Sie ist so rein, – aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie zu beschmutzen. Sie ist so tief –, aber die spürende Lüsternheit rings um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen. Sie ist so heilig –, aber das ekle Gezücht der Hofschranzen wird alles daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir müssen sie retten –, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der Welt.
Drüben, in der Nähe der Wälder, deren üppige Pracht noch keines Menschen rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Händen ihre Schätze entgegenträgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schöne sich entfalten können.
Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinüberträgt, und weiß hundert Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz entscheiden!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris, den 9. Juni 1782.
Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen Lippen, von dem ich nicht begreife, daß ich ohne ihn, der mich erst zum Leben erweckte, jemals habe atmen können! – und schon muß ich in Gedanken wieder bei Ihnen sein.
Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als stünden sie in Marmor gemeißelt vor mir: »Es kann nicht sein. Es wäre der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage,« sagten Sie. »Ich habe ihm viel zuleide getan und er hat schließlich Alles ertragen. Er ist mir in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu erinnern, daß er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er gegenüber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er durfte. Jetzt ist er krank und vergrämt, – ich würde mich ihm gern in Freundschaft nähern, wenn ich nicht fürchtete, daß er es anders auffassen könnte –; nur eins kann ich für ihn tun: den Skandal, den er über alles fürchtet, von ihm fern halten.«
Und dann, als Sie fühlten, wie Ihr »Nein« mich traf, sangen Sie mir unter Küssen und Tränen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr es noch nie vernommen haben kann.
»Ich habe nie aufgehört, mich der Ehe zu schämen,« begannen Sie, »das verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe muß zwischen zwei Menschen das größte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien ist. Auf den schwindelnden Höhen hoher Berge, die nur die Stärksten erreichen, in der Stille grüner Wälder, zu denen nur Weltflüchtige die Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort dürften nur wenige im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.«