Ich möchte Ihre Seele heilen, Frau Marquise, damit Sie die Dolchklingen des Gewissens nicht mehr selbstmörderisch gegen sich selber zückt, sondern gegen die großen Verbrecher wider die Natur: Staat und Gesellschaft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, wo sich alle seine unschuldigen Opfer wider ihn erheben. Wie Sturmzeichen wirkte schon der Fall von Saratoga auf die Pariser: arme Handwerker und kleine Staatsbeamte, die bis vor kurzem zu denken sich nicht erlaubten, sah ich mit erhitzten Köpfen und aufgeregten Gebärden im Garten des Palais-Royal zusammenströmen, als die Botschaft vom Siege der Freiheitskämpfer sich verbreitete; einer von ihnen, ein stubenblasser Schneider, sprang auf einen Stuhl und rief mit einer Stimme, die seine schmale Brust zu sprengen schien: »Nun, Europa, folge nach!« Eine Stunde später war sein Aufruf zum Refrain eines Liedes geworden, das heute schon die Kinder in den Höfen singen.

Sie schrieben von dem einsamen Winter in Froberg, als ob Sie sich darum bei mir entschuldigen müßten. Unsere hoffnungsvollen Träume sollen ihn bevölkern!

Herr von Beaumarchais an Delphine.

Paris, den 16. April 1778.

Verehrte Frau Marquise. Seit meinem Abschied von Straßburg ist fast ein halbes Jahr verflossen.

Mit den Farben der schönsten Frau geschmückt, vertraute ich mich, ein zweiter Bayard, den Meereswogen an und lenkte mein Schiff durch wilde Stürme und drohende Klippen dem fernen Ziele zu, das sie mir bestimmt hatte. An unwirtlicher Küste warf mich ein rasender Orkan ans Land. Mein Schwert hieb mir Bahn durch dunkle Urwälder, streckte gräßliche Ungeheuer vor mir nieder, verteidigte mein Leben gegen Horden feindlicher Rothäute und führte mich schließlich, sieggekrönt, in die Stadt der weißen Marmorpaläste und goldenen Bildsäulen. Vor dem Tempel der Freiheit, der wie die Sonne leuchtet, von Rosenbäumen, die hoch und stark sind wie unsere Eichen, dicht umgeben, fand ich die Helden Frankreichs auf purpurnem Pfühle von ihren Taten ruhen; die holdesten Töchter des Landes wuschen den Staub von ihren Füßen und boten ihnen lächelnd die Blüte ihrer Jugend dar.

Sie schütteln den Kopf, Frau Marquise, Sie glauben mir nicht? Sie behaupten, Beaumarchais habe Frankreich nicht verlassen? Wissen Sie vielleicht ebenso genau, wo Figaro inzwischen gewesen ist?! Mit Eiden, so heilig, wie das Keuschheitsgelübde der Priester und der Treueschwur der Gatten, bezeuge ich Ihnen, daß er vor dem Tempel der Freiheit seine Andacht verrichtete und den Prinzen Montbéliard, den tapferen Kämpen, begrüßte.

Sie glauben mir noch nicht, Frau Marquise?! Wehe, wenn sogar bei Ihnen die verderbte Zeit den Glauben an die unverbrüchliche Heiligkeit des Eides zerstörte!!

Kurz und gut: der Prinz ist gesund, hat sich geschlagen wie ein Franzose, wird angebetet wie Apoll, und ist keusch wie Joseph.