Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im Hause Madame Geoffrins.
Wie wünschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die es verstanden hat, ohne jung und ohne schön zu sein, die besten Köpfe Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot fast tägliche Gäste, hier wird freimütig ausgesprochen, was außerhalb dieses Salons noch in die Bastille führt, und die Wahrheit und die Religion des kommenden Jahrhunderts ist.
Sie werden finden, daß ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gütige Erlaubnis, Ihnen schreiben zu dürfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir ist, als wäre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot durchglüht und als stünden Sie vor mir, die kleine Gräfin Laval mit den großen brennenden Augen und der stockend hervorgestoßenen Frage: »Ist es wirklich, kann es wirklich sein?!«
Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.
Johann von Altenau an Delphine.
Paris, am 3. Oktober 1774.
Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort würde mich entzückt haben, wenn ich sie der Wirkung meines Briefes zuschreiben dürfte. Aber selbst Ihr Dank, dessen Wärme so gar nicht im Verhältnis zu meiner Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: daß Sie verschmachten, und somit auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei überschütten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu beantworten ich eine wahre Encyklopädie schreiben müßte. Sie erwarten wohl auch dergleichen gefährlich Freidenkerisches, sonst würden Sie mich nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein Vorgehen, das vielleicht gefährlicher ist, als wenn ein Unberufener meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, daß er der Sohn unserer robusten Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den einträglichen Weg vom Straßenmädchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher für ein paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brächte.
Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und zwar möglichst der Reihe nach, weil ich gewiß zu sein glaube, daß diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle stehen. Dabei muß ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen Reihenfolge in den Hintergrund schieben.
Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, daß Sie so viel von ihr gehört haben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer Epoche in ihr verkörpert, wie denn überhaupt die Frauen, sei es infolge ihrer größeren Sensibilität, sei es, weil sie den geheimnisvoll wirkenden Kräften der Natur näher verwandt sein dürften als wir, in besonderem Maße die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.
Von majestätischem Wuchs und üppigen Formen, mit unbewegt regelmäßigen Zügen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schönheit war eine rein körperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostüm ebenso paßte, wie die antikisierenden Gewänder des Schauspiels und des Balletts; graziöser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmäßige Gesicht von innen zu verklären; heute hat er sich den ganzen Körper unterworfen. Ein seelenvolles Auge, ein kapriziöses Näschen, ein Mund, der, selbst wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefühl wiedergibt; feine, schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind –, das ist die Frau fin de siècle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht mehr jung, sie ist keine Schönheit, und doch ruiniert sich der Prinz von Soubise für sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue eines Hundes, obwohl er stets neue Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle ihresgleichen, und würde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von Geblüt nachstehen, denn sie besitzt in höchstem Maße jene Anpassungsfähigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen Vorstadtmädchen eine Dame macht, während ein Bauer immer ein Bauer bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strümpfe trägt.