Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst, sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhüllt von gewitterschwüler Sommernacht? Mit dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit näher zu kommen.

Noch einer Begegnung muß ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem Journal de Leyde, einen einflußreichen Posten bekleidet, interessiert er mich, und ich nötigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwälzt, wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzählte überhastig, was Dir einst an dieser Stelle begegnet ist, Als ich ihm sagte, daß Du Dich wieder eines Sohnes freutest, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Hast Du gewußt, daß er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt, Vermöchte Dich nicht zu lieben!

Ich wage noch kaum zu hoffen, daß Du wirklich in vier Wochen schon hier sein willst, – Du und Dein Kind – unser Kind, Delphine!

Warum nur die Vorsichtsmaßregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis deine Korrespondenz überwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig ähnlich!

Ich schließe Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris, den 20. Mai 1786.

Meine Liebe. Nachdem ich im Hotel des Rois ein geeignetes Quartier für uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als möglich von Froberg abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die nötigen Anweisungen erteilt, an denen nichts geändert werden soll. Die Benutzung der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd stürzte und der Kutscher in einem nahen Gehöft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der Bemerkung: »Die Zeiten sind vorüber, wo der Edelmann, wenn er keine Gäule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte.« Die Postreisenden, die ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.

Sie werden übrigens während der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als ich Ihr übertriebenes Mitgefühl, das uns alle Bettler nach Froberg lockte, zu bekämpfen versuchte. Überall begegnet man jetzt offenbaren Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Häusern, gepflegteren Feldern, behäbig gekleideten Leuten.

Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar. Je mehr man dem Pöbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm, wirkt die Schwäche des Königs und die Angst des Finanzministers vor gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwärts zu treiben. Der Prozeß Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurück. In diesem Fall fühle ich mich auf seiten des brüllenden Pöbels vor dem Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.