Hier aber berühren wir, ihr Christen, die heikelste, die empfindlichste Stelle nicht nur des gotamidischen Erlebens, vielmehr alles Erlebens überhaupt von wirklich religiöser Beschaffenheit, religiöser Herkunft, religiöser Weihe. Die Erfahrung des Leidens hatte Gotamo dazu geführt, das All selber gleichsam zu erschaffen als die unverbrüchliche Aufeinanderfolge von Tun-Leiden, wo jedem Wesen kraft seiner Eigenschaft als Erscheinung und Gestalt in Raum-Zeit dasjenige als Reizwelt, Merkwelt, Unwelt ‚angetan‘ wird, was er selber kraft seiner Eigenschaft als Werk an und für sich, Tat an und für sich, Wille an und für sich gewählt und ausgesucht hat. Die Erfahrung des Leidens hatte auf diese Weise Gotamo zur Erfahrung einer Wirklichkeit geführt, in welcher jedes einzelne Wesen die Vergeltung seiner Werke darstellt und in welcher jede einzelne Geburt eine Wiedergeburt nach eigener Bestimmung ist. In dieser Wirklichkeit setzt jedes Lebendige seinen eigenen Rang und wählt jedes Daseiende seinen eigenen Wert als den ihm gegenwärtig allein zusagenden, angemessenen, erwünschten, — in dieser Wirklichkeit lebt jede Erscheinung zuletzt als ihre eigene Wunschverkörperung, Willensversichtbarung, Wertverwirklichung. Wer da nach seinem Ableben in höllische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die höllische Welt, suchte und fand die höllische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die tierische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die tierische Welt, suchte und fand die tierische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die gespenstische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die gespenstische Welt, suchte und fand die gespenstische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die menschliche Welt wiederkehrt, dessen Karman wollte die menschliche Welt, suchte und fand die menschliche Welt. Wer da nach seinem Ableben in die göttliche Welt aufsteigt, dessen Karman wollte die göttliche Welt, suchte und fand die göttliche Welt. Mit einer Notwendigkeit, die ebensosehr eine kosmisch gültige ist wie eine dem Sinn entsprechende und im Sinn gegründete, bewährt sich hier jedes Dasein als die Setzung seiner engsten Tat und Absicht: das ‚Ich‘ setzt sich hier in der Strenge einer Wortbedeutung, die sich wohl selbst jenem deutschen Denker noch nicht voll erschloß, der diese Wahrheit zum Grundsatz seiner Philosophie erhob... Trotzdem hat inmitten dieser eisernen Verkettung von Notwendigkeiten die Freiheit eine Stätte! Daß zwar ein Wesen in Raum und Zeit jemals auf eine andere Weise erscheine, als es durch seine Werke selbst vorherbestimmt habe, oder daß sich ein Ich jemals nicht in Übereinstimmung mit seiner Tathandlung der Selbst-Setzung selber setze, — das freilich ist und bleibt völlig außerhalb jeder erdenklichen Freiheit gelegen; das Wie und das Was jedes einzelnen Daseins ist durchgängig festgelegt vom Wie und Was dieser vorausgehenden Werktätigkeit. Nur das Wie und das Was dieser Werktätigkeit seinerseit untersteht keinem Zwang, keiner Bestimmung, keiner Verursachung, vielmehr entscheidet das Wie und Was der Tat selbstherrlich und frei über das Wie und Was der eigenen Wesenheit: eben der Vorgang der Wahl wird nach der Lehre vom Karman als schlechthin ‚unbedingter‘ Vor-Gang aller Bedingungen und Bedingtheiten herausgeschält. Er spielt sich außerhalb der Reihe der Dinge und Dinglichkeiten ab und ist in dieser Hinsicht un-bedingt; er löst sich aus der Wechsel-Verknüpftheit aller Wirklichkeiten heraus und ist in dieser Hinsicht heraus-gelöst und ab-gelöst, das ist lateinisch: absolut. Inmitten des geschlossenen Kreislaufs des welthaften Tun-Leidens und der welthaften Werke-Wesen bleibt eine einzige Stelle offen, ungefähr wie in einem rings mit glänzender Eiskruste zugefrorenen Binnensee eine einzige Stelle offen (und zugleich dunkel) bleibt: dort nämlich, wo dem Boden der Born des Zuflusses entquillt, der den See speist. Auf ähnliche Weise bleibt im Umkreis der lebendigen Notwendigkeiten die Zufluß-Stelle, Eintritt-Stelle frei, wo die rang- und wertbestimmenden Wahlhandlungen, Tathandlungen in den Umkreis münden. Die Tat, die von neuem ihre Selbstverkörperung als Täter setzt, das Werk, das von neuem seine Selbstverleiblichung als Wesen setzt, ist frei und kann Täter, Wesen dahin, dorthin setzen, in höllische, tierische, gespenstige, menschliche, göttliche Welt, just wie der Wille ist, wie der Wunsch ist, wie die Wahl ist...
So daß sich jetzt wie von selbst die Frage ungerufen stellt und einstellt: ob nicht zuletzt doch eine Tat erdenklich wäre, die nicht mehr verkörpernd diesen oder jenen Täter an seine tatbestimmte Stelle der Werdewelt und Wandelwelt setze, sondern eine Tat, die gleichsam selbsttätig sich selber mitsamt der Person des tatfolgenden Täters aus dem geschlossenen Kreis der irdischen Kräfte und Kräfteträger auszuschalten fähig wäre? Ob es nicht zuletzt ein Werk gäbe, auf welches ein ihm zugehöriges Wesen und Dasein nicht mehr mit ursächlich bedingter Notwendigkeit folgen müsse? Ob nicht zuletzt ein Wille vorhanden sei, der neben seiner Freiheit zum Was und Wie der Wiederverwirklichung eine höhere Freiheit aufwiese, eine Freiheit auch zu dem Daß und Ob dieser Wiederverwirklichung? Ob nicht zuletzt eine Wahl, eine Entscheidung getroffen werden könne, die nicht allein frei zu nennen wäre in Ansehung der künftig einzunehmenden Stelle in diesem All und in Ansehung des darin einzunehmenden Stellen-Wertes, sondern frei überdies in Ansehung der Wiederkunft und Nicht-mehr-Wiederkunft in diese Werde- und Wandelwelt? Ob nicht zuletzt ein Karman zu betätigen sei, welches weder in den Schoß der Hölle eingehe, noch in den Schoß der Tierheit, noch in den Schoß der Gespensterheit, noch in den Schoß der Menschheit, noch in den Schoß der Göttlichkeit, — nein, ein Karman vielmehr, welches ganz einfach in gar keinen Schoß mehr eingehe irgend welcher Geburten und Wiedergeburten, ein Karman, welches in der Sprache der Lehre ‚keine Fährte‘ hinterlasse? Denn setzen wir den Fall, ihr Christen, ein Wesen habe die Stockwerke dieser Welt von unten nach oben in der gehörigen Reihe erstiegen und sei in niemals erlahmender Selbststeigerung, Selbstveredelung, Selbstvollendung von teuflischer Gestalt zu göttlicher Gestalt über Tier, Gespenst, Mensch hinweg nach oben geklommen: schwebt dieses Wesen, wofern es doch auch jetzt noch dem Weltgesetz ewiger Verkettung von Tat-Täter, Werk-Wesen, Tun-Leiden durchaus unterworfen bleibe, — schwebt es nicht in furchtbarer Gefahr, von seiner erklommenen Höhe wieder herabzugleiten, und just jenen ‚Fall‘ zu tun, den jeder Gott tat, wenn er versucht ward, eine Welt zu schaffen und dieser Versuchung alsbald auch erlag? Setzen wir also den Fall, ihr Christen, — und der Buddho hat diesen Fall wahrhaftig schon gesetzt! — auch diese Götter gehörten ohne Vorbehalt und Einschränkung dem Kreislauf der Wiederverkörperungen in der Zeit an und lebten keineswegs ungebunden, unverpflichtet hinter oder außer oder über dieser Welt: gilt dann nicht auch für sie ganz ohne Vorbehalt und Einschränkung das Grundgesetz der Welt von der Wiederverkörperung der Tat im Täter, des Werks im Wesen, des Tuns im Leiden? Wäre ein Wesen mithin sogar als Gott wiedergeboren, es bliebe auch als Gott geknüpft an die stätige Wechselwirkung, die die Lehre vom Karman als die unverbrüchliche Satzung dem Weltbau unterstellt. Auch im Himmel bliebe diesem Wesen das Leiden nicht erspart, und sei es auch nur ein Anflug jenes echten Götter-Leidens, durch Götter-Tat diese leidende Welt dem Heile nicht entgegenführen zu können, weil auch der Gott ja eisern in den Ring der Geburten eingeschmiedet ist und bleibt. Auch ein Gott in Person würde ja die Mitleid-Bitte der Himmelskönigin Aditi um ‚ewige Erlösung‘ anhören müssen, ohne ihr willfahren zu können: denn auch Gott in Person, das hat jener Krischna-Mythos ein für allemal mit hoher Frömmigkeit geoffenbart, ist nur ein Teil des Ganzen, nur ein Dasein unter Daseienden, nur eine Gestalt unter oder über anderen Gestalten. Im gotamidischen Kosmos kann jeder Unermüdliche und Bewährte im Ablauf der Weltenjahre Gott werden, — und dies ist die unendliche Tröstlichkeit, die unvergleichliche Hoffnungfröhlichkeit, die unwiderstehliche Herzensinnigkeit dieser Religion, die unter diesem Zeichen einen erheblichen Bruchteil der Menschheit für sich erobert hat. Aber zugleich bleibt im gotamidischen Kosmos auch der Gott aufs strengste an die heilige Verfassung der Welt gebunden, als welche Karman heißt oder Wiederkehr des Gleichen oder ewige Wiedergeburt oder Ring der Wiederbringungen oder Rad der Werke-Wesen oder Kreis des Tun-Leidens... Darum schweift Gotamos Blick voll sinnender Schwermut über die fernsten Nebelbänder, Sonnenräder und Kometenschweife dieser unbegrenzten Welt und aller möglichen unbegrenzten Welten weit hinaus. Darum fällt gelegentlich in der Zwölften Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo jenes für Christenohren so hocherstaunliche und vermutlich hochanstößige Wort: „Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern kreisen: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren. Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern geboren werden: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren. Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern leben: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren“...
Wie eng verzahnt und genau ineinandergepaßt dies nicht alles ist! Wie stätig und zusammenhängend geschichtet, auch wo die Schichtungen einmal eine Bruchstelle zeigen und eine Verwerfung erfahren haben! Wer das Leiden als das Gesetz der Welt erkannt und gedeutet hat, wer am Weltgesetz selber leidet und an dessen ewiger Wiederkunft des Gleichen zum Gleichen, dem kann in Wahrheit nicht einmal die Geburt als Gott zu des Leidens Überwindung taugen. Dies Leiden durchaus und von innen her überwinden, hieße die Welt selbst durchaus und von innen her überwinden, in welche das Leiden bedingend und verursachend, bedingt und verursacht je und je verflochten ist. Der Gott aber stehet in der Welt, wenn auch der Welt zuoberst, und nicht außer ihr. Wer da am Leiden leidet, weil in das Fundament der Welt das Leiden gleichsam eingemauert ist wie in das Fundament mittelalterlicher Türme ein lebendiges Wesen (mit seinen Todesqualen) eingemauert ward, — dem taugt von allen Taten nur die eine: die Durchbrechung! Die Durchbrechung des Kreises der Geburten und Wiedergeburten, die Durchbrechung des Dharma und des Karman, die Durchbrechung der ganzen unendlichen Reihe Tat-Täter und Werk-Wesen. Solang ein Mensch solcher Fühlung sich der Welt verhaftet weiß, weiß er sich abhängig von der Welt und abhängig von der Welt Entstehungen und Vergehungen; weiß er sich abhängig von Alter, Krankheit, Tod; weiß er sich abhängig von aufsteigenden und absteigenden Lebensknoten ... Aber „Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist höchstes Labsal der Gefühle!“ Unabhängigkeit von dieser Welt und ihrer falschen Notwendigkeit, die nirgends Not und Nöte wendet, sondern stets nur neue Not und Nöte schafft und schafft; Unabhängigkeit von allen Drohungen der Wirklichkeiten und Möglichkeiten jetzt und künftighin; Unabhängigkeit von dem Zwang der abermaligen Entstehung, abermaligen Vergehung: sie gilt es irgendwie zu bewirken und zu befestigen. Eine Stelle gilt es ausfindig zu machen, über welche keine Flut des Werdens mehr hinwegbrandet und wo Sicherheit, Stätigkeit, Standfestigkeit winkt, eine weltlose Stelle außerhalb aller Stellen und Stätten der Welt. Und derart geschieht hier, ihr Christen, das Ungeheuere und ganz Unausdenkliche und jeden Begriff bei weitem Übersteigende, daß Gotamo diese von ihm selbst so groß und schön geordnete Welt um dieser höchsten Unabhängigkeit willen eigenhändig wie eine tadellose Glocke von reinstem Guß und reichstem Klang mit nerviger Faust in Trümmer hämmert! Am Leiden leidend, folglich an der Welt leidend, folglich an der Welt Gesetz und Ordnung leidend, folglich am Kreislauf der werkvergeltenden Geburten leidend, folglich am Karman leidend, setzt Gotamo dies Karman mit derselben Machtvollkommenheit der Seele außer Kraft, mit welcher er es einst in Kraft gesetzt hatte. Dieselbe Seele, die einen unveräußerlichen Anspruch hat auf Gesetz und Gesetzes Wohltat, hat einen unveräußerlichen Anspruch auch auf Freiheit und der Freiheit Säligkeit. So gilt das Karman für die Welt der Wirklichkeit und Wirksamkeit unaufheblich, aber gilt nicht für diese Seele, die sich die Freiheit von der Welt und von der Wirklichkeit auf irgendeine Weise zu erkämpfen, zu ersiegen weiß. Das Karman ist der Dharma der Welt, und sicherlich müßte das Gerüst der Welt im Nu in sich zusammenstürzen, sicherlich müßte das Gefüge der Welt im Nu aus allen Fugen springen, wenn das Karman nicht alle seine Balken und Stützen und Bretter mit eisernen Klammern fest aneinanderhaftete. Die Seele aber besitzt ihren eigenen Dharma, welcher vom Dharma der Welt nicht weniger verschieden ist als die Welt von der Seele selbst verschieden ist. Der Dharma der Welt heißt Notwendigkeit, Gesetz, Verhaftung, Wechselbedingtheit, Verhältnismäßigkeit; der Dharma der Seele heißt Freiheit, Ledigkeit, Selbstherrlichkeit, Unbedingtheit, Abgelöstheit. In Leidens-Freiheit, Leidens-Ledigkeit, Leidens-Abgelöstheit bewährt die Seele sich selbst als unbedingt und selbstherrlich; in Welt-Freiheit, Welt-Ledigkeit, Welt-Abgelöstheit bewährt die Seele sich selbst als unbedingt und selbstherrlich...
Um es mit Einem Wort zu sagen: es stehet in der Macht der sogenannten Seele, wenn sie nicht länger leiden will, nicht mehr zu leiden. Es stehet in der Macht der Seele, aus der Verklammerung von Tun und Leiden, welche wir als ‚Wirklichkeit‘ nun kennenlernten, sich sanft und sacht zu lösen: nicht anders, wie sich der Gottmensch Krischna aus der Umwendung der Weltenschlange sanft und sacht gelöst hat. Aber freilich! zu Lebzeiten des Buddho gab es da etliche, welche die Befreiung von allem Leiden dadurch zu vollbringen wähnten, daß sie jedwede sündhafte Tat im Zustand früherer Geburten zu verbüßen gedenken, wenn sie selbst sich freiwillig Leiden über Leiden, Pein über Pein antun. Es gibt da etliche, — und ihrer scheinen gar nicht so wenig zu sein! — welche ganz einfach auf rechnerische Weise jedes schlimme Tun durch ein entsprechendes Leiden tilgen zu können vermeinen: bis sie zuletzt die Summe aller Taten durch die Summe aller Leiden quitt gemacht haben und Gleiches gegen Gleiches rund zur Aufhebung brachten. Solche hoffen das Karman zu durchbrechen, indem sie das Karman buchstäblich erfüllen, Leiden um Tat, Leiden um Tat, bis das durch ‚übermäßiges Verdienst‘ erworbene und angehäufte Leiden die Tat gleichsam bis zum Stumpf getilgt hat. Das ist der Weg der Leidensbefreiung, den beispielweis die ‚Freien Brüder‘ beschritten haben, welche es für heilfördernd und bekömmlich erachten, das Leiden der Kreatur durch Mehrung des Leidens in freiwillig geübter Schmerzensaskese zu überwinden und beinahe schon nach der Regel Schopenhauers verfuhren, daß nicht die Schmerzen, sondern die Genüsse zu verneinen seien: die Schmerzen vielmehr zu bejahen und abermals zu bejahen ... Gegen diese Praxis indes, die nach dem buchstäblichen Wortverstand so durchaus auf der Linie der gotamidischen Lehre vom Karman gelegen scheint, erhebt niemand schärferen Einspruch als der Buddho selber. Mit einem merklichen Beischmack von überlegenem Spott, ja von Hohn wendet sich Gotamo wider diese Freien Brüder, die da in ihrer Schmerzensaskese das Leiden der Welt vorsätzlich vervielfältigen, statt es vorsätzlich abzustellen. Sie, die von dem unanfechtbaren Grundsatz des Karman ausgehen: „Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl oder Wehe, oder weder Wohl noch Wehe, all das ist vorhergewirkt,“ — sie, die durch gewissenhafte Leidens-Übung etwa begangene Frevel früherer Verkörperungen peinlich rechnend auszugleichen trachten, sie rechnen in Wahrheit falsch. Wohl ist der Knüpfung Tun-Leiden entsprechend alles, was das einzelne Wesen von Natur leidet, vorherbestimmt, vorhergewirkt. Aber das ist es eben, daß diese Knüpfung nur eine Tatsache, nur eine Ordnung, nur ein Zwang der Natur ist, der ‚bösen‘, dort jedoch ihre Gültigkeit verliert, wo das Joch der Natur zerbrochen wird. Diese scharfe Wendung Gotamos gegen die eigenen Voraussetzungen und Unterstellungen, diese schroffe Abweisung des Buchstabens von seiten des Geistes scheint die Reihen der eigenen Jünger, soweit diese nicht zu den völlig Eingeweihten zählen, in nicht geringem Maß überrascht, erschreckt, ja teilweis außer Fassung gebracht zu haben. Der Buddho, der als strengster Vollender der Lehre vom Karman den Satz der Freien Brüder ‚alles ist vorhergewirkt‘ mit äußerstem Nachdruck bestreitet und das darauf gestellte Heilsverfahren schier als ein lächerliches abweist und abschätzt, — dieser Buddho geht manchem Mönch des heiligen Ordens schlechterdings über den Begriff. So beispielweis jenem Mönch Arittho, dem ehemaligen Geierjäger, der nach der Zweiundzwanzigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo die folgende Äußerung gewagt hat, die unverzüglich dem Erhabenen als besonders ketzerisch berichtet ward: „Also fasse ich die vom Erhabenen verkündete Lehre auf, daß jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen dem Täter nicht notwendig zum Verderben gereichen“... Dieser Mönch zwar wird unverzüglich vorgeladen, befragt, getadelt und zurecht gewiesen, — aber wir, die wir zu Zeugen dieses Vorgangs gemacht werden, können nicht umhin zu gestehen, daß dieser Mönch in einem gewissen und sehr tiefen Sinn die Wahrheit, nichts als die Wahrheit ausgesprochen habe! Darüber lassen die Reden gegen die Freien Brüder nicht den mindesten Zweifel obwalten; darüber läßt Gotamos Lehre von des Leidens Aufhebung, Abstellung und Ablösung selber keinen Zweifel obwalten. In der für diese Frage hochwichtigen Hundertundsechsunddreißigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo hat der Buddho selber ausdrücklich die vier Möglichkeiten dargelegt und entwickelt, daß die gute Tat gute Fährte, die gute Tat aber auch schlechte Fährte hinterlassen könne, wie umgekehrt die schlechte Tat zwar schlechte Fährte, aber die schlechte Tat auch gute Fährte. Das Karman ist die irdische Ordnung, welche Wirklichkeit und Welt in ursächlich-urtätigen Zusammenhang bringt und in diesem Betracht allerdings unaufheblich gilt. Aber die Seele des Menschen bleibt dem Karman nur unterworfen, wofern sie ihm unterworfen bleiben will. Ihr bleibt es anheimgestellt, auch wenn sie von allen Lastern, Bosheiten, Scheußlichkeiten wie ein pestverseuchter Leib mit Blattern, Beulen und Geschwüren bedeckt wäre, durch einen einzigen und übermenschlichen Entschluß sich jenseit ihrer eigenen Lasterhaftigkeit, Bosheit und Scheußlichkeit zu begeben und — rein zu sein. Es stehet der Menschenseele, es stehet der Schächerseele frei, das zu tun, was auch der Heiland des Westens seinen Gläubigen als Trostvermächtnistat unvergeßlich hinterlassen hat: nämlich heut noch, jetzt noch, schon ans Kreuz geschlagen und vom Tod umnächtigt, dennoch ‚im Paradies zu weilen‘. Es ist der Menschenseele letztes und unmittelbarstes Hochgeheimnis, mit einem einzigen Federzug die unendlich angelaufenen Posten von Schuld und Sühne, Tat und Leiden, Werk und Wesen glatt durchzustreichen und alles Leidens ledig, aller Ursächlichkeiten ledig, aller Gründ- und Folglichkeiten ledig, sie selbst zu sein und das heißt frei zu sein. „Ist da nun, Ânando, ein Mensch, der ein Mörder und Dieb, ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und Schwätzer, voll Gier und Haß und Eitelkeit war, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte geraten, in himmlische Welt, so hat er seine günstige Tat, die freudig empfunden wird, eben früher begangen oder später begangen, oder hat in seiner Sterbezeit eine rechte Erkenntnis vollzogen und vollbracht: darum ist er, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, da hinauf geraten. Wenn er aber hier also übel gewandelt war, hat er sich die Folge davon schon bei Lebzeiten fühlbar gemacht, oder bei der Auferstehung, oder bei nachmaliger Wiederkehr“...
Die Freien Brüder setzen dem Leiden das Leiden entgegen, um die Tilgung des Leidens im Weg freiwillig übernommener Schmerzens- und Bußübung zu bezwecken. Aber was sie bezwecken, ist die ganz überflüssige Mehrung des schon mit Notwendigkeit vorhandenen Leidens. Gotamo hingegen, der nach höchst bedeutsamem eigenen Geständnis Schmerzensaskese, Selbstquälerei und Kasteiung bis zur Selbstvernichtung geübt hat und hier aus grausamer Selbsterfahrung schöpft, — Gotamo setzt dem Leiden eine Tat entgegen, eine unbedingte, nicht und nichts mehr bedingende Tat, welche die Freiheit vom Leiden erwirkt, weil sie Freiheit von der Welt, Freiheit vom ‚Gesetz‘ erwirkt. Was alle religiöse Erleber wußten, vom Heiland des Christentums, ja sogar vom Stifter des Christentums an bis zu Lew Nikolajewitsch Tolstoi, der dieses gotamidische Mysterium ‚der rechten Erkenntnis in der Sterbezeit‘ klassisch dargestellt hat in der Heiligen Schrift vom Tod des Iwan Iljitsch, das ist für den Buddho der Dreh- und Angelpunkt nicht allein der Lehre, sondern des Erlebnisses geworden. Für ihn nämlich, — wenn ich mich hier mit Nutzen europäisch und insbesondere schopenhauerisch ausdrücken darf, — gibt es einerseit Taten, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ unterworfen sind und eben darum in den Gesamtkreislauf der Werdewelt wieder einmünden, dem sie entsprungen sind. Und für ihn gibt es anderseit Eine Tat, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ nicht mehr unterworfen ist und eben deshalb aus dem Kreislauf dieser Werdewelt hinausführt. Jene Taten sind notwendig gewirkt, will heißen: sie sind nach Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern gewirkt, die der Wirklichkeit selbst entstammen, und so ist es billig, daß sie in der Folge sich dem Bereich der Notwendigkeiten wieder einfügen, aus der Notwendigkeit in die Notwendigkeit führend. Diese Eine Tat hingegen ist frei gewirkt, will heißen, nach keinerlei Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern, die der Wirklichkeit oder dem ihr entsprechenden Vorstellungablauf selbst entstammen, und so darf denn diese Tat der Taten, nach keiner Regel irgendwelcher Notwendigkeit getätigt, aus der Notwendigkeit in die Freiheit führen. Es ist dies aber die Tat einer unvergleichlichen Selbstverinnerlichung, Selbsteinigung, Selbstverinnigung, wo Selbst und Seele weltausschließend, weltausschließlich nur sie selber sind, — Selbst und Seele hier in der ewig fragwürdigen Sinnbildlichkeit ihres Begriffs genommen. Eine Tat ist möglich, wo Selbst und Seele mit der Tat als solcher gleichsam unmittelbar zusammenfallen; eine Tat ist möglich, wo der Tat selbst nicht mehr irgend eine ‚Sache‘ als Inhalt, Bestimmung, Beweggrund, Antrieb gegenständlich gegenübersteht und wo die Tat sich nicht zu irgend einer Sache mehr versachlicht, zu irgend einer Sache mehr enttätigt. Derart wird das Leiden der Welt und an der Welt zuletzt getilgt, verlöscht, verwunden werden, wofern die Welt selbst als die Unendlichkeit aller gegebenen und aufgegebenen Sachen durch die entsachte, durch die entursachte Tat getilgt, verlöscht, verwunden wird. Dies ist die ‚reine‘ Tat der ‚Freiung‘ und der ‚Ledigung‘, dem Satz vom Grunde nicht mehr unterworfen: folglich dem Grunde selbst nicht länger unterworfen und folglich der Folge und den Folgen nicht länger unterworfen, die sonst alle Taten als ihre ‚Tat-Sachen‘ notwendig und unabänderlich nach sich ziehen müssen...
Was also hier der Buddho (einigermaßen uneuropäisch dunkel) von sich selber fordert und nicht nur von sich, sondern von jedem, der das Leiden an seinem Stumpfe auszurotten willens ist, das läßt sich doch wohl nicht ganz unpassend mit dem vergleichen, was der Genius Kant in unseren westlichen Bezirken die ‚intelligible Freiheit‘ nannte, wie sie das ‚Ich an sich‘ außerhalb der Welterscheinung als causa noumenon wesentlich betätigt. Der Genius Kant, an dieser Stelle sorgfältiger als irgendwo sonst die Erbschaft alter deutscher Mystik betreuend, hat ja zu seinem Teil auf diese Tat der Taten keineswegs verzichten können, die weder bedingt oder bestimmt durch Anreize aus der Sinnenwelt wird wie etwa der instinktive Wille des natürlichen Menschen, noch bedingt oder bestimmt wird durch die Vorstellung einer gesetzgebenden ‚Form‘ aus reiner Vernunft wie etwa des ‚guten‘ Menschen moralischer Wille: sondern die ganz einfach frei, weder bestimmt noch bedingt getätigt wird im Sinne des scholastischen liberum arbitrium indifferentiae... Diese zwar vielerörterte, kaum aber vielverstandene, vielleicht zutiefst gar nicht zu verstehende intelligible Freiheit Kants, sage ich, wäre vielleicht mit der Freiheit Gotamos nicht unpassend zu vergleichen. Ja, sie wäre am Ende völlig einerlei mit dieser, wenn nicht doch der Genius Kant, (hierin viel eher wiederum der Erbe der großen europäischen Scholastik statt der Mystik!) — wenn er nicht eben diese transzendentale und transzendierende Freiheit leider als einen moralischen Vorgang aufgefaßt und der Moral dienstbar gemacht hätte: will heißen als einen Vorgang, der sich auf die Wahl des empirischen Ich durch das intelligible Ich bezieht und dadurch genau auf das, was Gotamo das Karman und seine Ordnung nennt. Auf diese Weise biegt die intelligible Freiheit Kants doch wieder bedingend, verursachend, bestimmend, begründend in die Wirklichkeit der Dinge ein, statt endgültig von ihr abzubiegen, und diesen Umstand hat Kant selber in voller Naivität gekennzeichnet durch den scheinbar ungereimten, in Wahrheit jedoch durchaus zutreffenden Begriff der ‚Kausalität durch Freiheit‘... Ganz unbesehen gerinnt mithin die Freiheit dem westlichen Denker sogar in ihrer transzendierendsten Bedeutung als liberum arbitrium indifferentiae doch wieder nur zu einer Ur-Sache, statt zu einer Ur-Tat, — zu einer Ur-Sache, die andere Sachen verursachend nach sich zieht: die Folgen, Wirkungen, Wirklichkeiten nach sich zieht. Die intelligible Freiheit Kants, zu einem moralischen Mysterium gestempelt statt zu einem religiösen, wird zu einer bloßen Ursache, die sich von allen übrigen Ursachen in der Welt nur eigentlich dadurch unterscheidet, daß sie die unendliche Reihe der Wirkungen nicht sowohl fortsetzt, als von vorn beginnt. Kants intelligible Freiheit ist ein grundloser Einsatz, ein unbedingter Anfang, mit welchem eine begründete und bedingte Reihe in der Zeit und Wirklichkeit beginnt. Oder mit einem Wort gesagt, — diese intelligible Freiheit des westlichen Denkers ist Freiheit des Willens, etwa dem Ausspruch des Bernhard von Clairvaux gemäß: ubi voluntas, ibi libertas; oder besser und richtiger der Umkehrung dieses Grundsatzes gemäß: ubi libertas, ibi voluntas! Wo Freiheit, da ist hier Wille; wo aber Wille, da wird etwas gewollt: das Gute oder das Böse, das Richtige oder das Verkehrte, das Zweckvolle oder das Zwecklose, — das Vernünftige oder das Törichte, das Sinnentsprechende oder das Unsinnige, — unter allen Umständen aber ein zu Verwirklichendes, das in die Reihe der Wirklichkeiten gleichsam neu eingerückt werden soll, wie etwa die Anzeige einer neuen Erfindung in die Spalten einer Zeitung neu eingerückt wird...
Hierzu im äußersten Widerspruch ist die intelligible Freiheit des Buddho nicht sowohl eine Freiheit des Willens, als vielmehr eine Freiheit vom Willen und jedenfalls eine Freiheit vom Wollen. Nicht mehr wollen, nicht mehr wünschen, nicht mehr heischen, nicht mehr gieren, nicht mehr schmachten, nicht mehr trachten, nicht mehr streben, nicht mehr verkörpern, nicht mehr verwirklichen, nicht mehr erscheinen, nicht mehr entstehen, nicht mehr vergehen, nicht mehr tun, nicht mehr leiden, — das eben heißt gotamidisch ‚frei‘ sein. Kants unmittelbares Erlebnis der reinen Tat gilt einem Vor-Anfang und Ur-Anfang, womit eine unendliche Schöpfung in der Zeit sich einleitet. Die reine Tat setzt hier das (empirische) Ich und mit diesem alle Abhängigkeiten, Notwendigkeiten, Folgen dieser Setzung, — und trotz aller verspäteten Einsprüche und Verwahrungen Kants war es doch nur im strengsten Geiste Kants weiter und weiter gedacht, wenn Fichte die reine Tat außer dem Ich das Nichtich und im Ich das Nichtich setzen ließ: mit dem Ich und Nichtich aber die ganze Welt abstufend, aufstufend zu der unendlichen Schöpfung in der Zeit. Das Ich gesetzt durch Freiheit, das Nichtich gesetzt durch Freiheit, das Nichtich im Ich gesetzt durch Freiheit und somit die ganze Welt gesetzt durch Freiheit, — das ist von allen europäischen Konzeptionen vielleicht die europäischste gewesen, weil unentwegt forsch in die Unendlichkeit fort- und fortschreitend einen ‚unendlichen‘ Fortschritt ermöglichend und verwirklichend... Gotamos reine Tat indes ist nichts weniger als ein Vor-Anfang, Ur-Anfang unendlich fortschreitender Reihung oder Stufung. Vielmehr genau dort, wo Gotamo am engsten sich mit dem europäischen Gedanken, Ungedanken des liberum arbitrium indifferentiae berührt, dort wird er auch (wie das stets so ist) am heftigsten von diesem abgestoßen. Des Buddho Tat ist Ende und Voll-Ende, ist Voll-Endung des Voll-Endenden: eben darum zwar, weil sie durch alle unendliche Satzung, Reihung, Stufung quer hindurchbricht und den Leitfaden des Karman, wenn nicht geradezu zerreißt, so sicherlich auch nicht mehr weiterspinnt, vielmehr ein für allemal verstätigt. Verneinenderweis ausgedrückt, gelangt diese Tat des gotamidisch Vollendenden also durch einen Austritt und Heraustritt zum Vollzug: durch einen Austritt und Heraustritt zwar, der den Täter zufall- und schicksallos macht (in der Sprache der Tragödie gesprochen); der den Täter willens- und tatfrei macht (in der Sprache der Moral gesprochen); der den Täter unbedingt und abgelöst, das heißt, ‚absolut‘ macht (in der Sprache der Metaphysik gesprochen); der den Täter unabhängig von den Gegenständen der Erfahrung und von der Erfahrung selber macht (in der Sprache der Transzendentalphilosophie gesprochen); der den Täter weltledig, arm und abgeschieden macht (in der Sprache der Mystik gesprochen); der den Täter wunschversiegt, wahnversiegt, daseinversiegt macht, zuletzt und endgültig in der Sprache des Buddho gesprochen... Bejahenderweis ausgedrückt ist aber diese selbe Tat der gotamidischen Vollendung doch zugleich ein Eintritt und Hereintritt, ein Eintritt und Hereintritt nämlich in das übersinnliche, überdingliche, überweltliche Bereich des An-und-für-sich-Seins der Welt: mithin in ein Bereich, für welches die Zunge weder des Tragöden, noch des Moralisten, Metaphysikers, Transzendentalphilosophen oder Mystikers, ja nicht einmal des Buddho selber Sprachzeichen und Lautgebärden hat, um es hinlänglich zu bezeichnen...
Gotamo aber, nachdem er an der schlechten Unendlichkeit eines nimmer stockenden Entstehens und Vergehens unaussprechlich heftig und tief gelitten hatte, — Gotamo, nachdem er (vorübergehend im Irrtum der Freien Brüder befangen) in beispielloser Selbstquälerei, Selbstfolter, Selbstabtötung das Leiden nur zwecklos gemehrt hatte, um mittels des gemehrten Leidens das mindere zu übertäuben, — Gotamo, nachdem er das arme Fleisch des Leibes in erfinderischen Büßungen gleichsam mürb gebeizt hatte, bis es ihm von den Knochen gefallen war, auf daß er endlich dem armen Fleisch nicht länger unterworfen bliebe und sich fortab des ‚reinen‘ Geistes freuen dürfe: dieser Gotamo der Erlebende des Leidens erlebt eines Tages an ihm selber, wie er, o Wunder, des Leidens wirklich genesen ist, wahrhaft bei Lebzeit schon genesen! Nicht durch Mißhandlung oder Peinigung oder Entehrung des Körpers: vielmehr ganz einfach durch eine innerliche Wendung oder Drehung von dieser Weltlichkeit weg nach einer anderen Weltlichkeit, nach einer Gegen-Weltlichkeit hin, — denn dieser Buddho, ihr Christen, wußte es ja schon zu seiner Zeit, daß es viele selbstgeschaffene Wirklichkeiten gäbe und also zu einer jeglichen von ihnen auch die Gegen-Wirklichkeit... Er, der Erlebende des Leidens, erlebt in einer ungeheueren Stunde plötzlich kein Leiden mehr, und sogar heute noch ahnen wir fern, fern das unermeßliche Gefühl von Frieden und von Stillung, wie es schwer und hell wie flüssiges Gold in seine Seele träufelt: „Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ‚Wie, sollt’ ich etwa jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des Schlechten?‘“... Und nicht länger fürchtet sich jetzt der Buddho dieses Glückes, sondern erfüllt sich mit ihm, daß es aus allen seinen Poren strahlt und leuchtet: denn als ein Glück, eine Selbststeigerung ganz außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho diesen neuen und ungewohnten Urstand des Nicht-mehr-Leidens, des Ausgelittenhabens an der Werdewelt und ihrem ewigen Gesetz. Als eine Besäligung, ja als eine Säligkeit ganz außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho diesen neuen, ungewohnten Urstand, wo er sich endlich, endlich nicht länger eingeschmiedet findet in den Ring der Wiederkünfte und nicht länger aufgeflochten auf das Rad der Werke-Wesen: „...die aber da als Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntnis erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu genießen, bei klarem Bewußtsein“...
Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt aber in den Heiligen Schriften des Kanons jener Urstand der Leidensauflösung und Weltledigung, in welchem der Buddho zuletzt sich selbst vollendet. Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt die ‚reine‘ Tat der Freiheit selber: das ist im Pâli entweder nibbânam, oder im Sanskrit nirvânam, aus der Wurzel van = Wunsch. Nibbânam oder auch nirvânam oder auch brahmanirvânam oder auch paramanirvânam heißt in den beiden Mundarten der Überlieferung der Urstand der erlangten Heiligkeit, der bald das Schicksal aller erlesenen Dinge hatte, sowohl im Osten wie im Westen gleichermaßen gröblich mißverstanden zu werden. Denn nichtverstanden hat dieses Nibbânam zum Beispiel ein repräsentativer Chinese wie der sehr kluge und fein gebildete Ku Hung-Ming, wenn er sich etwa folgendermaßen ausläßt: „Auch die Methode des Buddhismus, die Welt zu erneuern, nimmt zum Boykott ihre Zuflucht. Wenn die Welt schlecht ist, so rasiert der Buddhist seinen Kopf, geht ins Kloster und boykottiert die Welt“... Nicht weniger mißverstanden hat ferner dies Nibbânam ein repräsentativer (gerade in seiner menschlichen Zweideutigkeit repräsentativer) Europäer wie der französische Poet Claudel, wenn dieser zwar etwas weniger platt, aber dafür um so orakelhafter zu sprechen wagt „vom Schweigen des Geschöpfes, das sich hinter eine völlige Verweigerung verschanzt hat“, oder gar von „der unreinen Ruhe der auf ihrem wesentlichen Anderssein beharrenden Seele“, oder wenn er sich vollends zu dem Satz versteigt, der sich angesichts der obigen Worte Gotamos freilich besonders unverständig ausnimmt: „Für mich hat das Nichts nur einen Sinn, wenn sich ihm die Säligkeit zugesellt“... Seltsamstes Spiel fürwahr, daß der Osten und der Westen des Planeten gleichermaßen den Urstand der Wunschverwindung nur als das große Nichts und Abernichts zu würdigen oder vielmehr nicht zu würdigen vermag! Seltsamstes Spiel, und doch nicht Laune bloß des Zufalls oder der Abgeschmacktheit, daß der Mensch sich vor dem Nichts zu fürchten beginnt, wo er nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu dulden, nichts mehr zu verlieren, aber freilich auch nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu wünschen, nichts mehr zu gewinnen hat! Wie tief, wie abschreckend irreligiös mußte der Mensch geworden sein, bis er jeden lebendigen Zusammenhang mit dem Walten einer reiferen Frömmigkeit so weit verloren hatte, daß er den Zustand ewiger Bedürftigkeit als den ihm zusagendsten und angemessensten bejaht, den Zustand der Gestilltheit aber als den schlechterdings unangemessenen und nichtseinsollenden verneint, will meinen: ihn als ‚Nichts‘ verleumdet! Denn brauch’ ich es nach allem Vorigen besonders noch zu beteuern, daß dies Nibbânam Gotamos sowenig etwas mit dem Boykott des chinesischen Reformers zu schaffen hat wie mit der völligen Verweigerung, mit der unreinen Ruhe oder gar mit dem ‚Nichts ohne Säligkeit‘ des französischen Mystizisten und Mystifikanten? Brauch’ ich zu sagen, daß vollends alle die eifrigen Gelehrten, fleißigen Professoren und scharfsinnigen Philosophen schier lächerlich, wenn nicht schon boshaft abwegig sind mit ihrer Mutmaßung, der Buddho habe das Nibbânam gleichsam als ‚Nichts-an-sich‘ ontologisch verdinglicht, vergegenständlicht oder verwesentlicht, um dies dinghafte Un-Ding der Welt gleichsam listig als ihren ‚Gott‘ zu unterstellen und derart den Brahman-Âtman des Brahmanismus als hoffnungloser Nihilist des Fühlens, Nihilist des Wollens, Nihilist des Denkens zu Ende zu denken: zu Tod zu denken? Brauch’ ich zu wiederholen, daß dies Nibbânam nichts weiter ist wie eine keusche Anspielung auf einen in unablässigen Seelenkämpfen errungenen Dauerstand des Selbstes, genau wie die Abgeschiedenheit, die nächste Armut, die weiselose Weise unserer westlichen Mystik eine solche keusche Anspielung gewesen ist? Brauch’ ich zu beweisen, daß dies Nibbânam das letzte Endziel zwar nicht aller Religionen, aber aller Religion ist, das Endziel aller auf Selbstvergöttlichung bedachten Selbstläuterungen, um wie Gott schließlich ganz weltunbedingt, ganz weltunabhängig, ganz weltunbedürftig zu sein? Brauch’ ich herauszuheben, daß dies Nibbânam als edelstes Ergebnis zwar alles Weltverzichts und aller Weltentsagung zugleich doch herrischste Forderung, unbeugsamster Anspruch ist auf Selbsterfüllung und Selbststillung? Brauch’ ich zu verraten, daß dies Nibbânam den Menschen mit einer beispiellosen Treue treu gegen sich selbst zu werden lehrt, damit er, treu gegen sich selbst, treu auch gegen das unendliche All, eben dieses unendliche All mit seiner unendlichen Dichtigkeit und Mächtigkeit in sich auszutragen vermöchte und also austragend, also ausgetragen in sich endige und vollende? Brauch’ ich zu begründen, daß es sich hier zuletzt um etwas ganz Einfaches und Selbstverständliches handelt, um das Ankern nämlich auf dem eigenen Grund, um das Ankern in der eigenen Tiefe, bis wohin kein Sturm mehr aus dem Luftraum blasen kann?... „Der ich also rede, also lehre, ihr Mönche, mich bezichtigen einige Asketen und Brâhmanen grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung verkündigt er.‘ Was ich nicht bin, ihr Mönche, nicht rede, dessen bezichtigen mich jene lieben Asketen und Brâhmanen, grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung verkündigt er.‘ Nur eines, ihr Mönche, verkündige ich, heute wie früher: das Leiden und des Leidens Ausrodung“...
Brauch’ ich euch zu überreden endlich, ihr Christen, daß dies Nibbânam, taktlos mißhört, mißdeutet und mißechot im Osten der Erde wie im Westen und offenbar dazu in einem Spülicht hemmungloser Vielgeschwätzigkeit schwammig bis zum Unsinn, bis zum Irrsinn aufgeweicht und aufgedunsen, — brauch’ ich euch zu überreden, daß dies Nibbânam künftighin zu ehren ist mit jenem siebenfältigen Schweigen der Ehrfurcht, welches das Siebente Wort am Kreuz der Welt, Siebente Wort am Rad der Welt gleichermaßen ehrt wie fürchtet: Τετέλεσται, es ist vollbracht! Katam karanîyam, gewirkt ist das Werk!...