Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich selbst zu verlieren –, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen, und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen meinen Sünden freisprechen würde, als wenn der Papst in eigener heiliger Person es täte!
Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes – unserem schönen Etupes! – überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen. Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!
Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.
Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, – so sehr mich auch diese Sorge beglückt –, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht, als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist, der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor sich sieht.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Montbéliard, 30. April 1774.
Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie, – und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu würdigen.
Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch, jedem Wasserspiegel entgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid und Ihr Zorn sind mir unerträglich.
Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, – ich wage es nicht zu denken, daß Sie leiden –, so beauftragen Sie Gaillard mit Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.