INHALT
| EINFÜHRUNG | [11] |
| DIE ERSTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER PROTESTANT | [37] |
| DIE ZWEITE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ERLEBENDE | [123] |
| DIE DRITTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER WISSENDE | [223] |
| DIE VIERTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE | [343] |
EINFÜHRUNG
Es jährt sich nun heuer rund das einhundertdreißigste Mal, daß die Sakontalâ des Kâlidâsa ihre erste deutsche Übersetzung fand, von Goethe wie von Herder sofort als geistige Begebenheit ersten Ranges mit Bewunderung, ja mit Ergriffenheit gewürdigt und begrüßt. Ein paar Jahrzehnte später, und die Kenntnisnahme der Bhagavad-Gîtâ, als θεσπέσιον μέλος erstmals lateinisch von August Wilhelm Schlegel ausgegeben, macht in Wilhelm von Humboldts Leben warm beglückende Epoche, die er uns mit unvergeßlichen Worten schildert. Schopenhauer zwar findet den Zugang zu den ‚Geheimen Lehren‘, das ist ‚Upanischaden‘, erst über den etwas krummen Umweg einer lateinischen Übersetzung des persischen Oupnek’ hat, — auf ähnlich krummen und noch krümmeren Umwegen ist dereinst der Stagirit zum Schicksal der Theologie und Philosophie des späteren Mittelalters geworden! — trotzdem aber werden jene wunderlich vermummten Urkunden ihm der Trost seines armen Lebens: indes er selber in vorgeschrittenerem Alter noch Scharfblick und Urteil genug aufbringt, Spence Hardys erste zuverlässige Darstellungen des zeilonischen Buddhismus in ihrer grundlegenden Wichtigkeit zu erkennen. Aus Köppens Religion des Buddha scheint sich Wagner ahnungweis ein erstaunlich zutreffendes und wesenhaftes Bild von Beschaffenheit und Art der Religion zu machen, die ihn in den unverfälschtesten und lautersten Jahren seines Daseins wie keine zweite tief und echt berührt. Was endlich Paul Deussens Lebenswerk angeht, so ist es in mehr wie einem Betracht dem Antrieb Nietzsches zu verdanken, der dauernd bemüht bleibt, eine zulängliche Kennerschaft seiner weltgeschichtlichen Gegenspieler im indischen Osten zu erwerben. In summa: der Einbruch Asiens, insonderheit der Einbruch Indiens in Europa erfolgt vor mindestens hundertunddreißig Jahren und wird bereits von allen Deutschen repräsentativer Geltung klar aufgenommen und sicher gedeutet als das, was er ist: der Aufgang eines funkelnd neuen Weltsterns an dämmernden Europahorizonten...
Bald aber geschieht befremdlich Unerwartetes, Nie-Zu-Erwartendes! Das Jahr 1896 bringt den ersten Band einer Verdeutschung des sogenannten Majjhimanikâyo von Karl Eugen Neumann, und zwar gleich als Probestück, Gesellenstück, Meisterstück zu einer weitausgreifenden Lebensaufgabe. Diese setzt sich die womöglich lückenlose Übertragung des Suttapitakam, will heißen der ältesten und wertvollsten Urkunden der Reden Gotamo Buddhos zum Ziel, wie sie in den heiligen Schriften des Pâli-Kanons gesammelt und überliefert sind. Bis zu Neumanns Tod, der allzu früh an seinem fünfzigsten Geburtstag (am 18. Oktober 1915) in Wien erfolgt, ist denn auch wirklich diese Riesenaufgabe in der Hauptsache schier bezwungen: ist die Längere und Mittlere Sammlung vollständig, die Kürzere Sammlung wenigstens in ihren gewichtigsten Stücken übersetzt, wovon die kleine, ihres Alters wegen jedoch hochgeschätzte Spruchsammlung des Dhammapadam zu erwähnen wäre, indes aus anderen Bezirken der indischen Seele der Mythos von Krischnas Weltengang hinzutritt. Alles in allem bietet mithin Karl Eugen Neumann einer großen europäischen Nation zum erstenmal die ungeheuere Gelegenheit, aus tausend verflachenden, entstellenden, verzerrenden, umwuchernden Übermittelungen des Buddhismus heraus die Stimme des Buddho selber sprechen zu hören, — und das ist fast, wie wenn wir Christen heute unverhofft ein fünftes Evangelium entdeckten, älter und urwüchsiger als die andern vier und an vielerlei Stellen geradezu die treu erinnerten Urworte des evangelischen Herrn enthaltend. Solche religiösen Urkunden werden jetzt jedem gebildeten Deutschen zugänglich gemacht, und dies obendrein in einer Fassung der Sprache, welche alleinig hätte genügen müssen, alle mit der Sachwalterschaft dieses höchsten irdischen Gutes Betrauten aufhorchen, wenn nicht aufjubeln zu machen. Hat doch an diesem indischen Idiom der Reden Buddhos sich die deutsche Sprache — wer hört es nicht, der nur ein einziges dieser vollkommenen Kunstwerke mit den Ohren (und mehr noch mit dem Gehör) liest: wer hört es nicht? — hat doch an diesem Pâli sich das deutsche Wort, der deutsche Satz noch einmal märchenhaft erneuert. Hier zeigt sich unsere Muttersprache plötzlich um eine ganze Anzahl von Möglichkeiten des Ausdrucks bereichert, die ihr vorher niemand so leicht zugestanden hätte. So, um an dieser Stelle nur das Auffälligste herauszuheben, zeigt sie sich im höchsten Grad des Andante Maëstoso hieratisch fugenden Stiles fähig, bisher im religiösen Leben unseres Festlandes so gut wie ausschließlich dem Latein vorbehalten. Tempelfeierlich hört man dagegen hier die deutschen Laute in vollausatmenden Posaunenstößen pausenlos dahinorgeln und dann allmählich zart vertönen, — dennoch wiederum höchst zwanglos zu vielen Kadenzen melodisch aufgelöst und von anmutigen Figuren reich umtrillert... Dieser Sprachgestalter Neumann aber und sein Buddho, diese ganz einmalige und ganz unvergleichbare indisch-deutsche Doppelschöpfung macht niemanden im weiten Vaterland aufhorchen und noch weniger jemanden aufjubeln. Wo vor hundert Jahren noch eine rauschende Bewegung durch den Geist, oder sag’ ich wirklichkeitentsprechender durch die Geister der Nation gefahren wäre, da spürest du keinen Hauch. Die Herren vom Fach, immer mit dem Wichtigeren ernst beschäftigt und darum geschworene Feinde alles Wichtigsten, schweigen sich mit ihrer altbewährten Zurückhaltung hinsichtlich ‚persönlicher Werturteile‘ auch über diese große Sache fast ganz aus; gebildete Laien, welche diese berufenen Hüter wissenschaftlicher Geheimnisse (oder Geheimniskrämerei?) zum Sprechen hätten zwingen wollen und hätten zwingen können, gibt es in jenen Jahren schauriger Verödung nirgends. Und dies bleibt die Lage, solange Neumann selber lebt. Bis kurz nach seinem unbemerkten Hingang der einzige Rudolf Pannwitz die Schmach dieses Schweigens bricht und endlich das befreiende Wort spricht über die weltgeschichtliche Tat eines Brückenschlages zwischen West und Ost...
Wie aber, wird der unbefangene Sinn hier fragen, war dies möglich? Wie war dies möglich zu einer Zeit, wo man diesseit wie jenseit des atlantischen Meeres wahrhaftig schon mehr Ursach’ hatte, wenn irgendwo die Rede ‚de propaganda fide‘ ging, an den Buddhismus und seine unwiderstehliche Werbearbeit in allen Kontinenten zu denken als hergebrachtermaßen an die Kirche Roms? Wie war dies möglich in den Jahrzehnten vor dem Krieg, wo bereits mit aller Stärke die theosophisch-anthroposophische Bewegung eingesetzt hatte, die ihrerseit absichtlich oder unabsichtlich, willig oder unwillig stets den Buddhismus mit verbreiten und mit fördern helfen muß? Wie war es möglich, wie war es überhaupt nur denkbar, daß zwar die Geheimlehren aller Religionen Asiens seit den Babyloniern durch ungezählte Rinnsale, sichtbare und unsichtbare, saubere und schmutzige, in die spiritistisch-okkultistischen Zirkel des Westens sickern konnten, aber daß das Wort des wirklichen Buddho in seiner oft immerhin ältesten und ehrwürdigsten Gestalt nirgends aufmerksameres Gehör, ja nicht einmal ein wenig — Neugierde fand?
Werfe ich diese Frage auf diese Weise auf, so ist vielleicht aus ihr schon die eigentliche Antwort herauszuhorchen. Denn wie ich vermute, ist es eben diese vielsinnig buddhistische, neubuddhistische, afterbuddhistische Strömung gewesen, welche die voll ausgemeißelte Bildsäule des Buddho mit sich fortschwemmte und in der Masse mitgewälzten Gerölles und Geschlämmes unkenntlich ganz und gar begrub. Dieser Buddho ficht leibhaftig wider den Buddhismus, wie der synoptische Jesus leibhaft wider das Christentum ficht, — oder vielmehr jener ficht wider den Buddhismus noch mit viel härterer Bestimmtheit wie dieser wider das Christentum, weil er mitsamt seiner religiösen Schöpfung sich in diesen Reden viel greifbarer und lebendiger erhalten zeigt wie der Christus in den Evangelien. Τἀλητὲς ἀεὶ πλεῖστον ἰσχύει λόγου, — dies von den Schülern Hegels einst dem Werk ihres Meisters als Leitspruch wohlbedacht vorausgestellte Kernwort des Sophokles verdiente wie kein zweites den heiligen Texten des Pâli vorausgestellt zu werden. Denn hier wie kaum noch sonstwo dauert das Wahre allein durch die Gewalt des Wortes: nur daß man, ehe man das ‚Wahre‘ dieser Reden unbefangen auf sich wirken lassen will, zuvörderst alle die ungefügen und grobschlächtigen Schlagworte vergessen haben muß, mit welchen seit Jahrzehnten jeder Europäer dumm geprügelt wird, der in Gesellschaft den Begriff Buddhismus zu erwähnen sich getraut. Diese Schlagworte fahren hier alle ungeschickt daneben und treffen statt den Nagel auf den Kopf nur die Finger des Hämmernden, der auf den Nagel zielte. Hat man es zum Beispiel niemals anders läuten hören, als daß der Buddhismus eine Religion, ja sogar die Religion schlechtweg des Pessimismus sei, so wird man zum eigenen Erstaunen den Buddho ganz im Gegenteil von einem unerschütterlichen Optimismus tief beseelt und besäligt finden, wie ihn vielleicht bisher kein Mensch von dieser schonunglosen Welt- und Lebenskenntnis zu vertreten wagte, — wenn ich dabei von Hartmanns immerhin vergröbernder Europäisierung dieses sinnreich verzahnten Pessimismus-Optimismus, Optimismus-Pessimismus absehen darf. Wirkt und lehrt doch dieser Buddho inmitten einer Welt, welche sogar ein Leibniz in Person als die ‚beste aller möglichen Welten‘ durchaus anerkennen müßte, und zwar eben darum, weil ein jedes ihrer Wesen und Geschöpfe grundsätzlich mit der Anlage zu einem Buddho ausgestattet ward und folglich zu der Hoffnung stets berechtigt ist, im Ablauf seiner Wiederverkörperlichungen stufenweis zu dieser übermenschlich-übergöttlichen Würde hinanzusteigen: wenn es nämlich dieses ernsthaft will! Und solch übermäßiger Optimismus gibt allerdings ein überraschend Gegenstück zu dem abgründlichen Pessimismus christlicher Gnadenwahl, die vor allem Anfang schon etliche Wenige für die Ewigkeit zur Säligkeit erkiest, eine unnennbare Mehrzahl jedoch gleichzeitig für die Ewigkeit verdammt.... Oder hat man fernerhin den Buddhismus jeweils als eine ausgemachte Praxis der Weltverneinung unserer europäisch vollbrachten Weltbejahung kurzerhand entgegengesetzt, so wird man nicht umhin können, selbst an dieser cause jugée stark irr’ zu werden, wenn man etwa den Buddho des Pâli-Kanons von einer so mütterlichen Zärtlichkeit erfüllt findet für alle Kreatur, wie sie gleich innig und gleich ausnahmlos kaum im Herzen unseres lieblichen poverello schlug: „O daß ich den kleinen verirrten Wesen ja nicht Schaden zufüge!“ So spricht meines Bedünkens bedingunglose Weltverneinung nicht; so zärtlich mitwesend und mitwebend spricht sie wahrlich nicht; so oder ähnlich hat es eher aus der Seele eines Weltverklärers, Weltliebhabers, Weltumarmers wie Jean Paul engelhaft gefiedelt und geharft. Weltverneinend hingegen im unmenschlichsten und verstocktesten Wortverstand erscheint durchweg der Kalvinismus, der jeden Eigenwert irdischer Erschaffenheiten ad majorem Dei, ad majorem Diaboli gloriam leugnet und in engster Übereinstimmung mit solch’ gehässigem Weltfühlen (wenn anders Max Webers vielbeachtete Untersuchungen über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus zu recht bestehen) den lieblosesten und darum auch weltvernichtendsten Typus Mensch in Gestalt des amerikanisch-europäischen Unternehmers heraufgezüchtet hat... Oder um ein letztes Beispiel anzuführen, man hat in dem Buddhismus schlecht und recht eine der geschichtlichen Spielarten des aus der Mystik aller Zeiten und Völker fließenden Quietismus zu erblicken sich gewöhnt, und wird jetzt, angesichts dieses Buddho, überraschend inne, daß Gotamo von der Person des dem Orden verpflichteten bhikkhu eine unausgesetzte Höchstanspannung und Höchststeigerung sämtlicher Kräfte des Leibes und des Geistes und der Seele fordert; eine Höchstanspannung und -steigerung, die, wenn sie auch nicht geradezu Arbeit im Sinn des europäischen Berufsmenschen zu nennen ist, doch auch erst recht nicht als Ruhe oder gar als Müßiggang, am ehesten vielleicht noch als ‚tätige Muße‘ bezeichnet werden darf, und die zu ihrem Teil den Mönch, dem es bitter ernst ist, ausschließlich Tag und Nacht beansprucht, bis jeder Rest von Kraft für andere Lebensäußerungen aufgezehrt ist. „Wohlan denn, ihr Mönche: unermüdlich mögt ihr da kämpfen,“ — das ist die Summe der Gebote, das ist das Gebot aller Gebote, in welches der Buddho selbst im Augenblick der Erlöschung die gesamte Lehre knapp und einprägsam zusammenfaßt. Und abermals untersteh’ ich mich zu behaupten, daß so kein Quietismus und nicht einmal die Mystik an und für sich sprechen würde!... Alle derartigen Formeln, die man sich bei uns zurechtgelegt hat zu einem bequem handlichen Verständnis des Buddhismus, versagen infolgedessen kläglich vor diesem Buddho, der zwar eine der größten, stolzesten, ewigsten Formen des Lebens, aber mit nichten eine Formel ist und am wenigsten eine bequem zu handhabende. Was vielmehr jede Rede des Kanons eindringlicher zu erkennen gibt, das ist eine Menschlichkeit schlechthin sui generis, die jeder Einordnung in eine species oder classis durchaus spottet: eine Menschlichkeit von einer wunderbaren Fähigkeit der Selbstbegütigung ganz ohne Vorgängerschaft und Nachfolgerschaft. Hier ist ein Mensch und nichts weiter als ein Mensch, der dennoch die unmenschliche Wirklichkeit der Welt vollkommen meistert. Meistert freilich um den notwendig zu entrichtenden Preis des Verzichtes, der Entsagung, — aber eines Verzichtes, einer Entsagung, die ihn wiederum keine einzige seiner echt menschheitlichen Eigenschaften kostet und ihn keinesfalls jenen frommen Ungeheuern zugesellt, welche zu ihrem Teil die Heiligengeschichte anderer Religionen so zahlreich wie widerwärtig bevölkern. Der düster lohende und rußig schwälende Kienspan Mensch, hier glüht er sich himmlisch rein zum mildschimmernden Lichtgleichmaß einer Metallfadenlampe. Er selber schafft einen luftleeren Raum um sich, er selber gießt eine gläserne Glocke um sich, damit er fortab von Luftdruck, Zugwind, Nässe, Staub, Schmutz, Ungeziefer unbewegt und unbetrübt bleibe...