Straßburg, den 11. März 1783.
Tränen, Geliebte, habe ich dir erpreßt – zum ersten Mal! Ich würde mich töten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen könnte, aber zu handeln vermag ich nicht anders, selbst wenn ich weiß, daß Du darum weiter weinst!
»Ich gebe mich Dir ohne Reue hin,« sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du denn nicht, Delphine, daß eines Weibes Liebe alles heiligt, während über der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich weiß recht gut: Die Hofherrn von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als möglich zu betrügen; ihr Ehrgefühl steht auf derselben Stufe wie das Gefühl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schämen. Ich aber fühle es mit wachsender Angst: die täglichen, häßlichen Heimlichkeiten, die verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine große Liebe zu Dir in den Schmutz der Auffassung jener Männer herabzuziehen.
Ich muß fort, nicht weil ich aufhörte, Dich zu lieben, sondern weil ich Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht. Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glücks unserer Liebe froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewiß, wirst Du mich verstehen lernen.
Über die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses schrecklichen inneren Aufruhrs außerstande. Nur eins ist mir gewiß: daß nichts, am wenigsten die äußere Entfernung, uns zu trennen vermag.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris, den 6. April 1783.
Wie hätte ich mich in Dir täuschen können? Mit solcher untrüglichen Sicherheit würde Liebe nicht wählen, wenn Du nicht alles erfülltest, was ich von Dir träumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen –, gleichgültig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder nicht –, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig täglich aufpeitschen.
Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind schlechter denn je, – es gibt kaum noch einen Bauern, der für ihre Ausbesserung Frondienste leisten will –, zuweilen sogar in offenbarer Absicht mit großen Steinen besät. Zweimal brach infolgedessen ein Rad meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in zerlumpten Röcken, die mit den Händen in den Hosentaschen zusahen, wie meine Diener sich mühten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner Herberge verweigerte man mir Futter für die Pferde; schon gab ich Befehl zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gespräch mit dem Kutscher es mir aufdrängte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette genügt, ihn umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tönten mir noch lange ihre Rufe nach: »Es lebe die Freiheit!« – »Es lebe die Republik!«
Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse war trotz ihres Verbots in aller Händen. Sie ist eine glänzende Leistung voll Mut und Feuer, die die persönlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen läßt. Es gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Kühnheit von so überwiegender Bedeutung sind, daß sie alle anderen Tugenden aufwiegen.