Johann von Altenau an Delphine.
Paris, 10. Mai 1776.
Teuerste Marquise! Noch klingt jedes Wort in mir nach, das wir auf dem Heimweg von Madame Geoffrin miteinander wechselten. Einen tiefen Blick ließen Sie mich in Ihre Seele tun. Werden Sie mir je verzeihen, daß ich Sie so sehr verkannte, daß ich die Maske, mit der Sie selbst die bezaubernde Schönheit Ihres Innern deckten, nicht durchschaut habe? Ich war tagelang verzweifelt, weil ich Delphine nicht wiederfand. Oder konnte Delphine es sein, die die Liebe lästerte? »Daß eine Julie Lespinasse ihr Herz ebenso wegwerfen kann, wie andere Frauen!« riefen Sie aus. Delphine hätte gewußt, daß ein Herz nur hat, wer es wegwirft, dachte ich!
Und nun hat die milde Hand einer alten Frau die Maske von Ihrem Antlitz genommen. Fast klang es brutal, als sie Ihnen, kaum daß Sie neben ihr saßen, die Frage stellte: »Womit beschäftigen Sie sich?« Und rasch griff ich ein, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, und erzählte von den armen Pariser Kindern, denen Sie helfen konnten. Madame Geoffrin streichelte Ihnen freundlich die Hand. »Das ist hübsch, sehr hübsch, Frau Marquise,« sagte sie lobend, um Ihnen gleich darauf mit der neuen Frage: »Haben Sie selbst kein Kind?« das Blut abermals siedendheiß in die Wangen zu treiben.
Sie waren tief erschüttert von dem, was Ihnen begegnete, und es ist doch nichts gewesen als eine alte Frau im Kreise ernster Männer. Sie fühlten plötzlich: Ihre Welt hat alles, was schimmert und funkelt – Reichtum, Schönheit, Esprit – aber nur Kurzsichtigen täuscht dieser Glanz Feuer vor, kein Frierender kann sich daran wärmen; die Flamme der Begeisterung, die leuchtet und glüht, brennt auf unseren Altären. Fräulein von Lespinasse ist eine Sterbende, Madame Geoffrin eine alte, einfache Frau, Madame Dudeffant eine blinde Greisin, Frau von Epinay eine Schwerkranke –, und doch strömen bei ihnen all die Männer zusammen, die die Könige Himmels und der Erde entthronten, so daß, wer jetzt vor ihnen kniet, nur zu Phantomen noch betet.
Woher kommt das? fragen Sie. Weil diese Frauen zuerst bei sich die Tyrannei des Herkommens, der Gesellschaft, der Küche und – der Ehe zertrümmert haben. Weil sie in diesem Kampf ihre Menschlichkeit zurückeroberten, und nun erst Freundinnen, Beraterinnen, Trösterinnen sein konnten.
Herr von Condorcet hat Ihnen seine Ideen über die Befreiung der Frauen von einem Jahrtausende alten Joch entwickelt. Innerhalb der ungeheuren Umwälzung, die sich vorbereitet, wird dieser Kampf eine maßgebende Rolle spielen. Sie dürfen damit nicht verwechseln, was man Ihnen von dem Frauenklub, den Fräulein Raucourt gegründet hat, erzählte. Der Loge von Lesbos gehören Weiber an, die, entweder von Liebe übersättigt, neue Reizmittel suchen, oder an unbefriedigter Liebessehnsucht kranken. Sie bemänteln ihre Wünsche nur mit den tönenden Phrasen von der Gleichstellung der Geschlechter und glauben ihre Freiheit dadurch zu dokumentieren, daß sie Männerkleider tragen und in den Kaffeehäusern mit den Männern faullenzend umhersitzen, alle Probleme der Welt beschwatzend.
Herrn von Condorcets Bestrebungen haben damit nichts zu tun; er wünscht nicht die Freiheit von der Sitte, sondern die sittliche Freiheit. Ist es nicht eine innere Notwendigkeit, daß Sie zu uns gehören?
Ich schicke Ihnen Rousseaus »Emil«, den Madame Geoffrin Ihnen so dringend zu lesen empfahl. Ob seine Probleme Ihnen nicht noch allzu fern liegen?
Johann von Altenau an Delphine.