Wie Du mich glücklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berührt! O, daß ich jetzt die Flügel hätte, die Monsieur Blanchard der kommenden Menschheit prophezeite!

Es bedurfte nicht mehr Deiner rührenden Bitte; meine eigene brennende Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde über Montbéliard, wo meine Anwesenheit dringend nötig ist, – seit dem Tode meiner guten Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen –, im Laufe des nächsten Monats nach Straßburg gehen. Die Geschäfte, die ich dort in Verbindung mit meinen Besitzungen im Elsaß habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.

Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in Berührung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände zweifelt niemand – außer dem Hof von Versailles! Die Königin tanzt und spielt Theater –, selbst die Wohltätigkeit, die sie ausübt, sieht einem sentimentalen Rührstück ähnlich. – Der König jagt, und empfängt, um sein Verständnis für den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und – wenn er reich genug dazu ist – adelt. Dann reden die Träumer wieder ein paar Tage lang von der »Leutseligkeit des Monarchen.«

»Die Schwäche, die weder das Übel zu verhindern, noch das Gute zu fördern weiß, befestigt die Tyrannei« –, für diese Sentenz ist Diderot kürzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!

Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttäuscht zurück. Man muß in seinen Ansprüchen sehr bescheiden geworden sein, um ihn für bedeutend zu halten. Er läßt sich vom Strom der öffentlichen Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natürlich außerstande, ihn in die richtigen Bahnen einzudämmen. Eine überraschende Erscheinung ist seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nüchternen Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schöne Gestalt versöhnen mit ihrer sonstigen Häßlichkeit. Ihre überlegene Klugheit zwingt zur Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht ohne Mitleid mit den Männern der Zukunft möchte ich sie für einen Typus kommender Frauen halten. Wie glücklich preise ich mich, daß ich die holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen darf!

Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der Familie Necker ließ auf seine Intimität im Hause schließen, was mich nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in Erstaunen setzte. Der Reiz Fräulein Neckers besiegte alle Bedenken der Überzeugung! Männer wie er sind zugleich die Voraussetzung und die Konsequenz solcher Frauen.

Weißt Du, Geliebteste, daß ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?! Vor Dir werde ich zum Schwätzer: jedes kleinste Ereignis, jedes vorüberhuschende Gefühl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das Bedürfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Etupes, den 26. Oktober 1782.