"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrücktwerden! Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er würde zurückkehren, um wie früher in seinem Lehnstuhl hinter der großen Zeitung zu sitzen, während ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, daß Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging, um dies Ereigniß mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzählen.'
"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.
"'Ich versichere dir, liebe Freundin, daß ich glaubte, du habest dich längst über den Stadtklatsch erhaben gefühlt. Außerdem kannst du nicht annehmen, daß deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt bleiben würden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie enden; es ist ganz natürlich, daß gewöhnliche Leute den Maßstab ihrer Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon weiß, hat es nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurück ist. Gehst du an den Hof heut Abend?'
"'Ja, man sagt, er wäre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese Stückchen Souveränität amüsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu Haus, ich finde keinen Geschmack an der großen Welt; mein Buch, meine Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die faul und indolent ist; auch schwöre ich dir, daß ich, wenn es nicht um die kleinen Triumphe der Eitelkeit wäre, die mir Spaß machen, gar nicht ausgehen würde; ich begreife deshalb nicht, wie eine häßliche Frau daran Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'
"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.
"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefällige Bewunderung nicht, dafür ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewöhnliche Sterbliche, seine kleinen und großen Aventüren gehabt.'
"'Trotz eurer kleinen und großen Aventüren seid ihr aber Alle kein Goethe geworden!'
"Louise lachte, jede Spur von Thränen und Ärger war verwischt.
"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.
"'Frau Gräfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stück liegen,' meinte die Jungfer kopfschüttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mußte alle seine Waren ausbreiten, die aufs Gründlichste examinirt wurden; Louise suchte drei der schönsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon, ließ die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafür auf die Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelöst, dem sie ein Rokoko-Armband für vier Louisd'or abkaufte.