»Und draußen auf dem Meer wird inzwischen mit Menschenleben um die Zukunft Frankreichs gespielt,« hörte ich einen Offizier neben mir sagen, einen der vielen, die mehr und mehr vergessen haben, daß es zur Treue gegen den Monarchen gehört, sich auch seinen unrichtigen Maßnahmen kritiklos zu beugen.
Ich sollte bald darauf noch ein Beispiel für den herrschenden Geist der Aufsessigkeit kennen lernen: Der Herzog von Chartres gab zu Ehren seiner geistreichen Freundin Frau von Genlis ein Nachtfest im Park von Monceau, das mit einer Wasserfahrt auf bekränzten Gondeln schließen sollte. Kaum hatte die ganze Gesellschaft Platz genommen, als sich herausstellte, daß sämtliche Ruderer betrunken waren. Erschrocken drängte alles hinaus. In diesem Augenblick sagte ein kleiner Kapitän laut zu unserem edlen Gastgeber: »Wir Franzosen machen auf dem Wasser anscheinend stets dieselben schlechten Erfahrungen.« »Und trotzdem sehen Sie, welch schönen Sieg wir erringen,« entgegnete der Herzog lächelnd und wies auf die Gruppen ängstlicher Damen, die sich zitternd in die Arme hilfsbereiter Herren schmiegten. Laharpe, der Unvermeidliche, ließ sich die Gelegenheit zu einer poetischen Improvisation natürlich nicht entgehen, wobei er Frau von Genlis als Venus, den Herzog als Mars feierte und es nur, – aus übertriebener Bescheidenheit! – unterließ, sich selbst als Adonis vorzustellen.
In wenigen Wochen kehre ich nach Straßburg zurück. Sollte Graf Cagliostro meinen dringenden Bitten, mitzukommen, noch Gehör schenken, so hoffe ich nicht nur für mich, sondern vor allem für Sie, teuerste Marquise, auf eine im höchsten Sinne bedeutungsvolle Zeit.
Marquis Montjoie an Delphine.
Straßburg, den 15. September 1780.
Meine liebe Delphine. Rohan hat nicht zu viel gesagt. Ich bin aufs äußerste überrascht von dem Erlebten und glaube darnach zu den größten Erwartungen berechtigt zu sein. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu versichern, daß der Gedanke, meine körperlichen Kräfte zurückzugewinnen, und mein Vermögen, wenn nicht zu vergrößern, so doch zu erhalten, mit dem Wunsche, Ihnen nicht beschwerlich zu fallen, und Sie mit dem Glanz zu umgeben, für den sie geschaffen sind, so innig verschwistert ist, daß er fast identisch erscheint. Seit der großen Tragödie unseres Hauses, unter der ich Sie zusammenbrechen sah, habe ich immer darnach getrachtet, Sie wieder froh zu sehen. Nichts würde mir größere Freude bereiten, als Ihre Wünsche erfüllen zu können, nichts bekümmerte mich mehr, als daß die schwierigen, finanziellen Verhältnisse mich daran zu verhindern vermöchten. Der Graf Cagliostro hat mich dieser Sorge entrissen; es bleibt nur die eine noch drückendere, daß Sie wunschlos neben mir her gehen. Ich muß die Vergangenheit zu Rate ziehen, um zu wissen, was wenigstens damals Ihr Interesse heraufrief. Ich habe Gartenkünstler und Architekten engagiert, um Park und Pavillon durch sie vollenden zu lassen, und hoffe wenigstens auf ein zustimmendes Kopfnicken.
Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Ich legte dem Grafen die eine schwerwiegende Frage vor, ob ich noch auf einen Erben hoffen dürfte. Er behauptet, sie beantworten zu können, wenn er Sie gesehen hat. Diesem Wunsche Folge zu leisten, ist seit Jahren der erste Wunsch, den ich Ihnen ausspreche. Sie haben mir selbst das Zeugnis ausgestellt, daß ich sie behandle wie ein väterlicher Freund. Beweisen Sie mir jetzt die Dankbarkeit, die Sie mir so oft versichert haben.
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
Straßburg, den 26. September 1780.