Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewöhnlichen Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmöglich gemacht wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.
Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte, hatte sich darum nur zu einem Gefühl verdichtet: dem Haß. Euer Gnaden Güte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, daß ich ein Herz in der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens gehört der Frau Marquise.
Daß ich einen Menschen leben sehen muß, der Euer Gnaden Leiden und Schmerzen verursacht, ist schon gräßlich genug. Aber daß dieser Mensch sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demütigen und, – es muß gesagt werden –, zu betrügen, das ertrage ich nicht.
Madame Paumille, die für den jungen Herrn engagierte Amme, ist die Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.
Marquis Montjoie an Delphine.
Froberg, den 22. November 1774.
Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch größeren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Mäuler aller Untergebenen trägt, füge ich mich zunächst. Auch glaube ich, daß es tatsächlich förderlicher ist, wenn wir eine mündliche Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer völligen Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befürchte, Sie haben in Ihrer Erregung nicht alles gehört, was ich gesagt habe, will ich versuchen, mich schriftlich verständlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrücklich betone, daß ich mich weder gestern noch heute veranlaßt fühle, etwa wie ein Schuldbewußter vor Ihnen zu erscheinen.
Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung hätte sagen müssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu ästhetisch veranlagt, als daß ich die Absurdität begehen könnte, meine Maitresse in mein Haus zu nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hände gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als daß ich auf der Jagd in den Wäldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wäre auch das nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals Gelegenheit gegeben hätten, Sie von Ihrer unliebenswürdigsten Seite kennen zu lernen.
Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich halte es aber für eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloße Möglichkeit hin der Mutter des Kindes die nötige Unterstützung zukommen zu lassen.