Eine Order des Kriegsministers, so sagte ich Ihnen, verlange meine Rückkehr nach Paris. Ich habe gelogen; ich wollte sogar die Lüge aufrecht erhalten. Erst jetzt, wo ich fern von Ihnen bin, fühle ich, daß ich die Wahrheit sagen muß.
Vor zwei Jahren warb ich um Ihre Gunst; Ihr Besitz wäre mir im Kranz meines Ruhmes als eins der kostbarsten, goldenen Lorbeerblätter erschienen. Keinen Augenblick störte mich der Gedanke an den rechtmäßigen Besitzer dieser entzückenden Frau; der Marquis Montjoie, an dessen Existenz in Ihrem Hause kaum etwas erinnerte; der Marquis Montjoie, der mit überlegen-ruhiger Kühle der reizenden Delphine gegenüberstand; der Marquis Montjoie, der die Hinterzimmer der Madame Gaillard dem Schlafgemach seiner Gemahlin vorzog, – die er freilich auch nur, als erfülle er eine peinliche Pflicht, mit ernst-gelangweiltem Gesicht zu verlassen pflegte –, dieser Marquis Montjoie war das geringste Hindernis auf dem Wege zu Ihnen. Aber selbst wenn ich gewußt hätte, daß er mehr für Sie fühlte, als für irgend ein besonders wertvolles Stück seines Haushalts, ich hätte die Hoffnung nicht fahren lassen. Solange ein Mann im Kampf um ein Weib einen ebenbürtigen Rivalen, – und wäre es der eigene Gatte seiner Schönen –, vor sich hat, so lange gab die Natur selbst ihm das Recht, um ihren Besitz mit ihm zu ringen. Nicht Stärke – nein, nur Schwäche entwaffnet vor dem Angriff.
Darum mußte ich jetzt von Ihnen fliehen. Ich hätte nicht wunschlos neben Ihnen leben und nicht als Mann von Ehre um Sie ringen können. Der alte kranke Marquis ist kein Rivale mehr.
Und doch: Wenn Ihr Herz einmal freiwillig entschiede!! Schönste Delphine, ich fange an, zu begreifen, daß Sie nicht nur ein goldenes Blatt in der Siegeskrone, sondern der Rosenkranz selber sind, mit dem das Leben seine Lieblinge krönt.
Darf ich nun zum Lohn für meine Entsagung, die ich mir nicht zum zweiten Male aufzulegen imstande wäre, nachdem die Kraft, sie zu tragen, schon jetzt nicht ausreicht, den Faden unseres letzten Gesprächs weiterspinnen? Darf ich hoffen, daß Sie ihn aufgreifen und er allmählich zu einem starken Bande zwischen uns wird?
Mit jener genialen weiblichen Güte, die uns sogar sachliches Interesse vorzutäuschen vermag, haben Sie an dem Schicksal meiner kriegswissenschaftlichen Arbeit Anteil genommen. Sie hat inzwischen die öffentliche Aufmerksamkeit in höherem Maße erregt, als ich es erwarten durfte. Seit dem großen Erfolg von Glucks Iphigenia schienen unsere großen Geister, – ich wäre fast geneigt, das »groß« in Anführungsstrichen zu schreiben –, wieder im musikalischen Krieg ihre Kräfte zu erschöpfen; eine Erscheinung, die nur in einem Lande möglich sein kann, wo man den Bürger als ein unmündiges Kind behandelt und seine tätige Teilnahme am politischen Leben mit der Bastille belohnt.
In der Verteidigung meiner Ideen war ich mit Herrn von Mesnil-Durand in eine sehr lebhafte Diskussion geraten, und ich war gezwungen, nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen den Herzog von Broglie, meinen alten Freund und Wohltäter, kritisch vorzugehen.
Beide verteidigten sich persönlich, wo ich sachlich angegriffen hatte; ganz Paris wurde zu ihrem Echo, das mich der gröbsten Undankbarkeit zieh. Der Herzog von Broglie verschloß mir sein Haus. Ein trauriges Zeichen für die Gesinnungslosigkeit der Bürger Frankreichs, die im Grunde von mir verlangten, die Tugend der Vaterlandsliebe der Tugend persönlicher Dankbarkeit unterzuordnen. Ich teilte in diesem Fall das Schicksal meines Freundes Condorcet, der wegen seiner Kritik der Finanzpolitik des Herrn Necker auf das schärfste getadelt wurde. »Wie kommen sie dazu, sich zum Richter des Ministers aufzuwerfen?« frug man ihn entrüstet. »Soll ich mich auch noch verteidigen müssen, weil ich mich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftige?« antwortete er. »Das ist das Recht, ja die Pflicht jedes Bürgers, der keiner besonderen Mission bedarf, um Rechte des Volks zu verteidigen oder Maßnahmen zu bekämpfen, die ihm entgegenstehen.«
Der korrumpierten Gesellschaft von Versailles, die keine anderen Gesetze kennt, als die der Hofetikette, die von der Vortrefflichkeit aller Einrichtungen überzeugt ist, wenn die Hofschranzen ihre Pensionen, die Bankiers ihre guten Köche haben, erscheinen Auffassungen, wie die unseren, nur als eine Lächerlichkeit. Als ob es keine anderen Leiden gäbe, als die, die uns persönlich verletzen! Als ob die Natur selbst, die uns den Mut gab und ein fühlendes Herz, uns nicht zu Hütern des öffentlichen Wohles berufen hätte!