Sie werden vom Mißerfolg meiner Tragödie »Der Tod des Cajus Gracchus« gelesen haben. Der Ernst erschreckte das Publikum; es verträgt den Witz, ja die Satire, es lacht über sich selbst und über unsere politischen Zustände, wenn man sie ihnen auch in Form der drastischsten Karikaturen vorführt, aber es wird nie verstehen wollen, daß die Komödie im Grunde ein Trauerspiel ist.
Herr Necker scheint alle Mittel seiner Weisheit erschöpft zu haben, ohne es vor der Öffentlichkeit zugeben zu wollen. Herrn Linguet, der in seiner Zeitschrift nicht aufhört, die Maßnahmen des Generalkontrolleurs lächerlich zu machen, ist zwar in der Bastille Gelegenheit geboten worden, für seine literarischen Sünden Buße zu tun, aber jedermann weiß –, er selbst am genauesten –, daß der Hof seine gepfefferten Aufsätze mit Vergnügen liest. Ich bin kein Anhänger der steifen Würde Herrn Neckers, noch weniger der geistreichelnden Charakterlosigkeit des Herrn Linguet, der nur Leute zu blenden vermag, die des Tageslichts ganz und gar entwöhnt sind, aber angesichts der Möglichkeit der Verabschiedung Neckers kann ich mir nicht verhehlen, daß, wer auch sein Nachfolger sein mag, er sicher nur noch unfähiger sein wird, Frankreich vor dem Ruin zu retten.
Ist es nicht auch ein Zeichen bedenklichen Niedergangs, daß ich an die reizendste aller Marquisen schreibe, als wäre sie ein alter Diplomat? Wahrhaftig, der Franzose verlernt es, in seinem Klub- und Kaffeehausleben mit schönen Frauen Konversation zu machen. An Stelle der Kunst der Unterhaltung tritt der schlechte Stil der Journale oder der rohe Jargon der Grisetten.
Der Dienst, schönste Frau, führt mich in nächster Zeit nach dem Elsaß. Sie würden sich einer geistigen Lebensrettung rühmen können, wenn Sie mir auch nur für wenige Tage Aufnahme gewähren. Allein die Hoffnung, Sie zu sehen, Ihre kleine Hand ehrfürchtig an die Lippen ziehen zu dürfen, entreißt mich schon der morosen Stimmung. Die Gegenwart vergessen, indem man sie genießt, ist schließlich die beste Philosophie.
Graf Guibert an Delphine.
Paris, am 20. März 1781.
Teuerste Delphine. Wie ich Adam beneide! Er wurde zwar gleich mir nach einer Zeit, die zeitlos war, darum so lang wie die Ewigkeit und so kurz wie ein Augenaufschlag, aus dem Paradiese vertrieben –, aber er hatte doch die verbotene Frucht genossen!
Habe ich Ihnen nicht wochenlang treu gedient? sogar das Grauen vor dem unheimlichen Gast Ihres Hauses überwunden, um Ihnen im Kampf gegen diese Riesenspinne beizustehen, die unsichtbar ihre Fäden um Sie zieht.
Habe ich in Ihren neuen Parkanlagen nicht den Obergärtner, beim Ausbau Ihres Pavillons nicht den Architekten gespielt, wobei ich die süße Hoffnung nährte, daß diese Grotten und Lauben, daß diese rosiggoldene Venusmuschel mir einmal mehr zu bieten hätte als künstlerischen Genuß?
Unser Jahrhundert ist ein mit den köstlichsten Gütern reich beladenes Schiff, das einem fremden Erdteil zusteuert, um, vom Orkan getrieben, an seinen Felsen zu zerschellen. Aber mag all sein Reichtum dabei zugrunde gehen, wenn nur gerettet wird, was zur höchsten Blüte sich entfaltete: die Kunst der Liebe. Und Sie, geboren zu ihrer Hüterin, wollen ihr jetzt schon treulos sein? Heißt das nicht, den Barbaren die Zukunft überlassen? Sollten nicht gerade wir, die Kinder einer sterbenden Epoche, noch jede Glücksmöglichkeit erschöpfen, damit sie im rotglühenden Glanze des Abendrots untergeht, und nicht unter grauem Himmel und kühlen Regentränen?