»Aber Sie halten uns in der Tat für große Gourmands, Herr Espenbeck,« antwortete der junge Arzt, dessen Miene sich eigentümlich bewegt zeigte, dessen Wesen etwas Unstetes, Unruhiges hatte ... es schien dem Wirt aufzufallen, da er ans Fenster trat und sich nun mit der rechten Schulter an den Fensterflügel lehnte, so daß seine Züge beschattet wurden, während er den Vorteil hatte, die des jungen Mannes, der mitten im Zimmer stand, im hellen Lichte beobachten zu können.
»Was mich angeht,« fuhr der Stabsarzt fort, »so bin ich auch ohne Chateau d'Yquem und Schwarzwildbret sehr leicht zu befriedigen; ich bin nicht eben verwöhnt, meine Erziehung ist nicht danach gewesen; mein verstorbener Vater, der von einer Landpraxis lebte, hinterließ mir kein Vermögen, ich hätte nicht einmal studieren können, wenn ich nicht die Aufnahme ins Friedrich-Wilhelm-Institut erlangt hätte ... Sie kennen das, ich bin infolgedessen nun gebunden auf acht Jahre — acht Jahre Militärarzt — doch habe ich schon jetzt eine kleine Zivilpraxis; neben der Berufstätigkeit und dem Studium, das man zum Fortschreiten mit der Wissenschaft gebraucht, ist das zwar sehr anstrengend, aber ich scheue die Arbeit nicht; wenn man arm und ehrgeizig ist und den Drang, sich emporzuarbeiten hat ...«
Während der junge Mann mit einer gewissen Spannung in den Zügen und die Augen bald zu Boden schlagend, bald auf den Wirt richtend, dies alles sehr rasch aussprach, hatte Herr Espenbeck ihn scharf und mit einem überlegenen Lächeln fixiert; er wollte eben antworten, als das letzte Wort des Arztes schon durch den lauten Ruf: »Herr Espenbeck, Herr Espenbeck,« den draußen auf dem Korridor ein hastiger Kellner erhob, abgeschnitten wurde; Herr Espenbeck machte eine Verbeugung, und mit einem: »Ich bitte um Entschuldigung,« eilte er davon, um zu sehen, wo man seiner bedürfe.
Draußen auf dem Korridor rieb er sich lächelnd die Hände.
»Soviel ist klar, mit dem Manne ist ein Geschäft zu machen,« sagte er sich dabei; »der gibt einen Wink mit der Scheunentür, daß ein Esel es sehen müßte. Er erzählt mir seine ganze Lebenslaufbahn, er sagt, er sei vermögenslos, ehrgeizig, wolle vorankommen — und das in der ersten Minute, wo er mich sieht — und das mit scheuen, unsteten Augen — sich bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuße wiegend — liebster Herr Stabsarzt, eine Zivilpraxis mögen Sie haben, aber in anderen Dingen scheinen Sie noch nicht viel Praxis zu haben ... wenn auch auf dem besten Wege dazu!«
Die Treppe hinuntereilend, fiel ihm ein, daß dieser »Wink mit dem Scheunentor«, den der junge Arzt ihm gegeben, um ihm entgegenzukommen, darauf hindeute, daß sein Ruf als Vermittler gewisser das Licht scheuender Transaktionen doch schon eine gewisse Verbreitung gewonnen, sonst hätte der Arzt ihm wohl nicht so viel gesagt; das fiel ihm nun doch ein wenig schwer aufs Herz. Wir müssen doch vorsichtig sein! sagte er sich.
III.
Der Garten hinter dem »Goldenen Löwen« mußte dem jungen Arzte in der Tat sehr anziehend vorkommen, denn als Herr Espenbeck ihn verlassen, setzte er sofort seine Militärmütze wieder auf und eilte hinaus, um sich in diesem Garten zu ergehen. Aber ohne sich um Blumen, Gesträuche, Rasen und ausländische Bäume zu kümmern, warf er nur einmal einen Blick um sich und schritt dann über die bekiesten Pfade rasch dahin. Kannte er den Garten, daß er so sicher hier einer bestimmten Richtung folgte? Wer konnte ihn ihm beschrieben haben? Jedenfalls zeigte er sich vortrefflich orientiert; er folgte einem geschweiften Wege durch ein Boskett am Ende des Gartens nach rechts und gelangte so an einen aus Fachwerk aufgebauten und dicht mit wildem Weine umrankten Pavillon von sehr bescheidenen Dimensionen. Hier löste sich das Rätsel. Zwischen den Kübeln mit rotblauen Hortensien, welche rechts und links die Treppe dieses Pavillons schmückten, unter den tief niederhängenden, wie nach ihr hinablangenden Ranken stand eine andere Blume, eine fleur animée, ein reizendes junges Mädchen, im leichten, grün und weiß gestreiften Sommerkleide, lebhaft mit ihrem grünen Sonnenschirm winkend und nun, da der Arzt schon der Treppe nahe war, ihren Schirm hinter sich werfend und die Stufen hinabfliegend, um sich ihm in die Arme zu werfen.
»Gotthard! bist du's?« flüsterte sie, mit einem vor Freude und Bewegung strahlenden Gesicht zu ihm aufblickend.
Er hatte das Haupt zu beugen, um, während er die zierliche Gestalt umschlang und an sich drückte, ihre reizende, kindlich vorgewölbte Stirn küssen zu können, und dann diese schwellenden und — so geduldigen Lippen zu küssen.