Marquis Montjoie an Delphine.
Paris, den 5. August 1773.
Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will Sie nur leiten – so unmerklich wie möglich – und auch meine Mutter hat gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt, ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.
Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.
Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh, den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!« sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen. Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt, von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Beloux an Geschmak und Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.
Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf ein gnädiges Lächeln hoffen?!
Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.
Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs. Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner Familie bemühen sich Offiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen; sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.
Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage nur bestätigten.