Für den »Barbier von Sevilla«, – durch dessen Aufführung wir dem gekrönten Puritaner wohl beweisen wollen, wie wenig wir uns durch die Satire des Stücks getroffen fühlen! –, stelle ich Ihnen meine kleine Loge zur Verfügung. Herr von Beaumarchais, dessen Anwesenheit in Straßburg mich schließen läßt, daß eine politische Intrigue in der Luft liegt, wird Sie dort ungestört begrüßen können, nachdem Ihr Herr Gemahl, wie er mir soeben mitteilte, ihn zu empfangen nicht geneigt ist. Sie sehen, schönste Frau, wie ich mich bemühe, Ihre unausgesprochenen Wünsche zu erfüllen. Darf ich dafür hoffen, endlich zu dem Kuß zugelassen zu werden, den Sie mir seit Chantilly schuldig sind?!
Herr von Beaumarchais an Delphine.
Straßburg, am 25. Oktober 1777.
Verehrteste Frau Marquise, Sie haben es mir nicht glauben wollen, daß die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Ihnen mir Straßburg anziehender machte als die auf eine mögliche Begegnung mit dem Sohne Maria Theresias? Wir, denen die Politik noch eine Kunst ist, bedürfen der Frauen mehr, als die gekrönten Handelsreisenden, die sie als ein Geschäft betreiben.
Nun haben Sie mich zwar mit größter Liebenswürdigkeit begrüßt, – vor dem ganzen Theater, in Ihrer großen Loge, ohne diskrete Vorhänge –, aber ich bin ein zu guter Kenner aller Nüancen des Frauenlächelns, um nicht empfunden zu haben, daß es weniger meinen Handkuß, als das Stirnrunzeln des Herrn Marquis, das sarkastische Lippenkräuseln des Herrn Kardinals hervorzurufen bestimmt war. Ich weiß darum nicht, ob ich die reizende Marquise Montjoie noch als meine Aliierte betrachten darf.
Frauen sind wie Kinder: sie spielen jedes ihrer Spiele mit vollkommener Hingabe aber ohne die geringste Ausdauer. Wenn es keine Könige gäbe, würde ihr Wankelmut durch nichts übertroffen werden.
In diesem Fall wäre ich fast geneigt, ihn zu entschuldigen. Nicht, weil Sie augenblicklich Mutter spielen und damit mehr tun als Rousseau, der wie alle Priester sich auf bloßes Predigen seiner Lehre beschränkt hat, sondern weil ich selbst häufig genug das Bündnis mit mir brechen möchte.
Sie wissen: seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ist unseren Philosophen ein Stein von der Seele gefallen, denn sie sehen ihre Ideen verwirklicht, ohne selbst dabei sein zu müssen. Man brüstet sich vor Stolz, daß der Abbé Mably von der jungen Regierung beauftragt wurde, seine Prinzipien der Gesetzgebung zu einem Verfassungsentwurf auszuarbeiten und man schwärmt begeistert für die kommunistische Demokratie in – Amerika. Ich, der Erste, der Frankreich für Amerika engagierte, müßte mitschwärmen, aber seitdem Herr Franklin die Freiheit und die Gleichheit repräsentiert, bin ich geneigt, die Despotie zu vertreten.
Das Feuer der Begeisterung scheint auch bei den französischen Kämpfern jenseits des Meeres, nach denen Sie, verehrteste Frau Marquise, sich mit solchem Interesse erkundigen, um so niedriger zu brennen, je mehr sie einsehen, daß die Göttin der Freiheit für die biederen Farmer und kleinen Krämer doch nur ein Marktweib ist, das ihre Waren möglichst teuer an den Mann bringen soll. Die Nachrichten über die kriegerischen Erfolge lauten momentan nicht erhebend.