Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier, daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B. in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern sieht in ihr—so wenig es auch zutreffen mag—eine Durchgangsstation zur Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist nicht der Mann gemeint,—er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der bürgerlichen,—sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten.
In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.514 Die Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,—so jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt, und es stellte sich übereinstimmend heraus515, daß der weitaus größte Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 % in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 % aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt wurden,—unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende allgemeine Direktiven zu geben,—zeigte es sich, daß die Ehemänner dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie, thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78 Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von mir zusammengestellt wurden:
Bezirk
Anteil der Ehemänner
in Prozenten
Wochenlohn
der Ehemänner
Anteil der Frauen
in Prozenten
Wochenlohn
der Frauen
Danzig
--
10-20 Mk.
--
5-10 Mk
Elbing
3
unter 5 "
47
7 "
25
" 10 "
53
10,76 "
71
" 15 "
--
--
Berlin- Charlottenburg
--
durchschnittlich: 19,50 Mk.
von 12-30 Mk.
--
--
Oppeln
--
6,72-11 Mk.
--
3,60-7,51 Mk
Magdeburg
--
--
25
unter 7 Mk