Aber auch kein Wunder, daß in unsern spekulativen Zeiten hie und da, und jetzt vor Jahren schon eine Industrie sich entwickelt hatte, welche dieses Widerstreben ausbeutet und dem einzelnen Mittel und Wege, in seinem unverjährbarsten Menschenrechte unbehelligt zu bleiben und »frei zu kommen«, bot.
Diese Industrie ward von ländlichen Schlauköpfen oder auch städtisch gebildeten Intelligenzen in der Weise geübt, daß sie in den betreffenden Kreisen Erkundigungen über diejenigen, bei denen der Wunsch, dem Dienste zu entgehen, besonders lebhaft laut ward, und über die körperliche Tüchtigkeit derselben einzogen. Hie und da unterstützte ein Winkelarzt, ein alter Chirurg ihre Bemühungen; sie selbst kannten die Grundsätze, nach welchen die Militärärzte verfahren; und so boten sie denn den jungen Leuten, deren Zustand ihnen Chancen verhieß, ihre Vermittelung an; sie versprachen, sich unter vier Augen freundschaftlich mit dem Aushebungsarzt benehmen zu wollen, wozu dann natürlich eine hübsche, runde Summe gezahlt werden mußte. Leider ist, namentlich auf dem Lande, die Vorstellung von der unerschütterlichen Ehrenhaftigkeit alles dessen, was dem Staate dient, nicht so tief in die Gemüter gedrungen, wie sie es sein sollte — dieser Staat selbst ist eben ein wenig zu langsamer und vielfordernder Natur. Und da den Staat zu hintergehen für keine große Sünde gilt, fanden jene Schwindler vielfach Glauben und Geld!
Sie ließen nun ruhig die Aushebung vor sich gehen, und wenn das Ergebnis derselben ihnen kund geworden, zahlten diese Biedermänner denen, welche tauglich befunden und eingestellt worden, ihr Geld höchst gewissenhaft zurück, »weil sich leider der Militärarzt unzugänglich erwiesen«; denen, welche man unbrauchbar befunden, weil sie es wirklich waren, klopften sie vertraulich lächelnd die Achsel — sie waren ihrer bleibenden Dankbarkeit so gewiß wie des Geldes derselben, das in ihrer Tasche blieb.
Es würde das den Anteil des Arztes an dem Aushebungsgeschäft zu einer unangenehmen Sache gemacht haben, würde sie das nicht schon an und für sich. Daß man geradezu Bestechungsversuche bei ihnen machte, war freilich seltener — obwohl auch das just nicht zu den nicht vorkommenden Dingen gehörte. Es war wenigstens sicher, daß sich der weltkluge, vermögende und vielerfahrene Inhaber des ersten Gasthofes in dem Städtchen, welchem unsere Aushebungskommission eben zufuhr, in dieser Beziehung von seiten seiner Mitbürger im stillen eines allgemeinen Vertrauens auf seine Gewandtheit erfreute.
II.
Die Extrapost mit den vier aushebenden Herren hielt vor dem »Goldenen Löwen« zu G.; Herr Espenbeck, der Wirt, ein stattlicher Mann, elegant gekleidet und von selbstbewußter Haltung, empfing sie mit einer würdigen Zuvorkommenheit und führte den General auf die für ihn bestimmten Zimmer, die nach dem Marktplatz der Stadt hinausgingen und sehr schön und vollkommen modern eingerichtet waren. Die Kellner wiesen die anderen Herren auf ihre Zimmer; Herr Espenbeck aber erschien gleich darauf auch bei ihnen, um sich zu überzeugen, daß alles zu ihrer Bequemlichkeit in gehöriger Ordnung sei.
»Die anderen Herren,« sagte er dabei in dem Zimmer des Stabsarztes, während dieser ging, die auf den Garten hinausgehenden Fenster zu öffnen und die frische Abendluft hereinzulassen, »die anderen Herren haben mir bei ihrer vorjährigen Reise bereits die Ehre ihres Besuches geschenkt — kommen wohl zum ersten Male in diese Gegend?«
»Allerdings,« versetzte der Arzt, ein auffallend hübscher junger Mann mit sorgfältig gescheiteltem, reichem, dunklem Haar und sehr lebhaften dunklen Augen, »ich bin erst seit einem halben Jahre Stabsarzt und mache zum ersten Male das Aushebungsgeschäft mit ... bitte, wollen Sie sich nicht setzen? Der Herr Landrat hat uns gesagt, daß wir auf unserer Reise nirgends so vortrefflich aufgehoben sein würden, wie bei Ihnen; Sie haben in der Tat ein sehr schönes Haus, und der Ausblick hier auf Ihren prächtigen großen Garten ist reizend.«
»Es freut mich, daß Sie das finden,« versetzte geschmeichelt Herr Espenbeck; »mein Haus besitzt allerdings einen guten Ruf, und ich bin dem Herrn Landrat verbunden, wenn er ihn bestätigt; ich hoffe auch, daß Sie zufrieden sein werden; ich habe leider keinen Vorrat von dem Chateau d'Yquem mehr, der im vorigen Jahre dem Herrn General so sehr mundete, und ich bin in Verzweiflung, daß es mir nicht gelungen ist, in der Hauptstadt Schwarzwildbret aufzutreiben, ich habe zweimal darum telegraphiert, aber es ist nicht gekommen, und da man in dieser Jahreszeit kein anderes hat ...«