Dieser Buddho des Pâli-Kanons contra den landläufigen Buddhismus, aber auch: dieser Buddho der südlichen Überlieferung contra die nördlich verherrlichten Scharen kosmischer und metakosmischer Mittlererscheinungen, die reihenweis geordnet und gestuft als Bodhisattvas, Dhyânibodhisattvas, Manushbuddhas, Dhyânibuddhas bis hinauf zu Mañdschuçri dem Demiurg, bis hinauf zu Avalokiteçvara dem Paraklet, bis hinauf zum Âdhibuddha dem schon wieder brahmanisch rückgedeuteten Âtman-Brahman einen katholischen Gnaden- und Errettunghimmel zwischen Mensch und Weltgrund göttlich füllen, — in solch’ ausgeprägter Gegenstellung darf man wohl eine der Ursachen vermuten, warum man auch bei uns die Reden des Gotamo Buddho ein Vierteljahrhundert lang nicht für der Rede wert hielt. Aber kaum dürfte dies die einzige Ursache gewesen sein und sicherlich nicht die ausschlaggebende. Noch kommt anderes dazu, das ernstlich beachtet sein will. Abgesehen nämlich von dem etwas hanebüchenen und derben Interesse, welches Theo- und Anthroposophie, Spiritismus und Okkultismus am Buddhismus als solchem zu nehmen pflegen, ein Interesse, welches unverhohlen zur dunkleren Hälfte geradezu der Magie, zur helleren Hälfte jedoch dem Apathanatismos gewidmet ist, — ich sage dies aber ohne jeden mißbilligenden Seitenblick oder Seitenhieb, weil es fürwahr eine Magie und erst recht einen Apathanatismos im Buddhismus gibt und beides sogar bei unserem Buddho! — abgesehen also von diesem eher irreligiösen als religiösen Interesse ist es im Abendland doch fast ausnahmlos das wissenschaftliche, das gelehrte Interesse gewesen, welches sich mit wachsender Vorliebe den Religionen des Ostens zugewandt hat. Diese wissenschaftlichen, diese gelehrten Interessen nun sind es, die in diesen Reden, wie ich vermute, weniger als sonstwo auf ihre Rechnung kommen. Gewiß gibt es keine historische, keine philologische, keine archäologische, kurz und gut überhaupt keine kritische Frage, die in Ansehung dieser gotamidischen Reden nicht mit ebendemselben Aufwand an Forscherscharfsinn aufzuwerfen und zu erörtern wäre, wie dies in Ansehung des Alten und Neuen Testaments längst geschah und immer noch geschieht. Und Karl Eugen Neumann selbst betrachtet es als erwünschtes, ob freilich auch noch fernes Ideal der Wissenschaft, einstmals die Reden des Kanons mit einem fortlaufenden Glossarium und Kommentar historisch-philologisch-archäologischer Feststellungen zu versehen. Wer fühlt indes gerade bei der Erwähnung solch gelehrtenhafter Ideale nicht vollkommen deutlich, wie belanglos sich alles bloße Wissen eben dieser religiösen Schöpfung gegenüber ausnehmen muß, die ihrerseit alles Forschen und Untersuchen als unwesentlich von der Hand weist, wenn anders es nicht mittelbar oder unmittelbar dem ‚heiligen Ziel‘ dient. Wie kaum ein zweites religiöses Dokument der Vergangenheit werben diese Reden des Buddho um religiöse Wertung, religiöse Stellungnahme, religiöse Verarbeitung: mithin just um das, was ihnen der Westen bisher am hartnäckigsten geweigert hat! An alle Bedürfnisse unserer Art darf sich der Buddhismus wenden, seien es selbst unsere rückständigsten, unsere unrühmlichsten, unsere niedrigsten. Nur wolle uns kein Buddho mit dem unbescheidenen Anspruch lästig fallen, daß er innerhalb dieser geographisch und kulturell abgegrenzten Zone, die gewohntermaßen dem Christentum und seinen erlöserischen Kräften allein vorbehalten ward, etwa seinerseit ein religiöses Werk zu vollbringen habe... Europa den Europäern! — dies ungeschriebene Gesetz, welches bei uns verhängnisvollerweise seinen Monroe noch immer nicht gefunden hat, tritt zwar gerade dann mit allzugroßer Leichtigkeit außer Kraft, wenn Europas Söhne blindwütig und menschenfresserisch im gegenseitigen Vernichtungkrieg begriffen sind und zu diesem frommen Ende die Völkerschaften aller dunkeln und dunkelsten Erdteile aufbieten. Aber Europa den Europäern, — das ist ein unbedingtes, unverbrüchliches Gesetz, wo sich’s um das uralt-unantastbare Grundvorrecht des Christentums handelt, dem europäischen Menschen ausschließlich von sich aus die ihm zukömmlichen religiösen Antriebe mitzuteilen: ist doch dies Christentum, wer weiß es nicht, von seinen ersten Anfängen Jesus, Paulus, Augustinus an das heimische Erzeugnis unvermischten Europäertums... Wie schändlich, ja wie hochverräterisch wär’ es da, auf solch ein streng umhegtes Leben sorgfältigster Inzucht den heidnischen Asiaten loszulassen!...
Inzwischen ist bei allem grimmigen Hohn über die abstoßende Heuchelei einer derart gehandhabten Monroe-Doktrin dennoch das Eingeständnis geboten, daß in dieser Abwehr gegen asiatische Einflüsse in unserer gegenwärtigen Lage ein gesunder Instinkt wachsam zu werden scheint. Aus hunderterlei Gründen dürften wir selbst dann keine Buddhisten werden oder auch nur zu werden wünschen, wenn dies überhaupt im Bereich unserer seelischen Möglichkeiten läge: das versteht sich für jeden Einsichtigen von selbst und bedarf keiner besonderen Beweise. Und auch das andere versteht sich gleichermaßen von selbst, daß nämlich auch der Buddho in den herrlichen Texten des Pâli-Kanons keine der furchtbar drängenden Aufgaben löst oder lösen hilft, die uns heute auf den Nägeln brennen und zu deren Bewältigung uns leider einstweilen noch alle Kräfte fehlen. Stumm bleibt uns auch dieser Buddho auf die Fragen,
wie wir den Staat abbauen und die Gesellschaft aufbauen sollen,
wie Staat und Gesellschaft wieder auf religiöse Grundlagen zu stellen wären,
wie der Staatenbund (oder Bundesstaat) europäischer Völker gegen die Dummheit und Bosheit dieser Völker selbst und mehr noch gegen die Ruchlosigkeit ihrer Führer zu erzwingen sein möchte,
wie neue Zellen späterer Vergemeinschaftung nach innerlichen Wachstumgesetzen in ihrem Entstehn begünstigt werden könnten,
wie die Wirtschaft zum Dienen und der Geist zum Herrschen zu bringen sei,
wie wir wieder zu einem beispielgebenden Adel (nicht der Geburt und nicht des Besitzes) kommen möchten,
wie wir Erzieher erziehen lernten,
wie den Henkern der europäischen Gesittung die Maske des Richters vom Gesicht zu reißen sei,