Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles, am 15. März 1782.
Verehrteste Frau Marquise. Im Auftrage meiner erhabenen Gebieterin, Ihrer Majestät der Königin, habe ich die Ehre, Ihnen dero allerhöchste Wünsche ganz ergebenst zu unterbreiten.
Ihre Kaiserlichen Hoheiten, der Großfürst Paul von Rußland und seine Gemahlin, die Großfürstin Maria Feodorowna, geborene Prinzessin Montbéliard, gedenken im Mai den französischen Hof durch ihren Besuch auszuzeichnen, und Ihre Majestät will alles daran setzen, um den erlauchten Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie bittet daher die Frau Marquise Delphine Montjoie als Jugendgespielin Ihrer Kaiserlichen Hoheit während der kommenden Monate die Gastfreundschaft des französischen Hofes gleichfalls akzeptieren zu wollen.
Bis hierher schreibt Ihnen, schönste Delphine, nur die von einem höheren Willen in Bewegung gesetzte Feder, und jetzt erst tritt Guy Chevreuse persönlich in Aktion, um seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben, daß auch die liebenswürdigste Bitte einer Königin selbst für die stolzeste Marquise einem Befehle gleichkommt, und daß Ihnen im Augenblick, wie ich vorsichtshalber schon vorher in Erfahrung brachte, jede Begründung eines möglichen Ungehorsams fehlt. Ich durfte mich in Larose selbst überzeugen, daß Sie nicht den Schleier zu nehmen willens sind, denn statt mit dem Rosenkranz für fromme Nonnenhände, sah ich Sie mit einer Kette aufgereihter Männerherzen grausam spielen. Immer, wenn ich hoffte, Sie hielten das meine fest, ließen Sie wieder ein anderes durch die weißen Finger gleiten. Ich weiß auch, daß Sie in Straßburg nicht so auf der Höhe der allerneuesten Mode stehen, um sich durch eine Turteltauben-Ehe fesseln zu lassen, und daß Sie nicht zu den Getreuen Cagliostros gehören, schon weil der Herr Marquis dazu gehört. Ich traf ihn erst gestern in der Loge des Großmeisters, wo die reizendsten Frauen und die vornehmsten Kavaliere in schauerndem Entzücken der Mysterien harren, die ihnen der wieder erstandene Priester der Isis enthüllen will.
Was mich zu ihm trieb? Die Spielleidenschaft –, sein Schmelzofen ist wie Würfel und Karten: er schafft und er verschlingt Vermögen. Die Neugierde –, in der Welt, die wir bis zur Neige ausgekostet zu haben glaubten, sind die okkulten Wissenschaften die neue, große Sensation. Überdies: ein Priester, der Gold macht, bekehrt selbst den ärgsten Ketzer, um so mehr, wenn Seine Hochwürden, der Kardinal von Straßburg und Großalmosenier von Frankreich seinen Segen dazu gibt.
Man könnte glauben, Cagliostro wäre ein heimlicher Agent der Condorcet und Mirabeau: er betäubt mit seinen Hexenkünsten ihre Gegner, er fasziniert die Geister, er schläfert alles Mißtrauen ein, er lenkt die Einbildungskraft von der Nüchternheit des öffentlichen Lebens ab. Glauben Sie, es würde sich in Paris noch irgend jemand über die Belagerung von Gibraltar aufregen, wenn jeder Mann Gold machen könnte und jedes Weib das Elixier ewiger Jugend besäße?!
Wir sind in Trianon schon mitten in der Vorbereitung reizender Aufführungen zu Ehren der kommenden Gäste. Herr von Calonne, der mit den Finanzen Frankreichs die Griesgrämigkeit aller seiner Vorgänger erbte, – genau wie ein petit-maître seinen Witz verliert, wenn er anfängt, seine Schulden nachzurechnen –, sagte neulich mit düsterem Stirnfalten zur Königin: »Sie tanzen auf einem Vulkan, Majestät.« »Wenn wir nur tanzen!« lachte sie, »und das Parkett glatt genug ist. Was kümmert es mich, was sich darunter versteckt!« Und Cherubins Romanze trällernd, ging sie dem König entgegen, dem bei dem Ton des verbotenen Liedes jedesmal die Zornader schwillt.
Ich dagegen dachte noch immer mit einem angenehmen Schauder an den Vulkan. Mir scheint es weit reizvoller, mit einem Feuerwerk in die Luft zu gehen, als ängstlich in das Tal hinabzukriechen.
Was meinen Sie dazu, schönste Frau?