Paris, den 12. Juni 1776.
Meine verehrte Frau Marquise, Ihnen zuerst, der ich so viel verdanke, sei die Nachricht mitgeteilt: das Unternehmen ist gesichert. Herr von Vergennes hat mir vorgestern die Summe angewiesen, die es mir ermöglicht zusammen mit den Geldern, die in Ihrem Salon gesammelt wurden, die ersten Schiffe anszurüsten! Ist es auch nur ein schüchterner Anfang, so fühle ich mich doch der Sache sicher, denn die Regierung, die den ersten Schritt getan hat, wird weiter gehen müssen, wenn sie sich nicht selbst desavouieren will.
Der Herr Kriegsminister hat mich, wohl infolge der Empfehlung durch den Grafen Guibert, – deren Wärme nur eine Frau entzünden konnte! – auf das liebeswürdigste empfangen. Glauben Sie mir nun, daß Venus eine Kriegsgöttin ist?
Ich habe jetzt die Arbeit von hundert Köpfen zu verrichten, was mein Herz nicht hindert, immer für Sie frei zu sein. Wenn Rodrigue Hortalez –, Sie erinnern sich, daß der Deckname unsrer Reederei schon feststand, als wir noch keinen Sou im Vermögen hatten! –, in Bordeaux und Marseille Waren kauft und Schiffe verfrachtet, wird Beaumarchais am Hofe von Versailles, dessen Tore die schönsten Hände der Welt ihm geöffnet haben, den Schöngeist spielen. Wenn Hortalez den jungen Helden Frankreichs, – Lafayette und der Prinz Montbéliard werden unter den ersten sein –, die Wege über den Ozean bahnt, wird Beaumarchais der Königin von Frankreich die Rolle der Rosine einstudieren, und während gekrönte Häupter nach Figaros Pfeife tanzen, wird er selbst als gefesselter Sklave seiner Herzenskönigin dienen.
Ich sehe Sie schelmisch lächeln, wie damals, als Sie mich schwarz auf weiß lesen ließen, daß »Herr von Beaumarchais ein Verschwender und ein Geldschneider ist, daß er – fi donc! – Mädchen aushält.«
Wer täte dergleichen sonst in diesem tugendhaften Lande?! Etwa der Graf Artois, der Herzog von Bouillon, der Graf von Chartres, der Prinz Rohan – Ihr Freund!! –, der für seine Verdienste Erzbischof von Straßburg geworden ist und demnächst Herrn von Malesherbes ersetzen dürfte, um die französische Literatur seiner sittlichen Empfindung anzupassen?! Verleumdung – nichts als Verleumdung, nicht wahr, schöne Frau? Werft den Beaumarchais in die Bastille!
Zur Strafe für Ihr Mißtrauen verrate ich Ihnen die bösen Dinge, die ich von Ihnen weiß.
Sie waren bei Madame Geoffrin. »Mais, voilâ ce qui est bon!« Mit diesen sechs Worten regiert sie, so sagt man, alle Philosophen. Ich würde dem König von Frankreich diesen Zauberspruch verraten, aber ich fürchte, er wirkt nicht. Im Salon der Rue St.-Honoré werden nämlich den Schreihälsen heimlich die Mäuler gestopft, ehe der Spruch ihnen den Mund verbietet. In Versailles fehlt es zu diesem Zweck an überflüssigem Kuchen. Sie sehen, Baron Holbach hat recht: nur das Materielle existiert!
Sie waren auch in der Kirche, aber nicht um den lieben Gott zu suchen, dem man es übrigens nicht verdenken könnte, wenn er vor den Herrn Philosophen in die dunkelste Kapelle flüchten würde. Sie hörten unsere modernsten Priester, die nur noch à la grecque von Moral und Tugend reden, weil das Wort »Religion« sie gar zu lächerlich machen würde.
Und man munkelt sogar, Sie hätten im Café de la Regence Linguets Journal gelesen, jenes Chamäleons, der nur Eins in der Welt fürchtet: man könne ihn in irgendeine Sekte oder Partei einreihen. Darum wechselt er rasch die Farben, sobald er merkt, daß ein anderer dieselben trägt. Vor zehn Jahren erklärte er emphatisch: »Der Arbeiter hat keinen Anteil an dem Überfluß, dessen einzige Quelle seine Arbeit ist und von der Aufhebung der Sklaverei hat er nichts gewonnen, als die Freiheit, zu verhungern,« und heute beschimpft er Philosophen und Minister, so daß sein Blatt zum Leibblatt des Adels geworden ist; denken und regieren kann seiner Ansicht nach in Frankreich nur Einer: Monsieur Linguet selbst.