wie die lebenswichtigen Sachgüter am zweckmäßigsten erzeugt und am gerechtesten verteilt würden,

wie aus dem Gegeneinanderleben aller gegen alle wieder ein Miteinanderleben, Füreinanderleben zu entwickeln wäre, oder mit andern Worten

wie das losgelassene Mensch-Vieh wieder zu bändigen und die weltverheerende Masse zu ent-massen wäre, und so weiter, und so weiter...

Auf diese sämtlichen, beliebig noch zu vermehrenden Fragen bleibt uns der Buddho jede Antwort schuldig, indes wir uns wohl zu der Erwartung berechtigt glauben, daß eine Religion, die unserm innersten Bedürfnis eines Tages voll entsprechen würde, in großen Linien wenigstens die Wege auch in diese ungebahnte Zukunft zu weisen fähig sein müsse. Denn was war es doch in Wahrheit, das das Christentum unseres Mittelalters fast ein Jahrtausend lang in den Seelen unserer Ahnen so tief die Wurzeln hat einsenken lassen, daß niemand bis zur Stunde sie hat ergraben können? Das eine war es, daß dieses Christentum zwar im höchsten Betracht Religion war und dies sogar in einer durchaus weltjenseitigen Bedeutung, — daneben und außerdem aber just kraft seiner Eigenschaft als Religion gleichzeitig eine Lebens- und Gesellschaftformung größten Stils. Hier ging die Bruderschaft in Christo fast ohne eine Stelle merklicher Unstätigkeit in die Genossenschaft, in die Gilde über. Hier wuchs der geistliche Orden nicht selten sich zur machtvoll weltbeherrschenden Partei aus, — ich nenne nur den Namen Cluny, für die europäische Politik zeitweis geradezu ein Programm (und wieviel mehr noch und Entscheidenderes als nur ein Programm!), deutsche Kaiser vom Rang des dritten Heinrich zu manchem wichtigsten Entschlusse nötigend... Vollends der Priester aber oder Mönch, in jenen Tagen ganz ohne Zweifel eigentlicher homo religiosus, ist er nicht Lehrer und Gelehrter, Staatsmann und Verwalter, Grundherr und Städtegründer, Landwirt und Siedler, Lehensträger und Landesfürst, Geschichtschreiber und Geschäftsmann, Seelsorger und Richter in seiner einzigen Person? Eine solche Religion, daran ist nicht zu zweifeln, wird uns Europäern langsam, langsam wieder wachsen, eine Religion, die alle Wirklichkeiten wieder göttlich gründet, göttlich ründet, — oder wir werden eines Tages nicht mehr sein, weil eine solche Religion nicht mehr aus uns wachsen konnte. Und niemand in Ost und West wird uns diese späte Religion offenbaren oder vorleben, wenn wir nicht beides selber tun. Wofern wir also eine Tat, deren Vollbringen durchaus uns obliegt, von irgend einem religiösen Künder der Vergangenheit getan erwarteten, und heiße er Gotamo Buddho, gäben wir uns freilich einem unverzeihlichen Irrtum gefangen, und in diesem Fall wären offenbar diejenigen im Recht, welche uns in dem Gedanken an unsere höchste europäische Aufgabe warnend und abmahnend zuriefen: Europa den Europäern! Denn dieses Europa von übermorgen, blank gefegt von der großen Sturmflut, die heute über ihm zusammenbrandet, — dieses Europa unserer frömmsten Europäer-Sehnsucht wird uns weder von Indien noch von Syrien und Palästina her geschenkt; es wird allein aus unserm Leib gebaut und aus unserm Geist gefügt...

Nur mögen wir nicht vergessen, — bis diese Abtei Thelema errichtet sein wird, werden eher Jahrhunderte als nur Jahrzehnte vergehen, in welchen der Europäer auch religiös nur von der Hand in den Mund leben wird. Was aber den Buddho der Heiligen Texte des Pâli anlangt, so kommt er ja nicht zu jener künftigen Europa felix des Jahres 2200, sondern zu dieser gegenwärtigen Europa deserta. Er kommt mithin in einer Stunde, wo sich der Komplexus der abendländischen Gesellschaft in seine Elemente zersetzt und mit ihm gleichzeitig alle anderen Komplexe der Auflösung verfallen, welche vormals die geschichtlichen Verwirklichungen der Gesellschaft darstellten. Kurz, dieser Buddho nähert sich uns in einem Augenblick, wo alles lebendig Gewordene unserer Kulturzone verwest und wo nur endgültig schon Versteinertes diese Verwesung übersteht oder was zur Zahl der unsterblichen Grundeinheiten des Lebens gehört. In diesem Augenblick und in keinem anderen wird uns der Buddho zugeführt: und wer wäre flach und weltunkund genug, um hier an pure Zufälligkeit zu denken? Jetzt aber konnte, jetzt mußte es geschehen, daß eben die Religion, früher einmal die stärkste gesellschaftstiftende Tatsache überhaupt, von allen persönlichen Angelegenheiten des Lebens die persönlichste wird und höchstens noch auf sehr mittelbare Weise gesellschaftliche Erheblichkeit gewinnt. Religion, das ist heute (und auf absehbare Zeit hinaus) die Unruhe und Unstäte, die Ratlosigkeit und Schwerpunktlosigkeit der Einzelnen, Abseitigen und Vereinzelten. Aber gerade diesen Einzelnen, Abseitigen und Vereinzelten vermag nun der Buddho ungleich bedeutsamer zu werden als je einer geschlossenen Gemeinschaft, die auf unserem Kontinent bisher doch immer wieder auf die Heilslehren des Christentums zurückgriff. Dem Einzelnen, Abseitigen, Vereinzelten hingegen stellt sich der Buddho als eine religiöse Möglichkeit dar, welche von den religiösen Möglichkeiten des Christentums weder entbehrlich gemacht, noch widerlegt wird: eben diesem Einzelnen, durch Abseitigkeit und Vereinzelung empfänglicher Gewordenen und gleichsam religiös Bereiteten wird jetzt der Buddho nicht selten zum Ereignis, manchmal sogar zum Schicksal seines Lebens... Der einsam Bedrängte und Beklemmte, der in Anfällen grimmiger Verzweiflung an allem und zumeist an sich selbst etwa nach dem Majjhimanikâyo, nach dem Mahâparinibbânasuttam greift, wird unwiderstehlich durchwärmt von einem sanft wiegenden Gefühl der Weltgeborgenheit und Selbstunverletzlichkeit. Er findet sich beschwichtigt und geschlichtet, geeinigt und versöhnt, entspannt und zu sich selbst gebracht. Ihm wird zumut wie einem hitzig Fiebernden, dem eine linde Hand sich kühlend wie ein Umschlag auf die Stirne legt. Hier spricht uns (nunmehr ganz in unserer deutschen Zunge) ein Mensch zu, der jede Weltangst von sich abtat und jetzt wie aus dem Jenseit mit einer süßen Geisterstimme tröstend auf uns einsingt. Was wollen wir Umgetriebenen und Gehetzten, die wir zu liegen kamen, wie wir uns selber betteten? Hier gibt es Rat für hunderterlei Notlagen und Notstände, die schließlich insgesamt verursacht sind durch jene harte Selbstentfremdung, in welche wir Europäer uns zeitweis oder dauernd zu verlieren pflegen. Auf Grund einer seelischen Erfahrenheit ohnegleichen wird hier in einem Sinn Seelsorge betrieben und geübt, wie ihn der Abendländer bisher nicht und nirgends geahnt hat: und Seelsorger ist denn dieser Buddho auch in einer nirgends sonstwo anzutreffenden Vollkommenheit. Als Seelsorger gehört er längst nicht mehr seiner Rasse, seinem Festland, seiner Weltzeit (buddhakalpa) an; als Seelsorger gehört er der Menschheit schlechthin, gehört schlechthin ihm die Menschheit in ihrer zeitlosen Wesentlichkeit und Alleinschließlichkeit. Geschichtliche Wandlungen, welche seine Weisungen und Winke, wie man des Lebens Herr wird, außer Kraft hätte setzen können, gab es bisher nicht. Sie sind auch kaum ausdenkbar, und nicht einmal von kommenden Religionen Europas erwarte ich, daß sie dies tun werden. Unser eigenes religiöses Ziel könnte von demjenigen, welches sich der Buddho stellte, beliebig weit abweichen, ja es könnte ihm vielleicht geradezu entgegengerichtet sein, ohne daß dadurch die religiöse Allgemeingültigkeit dieser Seelsorgerschaft im mindesten nur beeinträchtigt oder geschmälert wäre. Wie ich persönlich mir diese religiöse Zielsetzung für ein späteres und besonnteres Europa vorstelle, habe ich (vorläufig noch freilich mit unzulänglichen religiösen Kräften) in den Mysterien der Gottlosen, Gestaltwandel der Götter, Sechste Betrachtung, darzulegen unternommen. Ebendort glaube ich wenigstens für unbefangene Leser (ich rede nicht von befangener Kritik) keinen Zweifel übriggelassen zu haben, daß diese europäische Zielsetzung einer mensch-göttlich zu vollbringenden Welt-Schöpfung der gotamidischen Zielsetzung zwar nicht geradewegs widerspricht, — denn Religionen widersprechen sich zuletzt noch nicht einmal dann, wenn sie anscheinend wie Nein und Ja zueinander stehen! — daß sie diese aber gleichsam in dynamischem, oder wie Platon vielleicht lieber sagen würde, in poietischem Betracht bei weitem noch übersteigt und übersteigert, übertrifft und überflügelt: ποίησις als Schöpfung, als Erschaffung buchstäblich genommen und verstanden. Dieses entscheidendsten und entschiedensten Unterschiedes beider Zielsetzungen jedoch unerachtet, könnte sich, ich wiederhole es, zu jenen drei ewigen Mysterien unserer europäisch gereiften Religiosität ohne die kleinste Gewaltsamkeit als viertes Mysterium der Buddho und seine Heilstat innig gesellen. Das gotamidische Mysterium der Seelsorge ist ein unvergängliches und immer wiederkehrendes, sogar dann erst recht, wenn es auf Europas Erde eines Tages mit einem zutiefst poietischen, zutiefst dionysischen Mysterium zusammen gefeiert werden sollte. Denn was uns auch in diesen entfesselten Zeitläuften zustoßen möge: die eine Hoffnung wollen wir Europäer uns doch heilig wahren, daß unser letzter Gott Dionysos nicht nur in dem Zwiegespräch mit Indiens Buddho, das diese kargen Blätter hier beschließt, das letzte Wort zu sprechen haben wird. Nur mit dieser Einschränkung bedeucht mich Nietzsches Ausspruch im Willen zur Macht ein zukunfterratender Wahrspruch, wonach „ein europäischer Buddhismus vielleicht nicht zu entbehren sein könnte.“ Niemals wird uns Europäern dieser Buddho der Herr sein, der er Millionen von Asiaten ist, wie uns denn auch der Christus selber längst nicht mehr Herr ist. Aber möglicherweis wird den Besten unter uns der Buddho wieder dazu verhelfen, daß sie sich selber wieder Herren nennen dürften, Herren des Diesseit und Herren des Jenseit und Herren all der bleichen Schrecknis, die uns zwischen beiden quält und ängstigt...

Ist demnach zwar nicht eigentlich der europäische Buddhismus, den Nietzsche für unentbehrlich hält, wohl aber der europäische Buddho mit Neumanns Eindeutschung des Pâli-Kanons geschichtlich in Erscheinung getreten, so wolle der Leser dies Werk als einen ersten Versuch bewerten, die Tatsache des europäisch umgestalteten Buddho religiös zu bezeugen. Wofern es mir an allen unumgänglichen Kenntnissen und Fähigkeiten gebrach, etwa als Wissenschafter, Forscher, Gelehrter zu diesem Ereignis Stellung zu nehmen, konnte ich mich desto unbehinderter und unbelasteter als homo religiosus mit Neumanns Buddho auseinandersetzen. Vermutlich hätte dieses Buch darum eines Tages auch dann geschrieben werden müssen, wenn die Anregung dazu von seiten des Herrn Verlegers ausgeblieben wäre: zu aufrüttelnd waren die Eindrücke dieser Reden aus dem Pâli, um nicht auf eine (einstweilen) abschließende Verarbeitung zu drängen. Stellte ich mir aber meine Aufgabe wesentlich als homo religiosus und kaum als Philosoph, am wenigsten als Historiker, dann ergab sich zwingend für die Form des Buches, diese religiöse Absicht so rein und voll und stark wie irgend nur zum Ausdruck zu bringen. In keinem Augenblicke durfte der Leser die Vermutung hegen, es handle sich hier um eine Vermehrung der belehrenden Schriften über diesen Gegenstand, — und alles, was den Leser vielleicht zunächst befremdet, alles, was ihn vielleicht sogar abstößt, ergibt sich streng aus der Notwendigkeit, eine religiöse Absicht nicht mit wissenschaftlichen Mitteln zu verwirklichen. Ein der Form nach Neues galt es hier zu schaffen, für welches in unserm Schrifttum nicht so leicht ein Beispiel oder Muster zu entdecken war. Als dieses Neue aber schwebte mir, seltsam genug! sofort etwas Ähnliches vor wie eine sehr freizügige, sehr eigenmächtige Übertragung jener Statue vom Boro-Budur, welche diesem Buch gleichsam als προοίμιον vorangegeben ist, aus ihrer bildhaften in eine worthafte Erscheinung. Ein Tempelbildwerk gleichsam umzusetzen in ein Tempelschriftwerk mit den Mitteln meiner Sprache und dadurch die plastische Gestalt zu wandeln in eine pneumatische Gestalt: das war, soviel ich selber davon weiß und wissen kann, mein heiß angestrebtes Ziel, — Tag und Nacht sah ich wenigstens nur noch diesen thronenden Buddho vor dem innern Auge, — Tag und Nacht, wer wird dies recht verstehen? war ich nur noch dieser Buddho... Unwiderstehlich fand ich mich gezogen zu jenem hieratischen Stil, der zuletzt einer ist in allen höchsten Versinnbildlichungen des asiatischen Gestaltungwillens: einer in den Sprüchen Lao-Tses und den Reden Gotamos, einer in den Veden und Upanischaden, einer in den Psalmen des Alten Testaments und in den Suren des Korans, einer in den Götterbildern und Tempeln Indiens, Chinas oder Japans. Diesen Stil freilich nachahmen zu wollen, wäre von allen europäischen Abgeschmacktheiten so ziemlich die abgeschmackteste. Aber muß er sich schließlich nicht auch bei uns gesucht oder ungesucht einstellen in dem Maß, als wir wieder zu begreifen beginnen, was Religion ist? Fünf oder sechs Jahrhunderte haben dies immer gründlicher vergessen lassen, und das Ergebnis war die Zerbröckelung jeder großen Form im Leben noch mehr wie in der Kunst. Sobald indes Religion wieder in uns lebendig wird, — wie kann sie sich dann wohl anders ausdrücken als in der echten Sprache der Religion, die wir europäischen Ästheten abwegig und unzutreffend genug eben nur als ‚hieratischen Stil‘ zu bezeichnen wissen?...


DIE ERSTE UNTERWEISUNG:
BUDDHO DER PROTESTANT