Johann von Altenau an Delphine.

Paris, am 30. September 1777.

Endlich! Sie hatten mich, teuerste Marquise, durch Ihr monatelanges Schweigen auf die Folter gespannt. Stellten Sie Ihre Freunde schon durch Ihre fluchtartige Abreise vor ein Rätsel, wie viel mehr durch Ihr völliges Verstummen. Die abenteuerlichsten Gerüchte trug man einander zu: daß Sie mit einem Liebhaber entflohen seien; daß Sie sich in ein Kloster zurückgezogen hätten. Schließlich verschwand Ihr Name aus der Chronique scandaleuse; die sturmbewegten Wellen unserer raschlebigen Zeit peitschten darüber hinweg; nur wer sich selbst noch nicht ganz verliert, dem blieben auch Sie unverloren.

Haben Sie Dank, wärmsten Dank, daß Sie in Ihrem Kummer meiner gedachten. Sie gaben mir damit den kostbarsten Beweis Ihrer Freundschaft. Nur daß Sie über ein Jahr stumm gelitten haben, mache ich Ihnen zum Vorwurf, nicht, weil ich Ihr Vertrauen teile, der Einzige zu sein, der zu helfen vermag, sondern weil die Aussprache an sich schon Erleichterung bedeutet. Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unsrer Epoche, daß wir unsere eigenen Gedanken denken, unsere eigene Sprache sprechen lernten.

Sie haben sich, wie Sie schreiben, ganz Ihrem Sohn gewidmet, nachdem Sie ihn durch »einen wahren Feldzug von Kämpfen und Intriguen,« sich erst erobern mußten; und mit einer Ehrlichkeit, die zu der Sentimentalität der meisten Frauen, die sich heute ihrer Mutterschaft erinnern, in erfreulichem Gegensatz steht, fügen Sie hinzu: »mich trieb nicht die Liebe, sondern nur das Gefühl einer heiligen Pflicht, deren Erfüllung meinem Leben Inhalt und Ziel geben sollte.«

Ich habe den Satz zehnmal gelesen, ehe ich mir vorzustellen vermochte, daß von den Rosenlippen der Marquise Delphine so schwere Worte fallen konnten, und erst als ich weiter las, sah ich Sie wieder lebendig vor mir: »aber die Aufgabe erhebt mich nicht, sie drückt mich nieder,« schreiben Sie. Ein Tempel der Mutterliebe sollte das Schlößchen sein, das sich im Park von Froberg am Ufer des Sees weiß und leuchtend erhebt. »A L'Enfant« ließen Sie in goldnen Lettern über die Türe meißeln, wo kurz vorher »Mont de ma joie« gestanden hatte. Die schönsten Blumen ließen Sie pflanzen, mit Tieren aller Art bevölkerten Sie den Park – »die Natur selbst sollte meines Sohnes Erzieherin sein.« Und dann kam das Kind; »es zerpflückte und zertrat die Blumen, es schlug nach dem sanften Reh und dem kleinen Kätzchen, es warf mit Steinen nach den Tauben,« und seine Häßlichkeit zwang Sie, alle Spiegel aus den Zimmern entfernen zu lassen, um sie nicht verzehnfacht um sich zu sehen.

Was soll ich tun? fragen Sie mich verzweifelt; alle Mittel, das Kind zu beeinflussen, sind erschöpft; seine Neigungen bleiben roh, wie die Umgebung, aus der es seine ersten Eindrücke empfing. Vielleicht waren Sie zu gut für diesen kleinen Wilden; vielleicht bedarf es nur eines Mittels, seine unbändige Tatkraft in richtige Wege zu leiten; vielleicht fehlt ihm der Ernst und die Strenge eines männlichen Erziehers.