, Welt-Vollkommenheit, Welt-Folgerichtigkeit. Wofern hier jedes Wesen leidet, was jedes Wesen tat, wofern hier jedes Wesen ist, was jedes Wesen tat, erblickt das Auge Gotamos, das ‚himmlische und geklärte‘, diese Welt in makelloser, untadeliger Sinngetreuheit und Sinndurchwirktheit, — erblickt es sie mit jener zärtlichen Ergriffenheit vor allem Lebendigen, die dem Buddho allein in dieser Reinheit und Kraft eigen gewesen ist. „Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da zwei Häuser wären, mit Türen, und es betrachtete ein scharfsehender Mann, in der Mitte stehend, die Menschen, wie sie das Haus betreten und verlassen, kommen und gehen: ebenso nun auch, ihr Mönche, seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkenne wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren. Diese lieben Wesen sind freilich in Taten dem Guten zugetan, in Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie auf gute Fährte, in himmlische Welt wieder. Und auch diese lieben Wesen sind in Taten dem Guten zugetan, in Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie unter die Menschen wieder. Jene lieben Wesen sind aber in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie in das Gespensterreich wieder. Und auch jene lieben Wesen sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie in die Tierheit wieder. Und auch jene lieben Wesen sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt wieder“...
Haben wir dieses, ihr Christen, einmal erschöpfend gewürdigt, wie für den Buddho die ganze Sinnerfülltheit und Sinnbedingtheit der Welt ausschließlich an der Lehre vom Karman hängt, will heißen an der Vorstellung von einem ewigen Wechsel- und Abhängigkeitverhältnis zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden, — dann vermögen wir endlich etwa auch zu würdigen, warum der Buddho gegen jede Anzweiflung dieses weltordnenden, ja weltstiftenden Zusammenhanges so ungewohnt scharf ausfallen mußte, wie dies zum Beispiel, ich erwähnte es schon, in der Hundertundneunten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo jenem vorwitzigen Mönchlein geschah, das aus der dort entwickelten Formel des ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht‘ die Unzugehörigkeit von Tat und Täter folgern wollte. Diese Verknotung von Pathos und Ethos, übrigens in ungefähr gotamidischer Zeit doch auch in unserem Westen von den Griechen auf ihre eigene Weise erahnt, sei es orphisch, sei es tragisch, ja sogar sei es philosophisch geschehen (wie die aristotelische Tafel von den Kategorien erweist und beweist: und eben durch die aristotelische Philosophie in das wissenschaftliche Weltbild Europas eingeschmolzen), — diese Verknotung knotet und schürzt überhaupt erst die Wirklichkeit zur Welt, welche ohne sie zu einem unentwirrbaren Knäuel abgerissener Fäden aller Art wie ausgekämmtes Frauenhaar verfilzen würde. Wer das Karman anficht, ficht die Verfassung des All, das Grundgesetz des All, den Ursinn des All an, „ein eitler Mensch, aus Unwissen in Unwissenheit geraten, vom Durst im Geiste überwältigt“... Das Karman heftet die Mannigfaltigkeit der Dinge und Begebenheiten zusammen, wie der Einband die losen Blätter eines Buchs zum Buch zusammenheftet. Das Karman einigt die Unterschiedlichkeiten der Dinge und Begebnisse, wie der Sinn die verschiedenen Buchstaben eines Wortes, die verschiedenen Worte eines Satzes, die verschiedenen Sätze einer Rede einigt. Das Karman durchtönt und durchdringt die Wirklichkeit mit seiner Farbe, wie eine Kugel Waschblau das Wasser des Zubers bläut und mit ihm alle Wäschestücke, die im Zuber abgespült und ausgerungen werden. Das Karman fügt Tun und Leiden, Tat und Dasein vollkommen passend aneinander, wie ein geschickter Zimmermann Nud und Feder vollkommen passend aneinanderfügt. Das Karman verstätigt die bloße Aufeinanderfolge von Werk und Wesen, Tat und Täter in der Zeit zu einer bedingend-bedingten Auseinanderfolge in der Zeit und schweißt alle Auseinanderfolgen in einen unverbrüchlich lückenlosen Ring. Für immer erzeugt gemäß dem Karman das gleiche Werk das gleiche Wesen, für immer gebiert gemäß ihm die gleiche Tat den gleichen Täter: dauernd dreht sich dieser Ring der Werke-Wesen um des Karmans Achse wie ein wohlgeschmiertes Rad. Weil aber hier stets die gleiche Ursache gleiche Wirkung, die gleiche Urtat gleiche Wirkung, das gleiche Werk das gleiche Wesen, das gleiche Tun das gleiche Leiden nach unabänderlicher Satzung setzen werden, geschieht es ganz von selbst, daß der Künder des Karman in einer gewissen Weise der Künder der Ewigen Wiederkehr zu sein gar nicht umhin kann: als welchen ihn denn auch das Buch vom Gestaltwandel der Götter dem europäischen Leser schon vorgestellt hat. Der Buddho, der zwischen den zwei Häusern Platz genommen hat, aus welchen diese Wesen ausgehn und wohin sie eingehn: jedesmal in neuer Maske, neuer Verpuppung und neuer Gestalt, — er wird doch immer derselben Schürzung gewahr zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden: wird derselben Schürzung nicht ohne Überdruß gewahr! Denn das ewige Gesetz durchwaltet zwar diese Welt wohltätig mit Sinn, durchwärmt diese Welt wohltätig mit Sinn. Aber das ewige Gesetz verzerrt auch den Sinn dieser Welt zum Un-Sinn, Wider-Sinn und läßt den Sinn zum Un-Sinn, Wider-Sinn erkalten. Mit zermalmender Gleichform setzt das Gesetz von sich aus immer nur das Gleiche; gleiches Tun, gleiches Leiden; gleiches Werk, gleiches Wesen; gleiche Handlung, gleiche Erscheinung: das ist der Ring des Gesetzes, das ist das Rad des Gesetzes. Trostspendend, heilwirkend dem, der vor der Willkür und dem Zufall des Geschehens zum Gesetz sich rettet, wird das Gesetz fürchterlich dem, der aus der Regel zur Ausnahme, aus der Abhängigkeit zur Freiheit hinstrebt. Durch des Leidens Urerleben ist Gotamo zum Weltgesetz, zur Weltordnung, zum Weltsinn gekommen. Aber wiederum kommt durch des Gesetzes, durch der Ordnung, durch des Sinnes Urerlebnis Gotamo zurück zum Leiden, von dem er eben ausging. Der Lehrer und Künder des Karman als dem Dharma beginnt am Karman, beginnt am Dharma selbst zu leiden: und diesem Leiden gleichsam am Sinn weiß freilich kein Sinn mehr Abstellung zu erwirken. An der Erfahrung des Leidens ist Gotamo herangereift für ein Welt-All, vollkommen makellos, untadelig und gerecht. Aber zugleich kehrt in diesem All das Gleiche in der Zeit wieder, und derart erweist sich das All seinem tiefsten Deuter als eine Stätte ewiger Wiederbringung, als ein Ring ewiger Wiederkehr, als ein Rad ewiger Wiederkünfte: „Ewig ist Seele und Welt, starr, giebelständig, grundfest gegründet; und diese Wesen wandern um, wandeln um, verschwinden und erscheinen wieder: es ist immer das Selbe“... Gesetzt durch das Gesetz, verletzt also die Welt am unheilbarsten durch das Gesetz den, der die Freiheit im Gesetz und in der Welt sucht. Am Gesetz erlabt sich die Seele, wofern ihr das Ungesetz verhaßter wie die Schande ist: aber wider das Gesetz empört sich dieselbe Seele, wofern sie die Freiheit mehr liebt wie sich selber. „Und es gibt eine Freiheit, höher als diese sinnliche Wahrnehmung“, begütigt sich die Seele selber, die am Gleichschritt des Geschehens tödlich leidet... Es gibt eine Freiheit, da das Gesetz stets nur Notwendigkeiten setzt und dennoch die eigentliche Not nicht wendet: es gibt eine Freiheit, welche die Not des Gesetzes selber wendet...
Als Krischna, der Hirtenknabe — wir entsinnen uns, ihr Christen, dieser liebenswürdigen Legende — als Krischna, der Hirtenknabe, eines Tages sich erging am Ufer der heiligen Yamunâ und sich ergötzte, wie der Strom so flink und schimmernd wallte, da ward er auf der Oberfläche dieses schönen Flimmerspiegels einer Stelle ansichtig, von welcher her Rauch und Gestank schwelte. Er sah das Wasser sieden und mit plötzlich aufsprudelnden Springfluten das Laub der Bäume am Gestade versengen, die Vögel auf den Zweigen verbrühen. Sofort gedachte er, wie dies gewiß Kâliya sei, die Weltenschlange, die hier mit ihrem giftigen Gezücht Wasser, Land und Luft verpeste. Und er gedachte ferner, wie es jetzt an der Zeit sein möchte, mit dieser Weltenschlange auf dem Grund der himmelspiegelnden Yamunâ ein Wort zu reden und sie, koste es was es wolle, zum Abzug aus diesen göttlichen Gefilden zu bewegen. Das alles gedachte der Hirtenknabe Krischna bei sich und schon hatte er sein Kleid geschürzt und sich in den kochenden Strudel hineingeschwungen auf den Grund des Schlangenpfuhls, — schon hatte er die Arme ausgereckt, die kindlichen, um das wütende Ungetüm zu würgen. Aber schon wand auch die hochgesträubte Schlange ihre tausend Leiber um den Knaben, schon schlug sie ihre tausend Zähne in sein golden Fleisch. Bald war nichts mehr von ihm zu erblicken, der von dem Metall der Schuppenarme rings umpanzert war wie von einer Rüstung, welche der Waffenschmied am Körper des Gerüsteten selber glüht und biegt und hämmert. So hatte sich Krischna übermütig in den Schlangenabgrund geschwungen, um von ihm verschlungen zu werden. Bestürzt, ratlos, verzweifelt liefen die Hirten und Hirtinnen der Heimat an den Ufern zusammen und rangen die Hände in Schmerz und Ohnmacht, indes des Knaben Mutter Yasodâ wie leblos auf die Erde fiel. Bis dann zuletzt Krischnas Leibesvater Nanda, unbewegt dem Sohn ins Auge blickend, die Worte in den Pfuhl hinunterwirft: Genug, o Gott der Götter! Du hast lange genug dich menschlich gezeigt; weißt du nicht, daß du göttlich und ewig bist?... Derart angerufen, aufgerufen zum Entschluß, sich endlich auf sich selber zu besinnen, sich endlich zu sich selber zu ergotten, lächelt der Knabe sanft seines zauberischen Lächelns. Und zieht sich leicht und spielend aus der tausendarmigen Umwindung, nicht anders etwa wie eine Dame der Gesellschaft ihre Hand anmutig und leicht aus dem Arm eines Herrn herauszieht, der sie zu Tisch oder zum Tanz geführt hat. Und tritt mit einer kaum merklichen Bewegung der Schlange auf den behaubten Kopf und immer wieder auf den Kopf, bis sie unter die Wippe der göttlichen Ferse immer und immer wieder gewippt, in ihren fruchtlosen Zuckungen und Krämpfen schließlich erlahmt und am Ende steif, speiend, geifernd vor Anstrengung ohnmächtig auf dem Grund des Stromes ausgestreckt liegt und in strengem Schwur den Abzug aus dem heiligen Bezirk verspricht... Die Weltenschlange Kâliya aber der Legende, wer wüßte es nicht, ahnete es nicht, ist das Urgesetz Karman selber, in welches Krischna-Gotamo sich verstrickt findet. Wie Krischna der Hirtenknabe steht der Erhabene da auf dem Grund des Schlangenpfuhls: lebendig eingeschmiedet in den lebendigen Ring des Weltgesetzes, den glühend schwingenden und kreisenden, — lebendig aufgeflochten auf das wälzende Rad des Weltgesetzes und von ihm gerädert. Aber indes ihm das Weltgesetz in tausendgliedriger Verschlingung stätig drehend die Gelenke bricht und ihm tausend Zähne ihr Gift in nimmer heilende Wunden träufen, da vernimmt er zwar nicht die Stimme seines Leibesvaters, aber doch seine innere Melodie: Genug, o Mensch der Menschen! Du hast lange genug dich zeitbedingt, gesetzabhängig, ursachverhaftet gezeigt: weißt du nicht, daß du ewig, daß du ledig, daß du frei bist? Genug, o Geräderter auf dem Rad aller Räder: weißt du nicht, daß diese Seele nimmer gerädert werden kann? Genug, o Geschmiedeter in den Ring aller Ringe: weißt du nicht, daß die Seele selbst des Feuers ist, des schmiedenden, aber weder des Erzes noch des Erd-Schmutz-Stoffes, der da geschmiedet werden kann und darf und muß?...