Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Montbéliard, den 25. Juli 1784.

Das war ein böser Ritt: in der schwülen Nacht, die fern am Horizont nur fahle Blitze hie und da erleuchteten, das Herz von Kummer schwer, die Stirne heiß von Zorn. Zorn auf Dich, meine süße Delphine, die Du unser Glück zerstörst aus lauter grausamer Güte!

Weil einem alten Manne plötzlich die Laune packte, sich mit seinem schönen jungen Weib der Welt zu zeigen, warst Du sofort bereit, ihm zu willfahren? Du behauptest ihm Dank schuldig zu sein. Wofür?! Weil er Dir Freiheit läßt. Tut er es vielleicht aus Güte, oder nicht vielmehr aus Selbstsucht? Er stört Dich nicht, weil er in seinem dunklen Beginnen nicht gestört sein will. Und weil er unsere Beziehungen nicht sieht, nicht sehen will, hältst Du ihn für einen entsagenden bewundernswerten Freund. Ich halte ihn für einen jämmerlichen Feigling! Dir erscheint als ein bescheidener Wunsch, worin ich die Geltendmachung verbriefter Gattenrechte sehe. Er kümmert sich nicht um Dich, solange es ihm paßt, er fordert Dich, sobald die greisenhafte Lust ihn reizt. Und Du beugst Dich seinem Verlangen! Mich, den die Natur selbst Dir angetraut hat, dem Du allein gehörst im Namen ewiger Liebe, mich ließest Du von Dir gehen!

Du sagst, der Marquis sei unglücklich. – Auch zu einem großen Unglück gehört ein großer Mensch; dieses Mannes Unglück ist klein, kalt, verächtlich, und Du willst ihm unser großes, heißes überreiches Glück opfern?!

Du sagst, er ertrüge es nicht, wenn Du den Mut der Wahrheit hättest. Was wäre verloren, wenn er wirklich daran zugrunde ginge? Gibt es auch nur einen einzigen Menschen, dem er unersetzlich wäre? Würde er eine Lücke hinterlassen, die kein anderer auszufüllen vermöchte?

Ich liebe Dich um Deiner rührenden Güte willen, die niemanden wehe zu tun vermag, um Deiner sorgenden Liebe willen, die alles Schwache und Alte schützt und pflegt. Wo wäre ich heute ohne Deine weichen zarten Hände?! Aber das Leben, Geliebte, ist männlich und hart, der morsche Stamm kann nicht erhalten werden, wenn junge Bäume zum Licht verlangen, und den alten Staat, der schon in seinen Grundvesten zittert, dürfen wir nicht stützen, wenn er einem neuen Geschlecht zu eng geworden ist.

Wir werden Monate getrennt sein und wollen einander auch nicht mit brieflichen Klagen und Vorwürfen quälen. Aber prüfen sollst Du, Geliebte, Dein Herz, damit Du zu entscheiden vermagst, wenn wir uns wiedersehen. Er oder ich –, das ist die Frage, die ich Dir stelle.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris, den 30. September 1784.