»Und Sie, Sie, Herr Doktor?«

Gotthard sah aus Annas Gesicht, in dem eine wundersame Mischung von zornigem Trotz, Triumph und Glück lag.

»Können Sie fragen?« stotterte er in unbeschreiblicher Verwirrung, und sich fragend, ob er träume oder wach sei ... »ich, o mein Gott, ich möchte ja vor Ihrer Tochter auf die Knie fallen, um ihr zu danken, daß sie mir das Leben zurückgibt — und welches Leben voll Glück!« — —

Es war besser, daß Gotthard nicht dazu überging, vor Anna zu knien; sie bedurfte ja seiner gehend, hoch aufgerichtet stehend in diesem Augenblick: sonst hätte sie sich nicht an seine Brust werfen und ihr Antlitz daran bergen können ... und das mußte sie doch, ein übermächtiger Drang zwang sie dazu, dies glühende, erregte Antlitz mit allem, was von Trotz und von Scham, von ängstlicher Verwirrung und von Glück darauf lag, an Gotthards Brust zu verbergen.

Die Mutter trat ins Zimmer und blickte wie versteinert auf die Gruppe. Herr Espenbeck sagte ihr, unter dem Einflusse des erlebten Augenblickes noch wirr und kaum verständlich die Worte durcheinander werfend, alles.

Höchst betroffen schaute die kleine Frau darein. Die Blicke, welche sie auf Anna richtete, hätte wohl nur diese verstanden, wenn sie sie jetzt hätte sehen können.

»Du sagst nichts?« rief Espenbeck aus.

»Daß du einmal dich ins Unglück bringen würdest, hab' ich längst gesagt,« versetzte verdrossen die kleine Matrone. Und das war alles, was sie sagte. Auch blieb sie den ganzen Abend auffällig schweigend, ging aber sehr bereitwillig nach einer halben Stunde am Arm ihres Mannes zum Pfarrer der alten Kirche hinüber, um Gotthards und Annas Aufgebot da zu bestellen.

Gotthard nahm am späten Abend Extrapost, um in der Nacht den Herren von der Aushebungskommission nachzufahren. Als er am Ziel angekommen, fand er im Speisezimmer des Gasthofes den Adjutanten noch hinter der Flasche sitzen — er hatte einen alten Kameraden, einen Hauptmann a. D., vorgefunden und die beiden Herren hatten sich trotz der späten Stunde immer noch nicht trennen können.

»Ah, Doktor, Gott sei gelobt, der Doktor!« rief der Adjutant aufspringend aus, als er Gotthard gewahrte; in seiner weinseligen Laune schloß er ihn herzlich in seine Arme — und rief weiter: