Daß ich diese Sieger kommender Schlachten fand, mit ihnen Schritt halte, die Erfüllung unserer Hoffnung in der eigenen Hand habe, weil ich handle – das läßt mich des Lebens froh werden. Meine letzte Brochüre »Nieder mit der Bastille!«, die ich anonym erscheinen ließ, – man liefert sich nicht leichtsinnig ans Messer der anderen, wenn man das eigene wetzen muß, – wurde konfisziert. Aber Hunderte hatten sie schon gelesen; Tausende wissen heute, daß die Bastille kein bloßes Bauwerk ist, von veralteten Kanonen und halben Invaliden bewacht, sondern der Staat selbst.

Verzeihen Sie mir, Frau Marquise! Meine Feder ist so sehr an Freiheit gewöhnt, wie ich. Ich wollte Sie nicht erschrecken, die Sie auf einem anderen Sterne leben. Wenn ich es könnte, würde ich nur für Sie diesen Stern erhalten wollen. Aber er ist ja auch Ihnen kein Glücksstern.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Paris, den 4. Juli 1786.

Teuerste Delphine! Trotzdem ich in der Dämmerung des Zimmers Deine Hand in der meinen halten, Deine weiche Wange leise mit meinen Lippen streifen konnte, bitte ich Dich, die Besuche bei Herrn von Puységur aufzugeben. Du bist nicht stark genug, um den Reden der Somnambulen mit der Ruhe gefestigten Geistes zu begegnen. Und ich selbst gestehe zu, der Eindruck, den das arme Bauernmädchen der Vogesen hervorruft, wenn sie aus dem Schlafe spricht, ist erschütternd. Ich habe sie heute nur im Beisein von Herrn von Puységur geprüft; sie erzählte Szenen aus dem amerikanischen Feldzug, die nur ich so deutlich hätte schildern können, und als wir sie nach der Zukunft fragen, befiel sie wieder jene quälende Angst. Sie stammelte: »Blut – Blut«, sie schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Gräßliches sähe; sie ging auf Fußspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, »das Blut steigt – steigt« stöhnte sie.

Ich würde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen, als den Wahnsinnsausbrüchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich beweisen läßt, – wir haben nachgerade eingesehen, daß Holbachs System de la nature mehr das Produkt menschlicher Überhebung, als menschlicher Weisheit ist! –, wenn nicht überall Phänomene auftauchten, wie dieses. Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine Ähnliches erlebt; eine kleine Tänzerin von Wauxhall hat neulich mitten in der Probe, von Schlaf überfallen, gräßliche Visionen gehabt. Es gibt viele Leute in allen Kreisen der Bevölkerung, die von der »großen Furcht« wie von einer Krankheit befallen sind.

Vielleicht wären wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll Furcht wäre. Wie soll es enden?!

Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten Deines Hotels unter der großen Linde. Ich weiß einen Eingang, der mich vor allen Blicken schützen dürfte. Wir müssen uns sprechen, obwohl ich zum erstenmal empfinde, daß ich einen Mann betrüge, der mir vertraut.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Saint-Cloud, den 25. Juli 1786.