Ich traf die Königin im Juni in Ermenonville, wohin ich der Einladung der liebenswürdigen Madame de Girardin gefolgt war. Ein göttlicher Landsitz! Rousseau selbst hätte sich für seine ewige Ruhe keinen schöneren Ort aussuchen können. An seinem Grabe auf der Pappelinsel, wo die hohen Bäume in lichtem Hoffnungsgrün prophetisch gen Himmel weisen, wo Trauerrosen sich liebevoll wie weinende Frauengesichter um das Denkmal schmiegen und die kleinen Wellen des Flusses nur leise miteinander flüstern, als wollten sie die Stille nicht stören, predigt alles die Seligkeit der Rückkehr zur Natur.

Die Königin war sehr verstimmt. Am Morgen hatte sie von der Absicht einer neuen Einschränkung der Zahl ihrer Dienerschaft erfahren, nachdem sie schon kurz vorher gezwungen worden war, ihre Wünsche für den Theaterbau von Trianon erheblich einzuschränken. »Man mißt, wie es scheint, den Hofhalt des Königs von Frankreich an dem bourgeoisen Budget des Herrn Necker,« sagte sie. Ihre weichen Züge, die ich bisher nur von einem Lächeln verklärt sah, bekamen dabei den harten Ausdruck, der ihrer kaiserlichen Mutter besonders eigentümlich ist. »Würden Sie sich von Ihrem Hausknecht das Menü Ihrer Tafel bestimmen lassen?« frug sie mich. »Von meinem Hausknecht – nein!« entgegnete ich; »wohl aber von meinem Verwalter, der für die geregelte Wirtschaftsführung verantwortlich ist.«

Bei dem Rundgang durch den Park kamen wir am Grabe des Unsterblichen vorüber. Die Königin streifte es durch ihre Lorgnette mit einem eisigen Blick, und sagte dann mit hochmütig zurückgeworfenem Haupt, – einer Bewegung, der nur die Tochter Maria Theresias fähig ist –: »die Trauerrosen in Trianon blühen üppiger.« Darauf raffte sie ihr Kleid, als dürfte es den Boden nicht berühren, und schritt vorüber. Beim Souper machte ich der Gräfin Polignac mein Kompliment über die geschmackvolle Toilette der Damen: »Sie tragen weiche Schuhe ohne Hacken, große Strohhüte auf natürlich fallenden Locken, weiße, schlichte Musselingewänder – nennt man dies reizende Ensemble nicht eine Kleidung à la Rousseau?!« – »Mademoiselle Bertin, die sie schuf, nennt sie Roben à la reine,« rief die Königin über den Tisch hinweg mir zu, und geruhte darnach, mich nicht mehr zu bemerken.

Ein paar Wochen später war ich beim Grafen von Provence auf Schloß Brunoy. Wer nichts weiter kennt, als diesen Palast eines Krösus, muß glauben, ganz Frankreich schwämme in Gold. Zu einem jener beliebten Herrenfeste, das unsere reizendsten Priesterinnen Terpsychorens durch pikante Tänze und noch pikantere Couplets so besonders anziehend zu machen pflegen, wurde der König erwartet. In der Nacht, ehe er kam, improvisierten die Kavaliere einen Raub der Sabinerinnen –, die Erzählung von dieser Posse, die in einem Bacchanal endete, amüsierte den König mehr als die wohlvorbereiteten Aufführungen. Er ist, wie Sie wissen, nur unfreiwillig tugendhaft.

Es gab dann noch eine Jagd auf wahrhaft hoffähige Hirsche: sie schienen den Tod durch eine königliche Kugel als eine besondere Auszeichnung anzusehen.

Zum Schluß hatte der König eine Privatkonferenz mit dem Grafen. Er schied außerordentlich befriedigt.

Ein paar Tage später waren die Straßen von Versailles voll betrunkner Schweizer, – ihre gestundeten Gehälter waren ihnen bar ausgezahlt worden, – die Marställe voll englischer Pferde, und in Trianon wurde der unterbrochene Theaterbau fortgesetzt. »Geschäfte zu machen, ist so gemein,« sagten Sie mir in Spa mit einer unvergleichlichen, wegwerfenden Handbewegung. Aber Könige adeln alles, – nicht wahr, Frau Marquise?

Ich lese eben Ihre Zeilen noch einmal, und plötzlich scheint mir, als ob der leise Wunsch, nach Versailles zurückzukehren, zwischen ihnen stünde. Ich wäre trostlos, wenn ich ihn unterdrückt, statt angefacht hätte. Aber warum hüllen Sie auch Ihr Innerstes immer in tausend schimmernde Schleier? Sollten Sie wissen, daß das Geheimnis, zu langweilen, darin besteht, alles auszusprechen?

Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

Versailles, am 30. August 1780.